Nuhu, der begnadete Leichtfuss

Kasim Nuhu gelang gegen ZSKA Moskau eine Weltklasseleistung – und ein kurioses Eigentor. Der junge Ghanaer geht entspannt mit dem Rückschlag um.

Mit sehr viel Talent gesegnet: YB-Verteidiger Kasim Nuhu.

Mit sehr viel Talent gesegnet: YB-Verteidiger Kasim Nuhu.

(Bild: Christian Pfander)

Fabian Ruch

Auch die Brüder in Ghana schauten vor dem TV zu. YB vs. ZSKA ging im Champions-League-Rahmen mit weltweiter Übertragung über die Bühne. Und nicht nur in Kumasi rieben sich Beobachter am Dienstag die Augen. Wenn ­Kasim Nuhu die Zweikämpfe gewann, als seien die Gegenspieler Balletttänzer. Wenn Nuhu filigran wie ein Balletttänzer den Ball behandelte. Wenn er mit zentimetergenauen Pässen die Angriffe einleitete. Wenn er als hinterster Mann riskante Dribblings elegant vollführte. Wenn er aus dem Fussgelenk 50-Meter-Seitenverlagerungen initiierte. Wenn er den Ball energisch übers halbe Feld trieb. Wenn er aus 35 Metern kraftvoll aufs Tor schoss.

Angenehme Eigenschaft

Kasim Nuhu, seit ein paar Wochen 22, war der mit Abstand beste Spieler auf dem Berner Kunstrasen. Oben auf der Tribüne freuten sich seine Berater über den prächtigen Bewerbungsvortrag ihres Mandanten. Unten kam die 91. Minute. Und mit ihr ein typischer Nuhu-Moment. Steve von Bergen hatte vor ein paar Tagen in den höchsten Tönen von seinem Partner in der Innenverteidigung geschwärmt, aber nicht vergessen, ausführlich zu erwähnen, wie er Nuhu jeweils das gesamte Spiel über antreibt, coacht, dirigiert. Unerbittlich. Bis in die Nachspielzeit. «Er ist so gut», hatte von Bergen gesagt, «dass er manchmal unkonzentriert ist.»

Ohne diese Nachlässigkeiten könnte der begabte Luftikus ­bereits bei einem Topklub wie ­Liverpool (das verzweifelt einen zentralen Verteidiger von Format sucht) spielen. Aber Nuhu ist Nuhu. Und in jener fatalen 91. Minute war von Bergen weit weg, als es galt, eine Aufgabe zu erledigen, die jeder Fünftliga-Feierabendkicker problemlos bewältigen würde. Nuhu schaffte es, ein Slapstick-Eigentor zu produzieren, für das der Begriff «Kopfballrückgabeheber» kreiert werden darf. Das ungewollte Kunstwerk dürfte auf Youtube beachtlichen Ruhm erlangen. Auf der Tribüne löschte diese Zeitung den Sekunden zuvor gesetzten Titel bei den Spielernoten («Nuhu Weltklasse»).

Man kann Kasim Nuhu zuweilen mangelnde Ernsthaftigkeit vorwerfen. Aber seine eher legere Einstellung bringt eine angenehme Eigenschaft mit sich, wenn es gilt, Rückschläge zu verarbeiten. Er hält sich nicht mit negativen Gedanken auf. Und so erscheint er am Mittwochmittag erstaunlich aufgeräumt und locker zum Pressetermin. Natürlich sei er traurig gewesen über seinen Fehler, räumt Nuhu ein, «aber solche Dinge passieren». Es tue ihm leid für den Verein, die Mitspieler und die tollen Fans, aber er habe gar keine Zeit, sich lange mit dem ­Geschehen vom Dienstag zu beschäftigen. «Wir haben am Samstag ein grosses Spiel in Zürich.»

Lob und Trost

Im Gespräch ist der Stolz über die eigene Vorstellung ab und zu aus den Worten Nuhus herauszuhören. Ob es seine beste Leistung gewesen sei, vermag er nicht zu beantworten, vermutlich ist ihm das auch nicht wichtig. Vor dem Eigentor habe er beim ersten Kopfball nicht ideal agiert, beim zweiten habe er den Ball David von Ballmoos in die Hände köpfeln wollen. Der ebenfalls junge Torhüter war nach vorne gelaufen – und wurde überlobt. «Wir hätten besser miteinander reden müssen. Ich hatte nur Augen für den Ball», sagt Nuhu. Mit Goalie Steve von Bergen hätte ZSKA diesen Treffer wohl nicht erzielt.

Das möglicherweise folgenschwere Gegentor ist auch ein Ergebnis der Vereinsphilosophie, noch stärker auf junge, talentierte Fussballer zu setzen. Dieser Weg ist alternativlos und smart. «Ich muss daraus lernen», sagt Nuhu. Der Zuspruch nach der Partie sei grossartig gewesen, alle hätten ihn gelobt und getröstet. Als einer der Ersten war Ersatzspieler Marco Bürki, Rivale in der Innenverteidigung, bei ihm, legte den Arm um Nuhu und sprach aufmunternde Worte.

Sie nennen ihn nur «Piqué»

Und auf dem Handy erhielt Nuhu viele Nachrichten aus aller Welt. Frühere Mitspieler von Real Mallorca meldeten sich und gratulierten zur Darbietung. Sie nennen Nuhu nur noch «Piqué». Barcelonas Weltklasseabwehrspieler Gerard Piqué lenkte kürzlich im Hinspiel des spanischen Supercups zwischen Barcelona und Real Madrid (1:3) eine Hereingabe ins eigene Tor. «Eigentore schiessen die Allerbesten», sagt Nuhu.

Die Missgeschicke von Piqué und Nuhu sind zwar überhaupt nicht zu vergleichen, aber die Leichtigkeit schadet dem Prozess der Verarbeitung des Verteidigers kaum. Lieber nimmt er das – in ­jeder Beziehung zutreffende – Lob seiner Brüder aus Kumasi mit auf den weiteren Weg nach ganz oben: «Du warst der Mann des Spiels.»

Berner Zeitung

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