Ausgepresst wie eine Zitrone

Marc Schneiders junge Trainerkarriere verläuft trotz Niederlage des FC Thun im Cupfinal erfreulich. Und es gibt Parallelen zu Adi Hütter und Eintracht Frankfurt.

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Fabian Ruch

Es ist ein Cupfinal, den die Liga verdient hat. Basel und Thun liefern sich am Sonntagnachmittag einen Match von enorm geringem Gehalt, Abspielfehler prägen die Veranstaltung, das Tempo ist tief, manchmal wähnt man sich gar an einem Vorsaisonkick Anfang Juli. Das passt zu dieser kläglichen Super-League-Saison, in der ausser dem überragenden Meister YB kein Team überzeugt.

Irgendeiner aber muss ja Zweiter werden. Und irgendeiner Dritter. Und irgendwer muss diesen Cupfinal gewinnen. Es ist der FCB, der trotz unerklärlich passiver und grösstenteils schwacher Vorstellung eine Spur solider ist. «Für den Verein ist dieser Titel sehr wichtig», sagt Basels Trainer Marcel Koller, der trotz Vertrags bis 2020 keineswegs unumstritten ist.

Enttäuschende Basler

Dieser Cupfinal ist auch das Duell zweier Trainer aus unterschiedlichen Generationen.

Einerseits Marcel Koller, 58 Jahre alt, als Fussballer mit GC Titelhamsterer (es ist ein paar Jahrzehnte her), als Trainer Meister mit St. Gallen und GC, später in der Bundesliga und jahrelang im österreichischen Nationalteam tätig. Für ihn ist es am Sonntag tatsächlich der erste Cupsieg als Coach.

Andererseits Marc Schneider, er ist 20 Jahre jünger als Koller und könnte dessen Sohn sein, erst seit 22 Monaten im Profibereich tätig, ein grosses Talent als Fussballlehrer. Er hat noch ganz viel Zeit, um auch als Trainer den Cup zu gewinnen.

Der Final im Stade de Suisse spiegelt ein bisschen die Philosophie der Verantwortungsträger an der Seitenlinie wieder. Basel agiert kontrolliert, vorsichtig, behäbig, fast schon mutlos, die Thuner trauen sich etwas zu, sie sind forsch und phasenweise richtig mutig, genau so eben, wie es Marc Schneider vor der Begegnung forderte. Es fehlt ihrem Kader an diesem Tag jedoch an der Qualität, um den bescheidenen Favoriten zu bezwingen. Doch erstaunlich ist es schon, wie wenig der FCB sein Potenzial ausschöpft. Ausser dem agilen, überragenden Grosstalent Noah Okafor sticht keiner heraus, schon gar nicht durch technische Klasse, obwohl einige Basler Akteure das Gefühl haben, im spielerisch besten Team der Liga zu sein.

Kampf um Belohnung

Zum tristen Niveau des Endspiels passt die enttäuschende Kulisse. Das Stade de Suisse ist nur zu zwei Dritteln gefüllt, an jedem gewöhnlichen YB-Heimspiel sind Tausende Besucher mehr in der Arena. Und das, obwohl der FCB die grösste Fangemeinde des Landes besitzt und die Thuner Supporter keine lange Anreise nach Bern haben.

Für die Oberländer ist es gleichwohl ein grosser Tag, nach dem 1:2 sind sie enttäuscht. Wegen der irrwitzigen Terminplanung müssen sie bereits in zwei Tagen wieder ran, ironischerweise zu Hause gegen den FCB. Thun bleiben zwei Runden, um eine lange Zeit herausragende Spielzeit nicht als Verlierer zu beenden. Sie absolvierten bis weit in den Frühling hinein die beste Saison der Vereinsgeschichte, waren monatelang Dritte, erreichten den Cupfinal. Und nun droht in den Runden 35 und 36 im Extremfall der Absturz auf Position 8.

Aber – diese verrückte Super League macht es möglich – noch immer ist auch Lugano auf Rang 3 und damit die direkte Qualifikation für die Europa League nur einen Punkt entfernt. Bloss acht Zähler haben die Thuner in den letzten 13 Ligapartien geholt, es ist die Bilanz eines Absteigers; dank der hervorragenden Vorrunde aber dürfen sie immer noch von kontinentalen Auftritten nächste Saison träumen. «Niemand erwartet von uns eine Teilnahme am Europacup», sagt Schneider. «Aber wenn man so lange vorne dabei ist, möchte man sich am Ende schon belohnen.»

Das Gespräch mit Hütter

Noch immer also hat kein Berner Club im Stade de Suisse einen Cupfinal gewonnen. Die Young Boys scheiterten dreimal, zuletzt als grosser Favorit vor einem Jahr gegen den FCZ (1:2). Ungefähr zu dieser Zeit traf sich Marc Schneider zufälligerweise mit dem damaligen YB-Trainer Adi Hütter. Die beiden waren im Mai 2018 im gleichen Berner Restaurant beim Nachtessen, Schneider feierte den Geburtstag seiner Frau, und redeten über eine Stunde zusammen. «Adi Hütters Art und seine Arbeit faszinieren mich», sagt Schneider, «ich kann viel von ihm lernen.»

Adi Hütter
(Bild: Keystone)

Mitgenommen aus dem Gespräch hat er unter anderem die gemeinsame Überzeugung, sich von Experten beraten zu lassen. Mittlerweile muss ein Fussballtrainer ja in sehr vielen Bereichen kompetent sein, in der Psychologie wie in der Teamführung, in der Sportmedizin wie im Auftreten. Hütter lässt sich in all diesen Punkten und in einigen weiteren von Spezialisten unterstützen und tauscht sich immer wieder mit ihnen aus. «Man kann und muss nicht überall der Beste sein», sagt auch Schneider. «Deshalb ist es wichtig, sich Ratschläge zu holen. Da muss man als Trainer investieren.» Sehr wichtig sei für ihn die Führung der Spieler, sagt der 38-Jährige, in diesem Gebiet wird er eng von einem Experten begleitet. «Ich bin ein junger Trainer und möchte mich überall verbessern.»

Eintrachts Einbruch

Mit Adi Hütter steht Schneider immer noch regelmässig in Kontakt. Die beiden erleben eine sehr ähnliche Saison. Auch Hütter lief es mit Eintracht Frankfurt über weite Strecken prächtig, sein Team begeisterte Fussballdeutschland, lief mit grandiosen Leistungen durch die Europa League – und lag nach 28 Runden in der Bundesliga vier Punkte und mehr vor den Konkurrenten im Kampf um eine Champions-League-Teilnahme auf Rang 4. Doch Frankfurt brach brutal ein, holte in den letzten sechs Spieltagen nur zwei Remis, aus einem Vorsprung von zehn Punkten auf Leverkusen wurde innerhalb von sechs Runden ein Rückstand von vier. Der Höhenflug in der Europa League zehrte an den Kräften, im Halbfinal schied Frankfurt nach heroischem Kampf beim Weltclub Chelsea erst im Elfmeterschiessen aus.

Am Samstag sah es sogar so aus, als ob die Eintracht am Ende nur den achten Platz belegen und damit den Europacup verpassen würde. Weil aber Hoffenheim (mal wieder) eine Führung preisgab und nach 2:0 noch 2:4 in Mainz verlor, rettete sich Frankfurt gerade noch in die Europa-League-Qualifikation.

Treffen mit Frankfurt?

Nach dem 1:5 am Samstag beim neuen und alten Meister Bayern München sagte Adi Hütter, Eintracht Frankfurt dürfe trotz der schwierigen Schlussphase zufrieden und stolz sein. «Wir haben unsere Fans begeistert und legendäre Partien erlebt. Aber das war unsere 50. Begegnung in dieser Saison, die Spieler sind ausgepresst wie eine Zitrone.»

So wirken in diesen Wochen auch die Thuner Akteure. Möglicherweise verteidigen sie in den nächsten Tagen eine Top-5-Platzierung, vielleicht retten sie sich als Vierte oder Fünfte ebenfalls mit letzter Kraft in die Europa-League-Qualifikation.

Dort könnte Schneiders Thun im Sommer auf Hütters Frankfurt treffen.

Berner Zeitung

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