Aufruhr beim heutigen Schweiz-Gegner

Das finanzielle Gebaren des irischen Verbands beeinflusst die Stimmung um die Nationalmannschaft auch vor dem Spiel gegen die Schweiz.

Der gefährlichste Stürmer der Irländer spielt in der Premier League bei Sheffield United: Callum Robinson. Foto: Getty Images

Der gefährlichste Stürmer der Irländer spielt in der Premier League bei Sheffield United: Callum Robinson. Foto: Getty Images

Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Wer an den Fussball in Irland denkt, sieht Menschen in grünen Leibchen. Er hört sie singen und Geschichten erzählen.

Keiner hat schöner über den irischen Fussball geschrieben als Roddy Doyle, der Vater wunderbarer Bücher wie «The Commitments» oder «The Snapper». Er beschrieb den Sommer 1990, als die irischen Fussballer zur WM nach Italien fuhren, zu ihrer ersten WM überhaupt.

«Auch ich war froh, ein Ire zu sein, ich war stolz darauf. Noch nie zuvor hatte ich dies empfunden; es wäre mir peinlich gewesen. Doch nicht jetzt.» Er wusste nur nicht, wie er nach einem Spiel seiner Mannschaft heimgekommen war, er hatte es im Pub geschaut, «das grosse Bier schützend an der Brust – wie ein Baby, das herumgetragen wird».

Sie wollten zeigen, dass sie Iren sind und nicht Engländer.

1988 hatte es angefangen, dass der Fussball die Iren entdeckte. Damals waren sie erstmals an einer EM gewesen und überfluteten zu Zehntausenden Deutschland. In Erinnerung blieben sie, weil sie unendlich viel tranken und unendlich friedlich blieben. Sie wollten zeigen, dass sie Iren sind und nicht Engländer.

Zwei Jahre später war der Held der Nation noch immer ein Engländer, Jack Charlton, er war der kauzige Coach, der das «kick and rush» liebte. Mit vier Remis und zwei Toren erreichte seine Mannschaft den Viertelfinal. Es waren sagenumwobene Tage.

Protest? Oder Hilfe?

Jetzt ist 2019, und der irische Fussball ist in Aufruhr. Die finanzielle Situation des Verbands, der FAI, ist so verworren, dass gleich sechs verschiedene Untersuchungen laufen, auch die Polizei ist involviert. Wenn es für die Beteiligten schlecht läuft, drohen ihnen Gefängnisstrafen.

Die leidige Geschichte begann mit dem Entscheid der FAI, zusammen mit dem Rugby-Verband ein neues Nationalstadion zu bauen. Wo die Lansdowne Road stand, wurde für 410 Millionen Euro das Aviva Stadium hochgezogen. Die FAI, besonders ihr Generalsekretär, verfolgte den Plan, das 2010 bezogene Stadion so schnell als möglich abzuzahlen. Damit haben sich dann ihre Probleme derart ausgewachsen, dass sie jetzt von der Uefa um die 20 Millionen Euro vorbeziehen musste, um ihren Verpflichtungen nachkommen zu können.

Als eine Folge der Führungskrise ist das Stadion bei einem Länderspiel seit Jahren nicht mehr ausverkauft gewesen. Um den Schaden zu begrenzen, verteilt der Verband jeweils Tausende von Gratistickets an Clubs und Kinder. Im März, beim Heimspiel in der EM-Qualifikation gegen Georgien, begehrten die Fans auf und warfen Tennisbälle auf den Rasen. Wenn morgen beim Besuch der Schweiz 40'000 Zuschauer da sind, ist das erstaunlich gut. Vor allem ist die Frage: Protestieren sie? Oder stehen sie hinter ihrer Mannschaft?

Heim- und Auswärtsfans sind in Irland nicht die gleichen. Die Auswärtsfans sind es in allererster Linie, die das Bild vom irischen Fussballfan prägen. Zu Tausenden ziehen sie los, um ihrer Mannschaft aufs Festland zu folgen und da während ein paar Tagen eine gute Zeit zu haben. So war das etwa an der EM 2012, als Irland gegen Spanien überfordert war und 0:4 zurücklag.

Darum begannen die Iren auf den Tribünen «Field of Athenry» zu singen, 1,5 Millionen haben sich das auf Youtube schon angeschaut. Das Lied passte zur Hoffnungslosigkeit der Fussballer: Es handelt von der irischen Hungersnot im 19. Jahrhundert. Die Uefa ehrte die irischen Fans am Ende jenes Jahres mit einem Sonderpreis.

Die Mittelklasse aus England

Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit müssen sich die Fussballer gerade derzeit mit anderen Sportarten teilen, die typisch sind für das Land. Im Gaelic Football fand am Sonntag der Final vor 80'000 Zuschauern statt, und so viele kommen nochmals, wenn der in ein paar Tagen wiederholt wird. Das Rugby-Team wiederum bereitet sich auf die WM in Japan vor. Aktuell ist es die Nummer 2 der Welt. Die Fussballer liegen auf Rang 32.

Immerhin sind sie ordentlich in diese EM-Qualifikation gestartet und haben die Pflicht mit den Siegen gegen Georgien und zweimal gegen Gibraltar erfüllt. Das 1:1 in Dänemark ragt als Ergebnis heraus, seit Mick McCarthy letzten November als Nationaltrainer zurückgekehrt ist.

Das Rückgrat seiner Mannschaft besteht aus Spielern aus der Mittelklasse der Premier League: In der Abwehr sind das Seamus Coleman (Everton) und Shane Duffy (Brighton), im Mittelfeld Conor Hourihane (Aston Villa) und Jeff Hendrick (Burnley), und ganz vorne ist es Callum Robinson, einer von vier Spielern von Aufsteiger Sheffield United. Am Samstag hatte er einen grossen Auftritt mit seinem Tor beim 2:2 gegen Chelsea.

Die Iren haben sechs Punkte mehr, aber auch zwei Spiele mehr als die Schweiz. Ihr Problem ist das Toreschiessen, fünfmal haben sie erst getroffen. Wenigstens verhehlen sie ihre Freude nicht, dass bei der Schweiz Xherdan Shaqiri fehlt. Stürmer David McGoldrick sagt: «Ich bin darum ganz aufgeregt.»


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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