Aufbruch jenseits des Atlantiks

In der Nacht auf Sonntag startet der frühere YB-Spieler Leonardo Bertone mit dem FC Cincinnati in die neue Saison. Der Club hat Grosses vor, Bertone auch.

Aus dem Schweizer Winter in die Wärme Floridas: Mit Cincinnati bereite sich Leonardo Bertone (Vierter von links) in Florida auf die neue Saison vor.

Aus dem Schweizer Winter in die Wärme Floridas: Mit Cincinnati bereite sich Leonardo Bertone (Vierter von links) in Florida auf die neue Saison vor.

(Bild: Reuters)

Dominic Wuillemin

Der Weg führt raus aus Cincinnati, Ohio, wo Leonardo Bertone mitten in der Stadt ein Appartement bezogen hat, eine halbstündige Autofahrt lang nach Milford zum Trainingsgelände des FC Cincinnati.

Dienstagmorgen um 8.45 Uhr, Arbeitsbeginn für den bald 25-Jährigen in der neuen Welt. Es ist die letzte Woche vor dem Saisonstart in der Major League Soccer (MLS), der sich im Aufschwung befindenden wichtigsten Fussball-Liga Nordamerikas. In der Nacht auf morgen, Schweizer Zeit, gastiert Cincinnati bei den Seattle Sounders, vier Flugstunden und über 3000 Kilometer entfernt. Das Stadion dürfte mit knapp 40'000 Zuschauern ausverkauft sein. Es ist eine grosse, ja durchaus aufregende Welt, in der sich der Mittelfeldspieler seit kurzem bewegt.

Raus aus der Komfortzone

Bis Ende Jahr stand Bertone bei YB unter Vertrag, dem Club, dem er als Zehnjähriger beigetreten war, bei dem er seinen ersten Profivertrag unterschrieb, in der Super League debütierte und – der Höhepunkt in dieser mit viel Lo­kal­ko­lo­rit gefärbten Aufsteigergeschichte – letzten Sommer den Gewinn des ersten Meistertitels nach 32 Jahren feierte.

Aufgewachsen in Wohlen bei Bern spielte Bertones Leben rund um die Hauptstadt, hier lebt seine Verlobte, hier wohnen Familie und Freunde. Insofern kam der Wechsel über den Atlantik einem grossen Schritt gleich, einem aus der Komfortzone. Jetzt meldet Bertone, während er das Auto über den Highway steuert: «Ich freue mich enorm, hier zu sein.»

Als der Wechsel bekannt wurde, sorgte er für Verwunderung. Was er denn dort wolle, war eine gängige Reaktion. Bertone nahm es gelassen, weil er sich sagte: Jene, die so denken, kennen die Hintergründe nicht. Bereits im Sommer hatte er seinen Abgang forciert, den Berner reizte das Abenteuer, das ein Auslandtransfer darstellt. Es gab Interesse aus der Bundesliga, das sich jedoch nicht konkretisierte. Als er dann zu Saisonbeginn kaum spielte, und nach dem Zuzug Sandro Laupers in der Hierarchie der Zentrumsspieler weiter abrutschte, merkte Bertone, dass sich seine Zeit bei YB dem Ende näherte. Sein Vertrag wäre im Sommer ausgelaufen, er wollte nicht riskieren, dass ihm der Makel des Bankdrückers anhaftet.

Einer von 25 Neuen

Das Interesse aus den USA kam deshalb zum richtigen Zeitpunkt, und die Verantwortlichen des FC Cincinnati liessen keine Zweifel aufkommen, dass es ihnen ernst ist. Im Oktober flog der Sportchef nach Bern, eine Woche später auch der Trainer. Die Bemühungen schmeichelten Bertone, er begann sich mit dem Gedanken anzufreunden. Als er das seiner Verlobten erzählte, sei sie erst geschockt gewesen, sagt Bertone. Nun führen die beiden eine Fernbeziehung, geplant ist, dass sie dereinst nach Cincinnati nachzieht.

Leonardo Bertone. Foto: Reuters

Es kann schwer sein, sich an einem neuen Ort zurechtzufinden, fern der Menschen, die man liebt. Er vermisse das Leben in Bern, sagt Bertone. Die YB-Spiele verfolgt er im Fernsehen, mit den früheren Teamkollegen hat er über Facetime Kontakt. Aber, das wird im Gespräch deutlich, bereuen tut er den Schritt nicht.

Das Einleben sei ihm leicht gemacht worden, sagt Bertone. Es half, dass es fast allen Mitspielern gleich erging. 25 neue Akteure stehen im Kader, darunter Nigerianer, Jamaikaner, Mexikaner, Polen und Franzosen. Es ist eine kleine Weltauswahl, eine, in der für Bertone, der Einsätze in der Champions und Europa League vorweisen kann, eine Führungsrolle vorgesehen ist. Es seien gerade spannende Zeiten, sagt Bertone. «Hier wird von Grund auf etwas Neues aufgebaut.»

Der Rat von Martínez

Es soll der Beginn von etwas Grossem sein. Der Club besteht erst seit 2015, nach drei Saisons in der zweithöchsten Liga, die Cincinnati letztes Jahr auf dem ersten Platz abgeschlossen hatte, wurde der Franchise auf diese Saison hin ein Platz in der MLS zugesprochen. Bis 2021 wird ein neues Stadion entstehen, Kostenpunkt 250 Millionen, Fassungsvermögen 26'000 Zuschauer. In Milford baut der FC Cincinnati zudem ein neues Trainingszentrum für 30 Millionen Dollar.

Die Fussballbegeisterung in der Stadt, die mit Agglomeration rund 2 Millionen Einwohner zählt, ist gross. Letzte Saison kamen im Schnitt über 25 000 Zuschauer – nur vier MLS-Vereine wiesen einen höheren Wert aus. Förderlich ist, dass sich weder das lokale Football- noch das Baseball-Team mit Ruhm bekleckern.

Nun also beginnt die neue Saison, mit einem happigen Programm. Auf das Duell mit Seattle, dem Meister von 2016,folgt in einer Woche die Partie bei Atlanta United, dem amtierenden Champion. Dabei wird es für Bertone zum Wiedersehen mit Josef Martínez kommen. Die beiden waren einst bei YB Teamkollegen gewesen, in Nordamerika ist Martínez zum Star gereift, letzte Saison erzielte er 35 Tore und wurden zum besten Spieler der Liga gewählt. Vor seinem Entscheid zum Wechsel habe er Martínez kontaktiert, sagt Bertone.

Der Venezolaner wusste nichts Schlechtes zu berichten, er hat sein Glück in Übersee gefunden. Bertone will es ihm gleichtun.

Berner Zeitung

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