Bickels Antwort auf die Pussy-Debatte

In einem offenen Brief reagiert YB-Sportchef Fredy Bickel auf die Fussball-Kritik von Büne Huber.

Fredy Bickel wendet sich mit einem offenen Brief an seinen Freund Büne Huber.

Fredy Bickel wendet sich mit einem offenen Brief an seinen Freund Büne Huber.

(Bild: Keystone)

Wieso? Wieso hast ausgerechnet Du das Fussballnest beschmutzt und somit auch die Young Boys nicht ausgelassen? Die Berner verehrten Dich, wenn die YB-Fans Dein Scharlachrot, für mich noch immer eines der schönsten Liebeslieder überhaupt (bin ich deshalb vielleicht eine Pussy?), im Stadion singen, überschüttet dies alle Leute mit guten Gefühlen! Wieso Du, mit dem ich so wunderbare Diskussionen über alle Facetten dieses Lebens führen darf, der mich bei den Konzerten völlig einnimmt! Alle die, die Dich so sehr mögen, Dich und den Fussball: Wir verstehen nun die Welt nicht mehr. Deine Pussyerklärung muss ein riesiges Problem aufgezeigt haben. Resultate, Verletzungen, Transfergeschichten, alles hast Du in den Hintergrund gedrängt und uns die wahren Dinge über Kerle und Sport aufgezeigt!

Auch ich stelle mein Weltbild plötzlich infrage. Dinge, von denen ich dachte, sie in den letzten Jahren endlich verstanden zu haben, stehen wieder in einem völlig anderen Licht. Wie haben mich doch die Tattoos, die ich erstmals bei den Musikern entdeckte, gestört. Laut sagen durfte ich es nie! Nein, harte Jungs machen das, entgegnete man mir. Ich galt deshalb als Pussy und weil ich nicht nur die tätowierten Rockstars, sondern ebenso die so zurückhaltenden Chansonsänger, die bodenständigen Schweizer Liedermacher liebte. Als auch noch die Sportler oder meine beiden Töchter mit solchen Körperverzierungen auftauchten, musste ich eingestehen, dass dies nun in der heutigen Zeit zum Ausdruck von Persönlichkeit gehört. Ich bedauerte nur noch, dass man – wegen unterschiedlicher Bekleidung – dies nicht bei allen Sportarten erkennt, und auch ich noch immer keinen solchen Schmuck vorzeigen kann. Wieso hast Du mir nicht schon früher gesagt, dass sich die Eishockeyspieler nicht tätowieren und eigentlich nur die nicht tätowierten Musiker richtige Kerle sind? Ich hätte mir so viele Gedanken ersparen können.

Und das Bild vom Eishockey? Ich dachte bisher immer, dass auch in diesem Sport versucht wird, etwas zu provozieren, Showeinlagen zu bieten, den einen oder anderen Vorteil gegenüber dem Gegner herauszuholen. Nun weiss ich, dem ist nicht so. Diese Spieler, diese harten, untätowierten Kerle, tun das nicht. Im Gegenteil. Sie haben durch ihre Art ihr Feingefühl auf dem Eis verloren, zeigen höchstens in den Schlussminuten, oder wenn es im Spiel eng wird, etwas Nerven und verlieren dabei manchmal das Gleichgewicht.

Büne, Du willst keinen Fussball mehr schauen, obwohl Du mir doch kürzlich bei einem Konzert versprochen hast, bald im Stade de Suisse aufzutauchen. Hast gesagt, dass Du YB eigentlich schon auch magst, das Fussballstadion aber die Bühne von Kuno sei. Ja, Du bist eben auch keine Pussy, weil Du nicht tätowiert bist, Du Dein Revier verteidigst und in der Postfinance-Arena Deinen Mann stellst. Aber, weisst Du, egal, was Du tust und sagst, ich liebe Dich trotzdem (gelte ich nun trotzdem als Pussy?). Denn, wenn ich mir nun doch nochmals die ganze Pussy-Aufregung vor Augen führe, merke ich, dass sich diese Geschichten eigentlich gar nicht lohnen, es völlig unbedeutend ist, und ich daher mein Weltbild nicht verändern muss. Du hast mit Deinem Interview nur aufgezeigt, was wir an der Musik, am Sport so sehr lieben: die wunderbaren Emotionen, die uns dabei geschenkt werden. Egal aus welchem Grund. Du hast diese in ereignislosen Sportstunden bewusst und selbstlos geweckt. Du bist und bleibst einfach nur genial!

In dankbarer Freundschaft, Fredy

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