Shkodran Mustafi - der Albaner, der für Deutschland trifft

Der Weltmeister startet erfolgreich in die Euro. In einer vor der Pause sehr unterhaltsamen Begegnung setzt sich Deutschland gegen die Ukraine 2:0 durch.

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Fabian Ruch

Da spricht mindestens halb Fussballeuropa über das Brüderduell der Xhakas und über das Treffen der albanisch-stämmigen Schweizer am Samstag mit ihrem Vaterland – doch der einzige gebürtige Albaner, der am ersten EM-Wochenende trifft, wurde im hessischen Bad Hersfeld geboren und trägt den Namen Shkodran Mustafi.

Das passt namenstechnisch auch ganz gut zu diesem Sonntag, an dem zuvor einzig Luka Modric für Kroatien und Arkadiusz Milik für Polen getroffen haben. Mustafi, kräftig gebaut, setzt sich in Deutschlands EM-Startspiel nach 19 Minuten und einem scharfen Freistoss von Toni Kroos gegen die kräftig gebauten Ukrainer durch und erzielt mit einem wuchtigen Kopfball das 1:0 für den Favoriten.

Ukraine mutig und frech

Es ist das einzige Tor in einer rasanten, spektakulären ersten Halbzeit, die auch 3:2 hätte enden können. Für die Ukraine. Der Aussenseiter präsentiert sich mutig, kombiniert frech und vor allem über die ausgezeichneten Flügelspieler Andrej Jarmolenko und Yevhen Konopljanka flink nach vorne.

Bereits nach wenigen Minuten verhindert Manuel Neuer, neuer Captain seines Teams in Abwesenheit des Reservisten Bastian Schweinsteiger, mit einer starken Parade gegen Konopljanka einen Rückstand. Später rettet der dreifache Welttorhüter nach einem Abschluss Yevhen Kacheridis aus wenigen Metern fantastisch und lenkt den Kopfball über die Latte.

Und kurz vor der Pause, als auch Neuer geschlagen ist, bugsiert Jerome Boateng den Ball, den er selber Richtung Tor abgelenkt hat, in extremis von der Linie. Dazwischen vergab Sami Khedira auf der anderen Seite alleine vor dem Tor das 2:0, als er an Ukraines Torhüter Andrej Pjatow scheiterte.

Boateng wie Chuck Norris

Nach einer ersten Halbzeit, die den Zuschauern im prächtigen Pierre-Mauroy-Stadion in Lille vor rund 50'000 Zuschauern allerbeste Unterhaltung bot, dürften die Trainer in der Kabine einigen Redebedarf gehabt haben.

Ihre Abwehrreihen präsentierten sich vogelwild, bei den Deutschen bildete Jerome Boateng als eine Art Chuck Norris (und damit Alleskönner) des Abwehrfussballs teilweise eine Einerkette, derart überfordert wirkten seine Nebenleute, wenn die Ukrainer mit Tempo und Spielwitz über die Seiten vorrückten.

Erstaunen konnten die Defensivprobleme des Weltmeisters nicht. Philipp Lahm gab 2014 seinen Rücktritt aus dem Nationalteam, starke Aussenverteidiger fehlen im deutschen Kader, an der WM vor zwei Jahren probierte Trainer Joachim Löw sogar eine Abwehrreihe mit vier zentralen Verteidigern aus.

Und mit Mustafi traf gestern der Ersatzmann des Ersatzmannes zum 1:0. Weil Mats Hummels nach einer Verletzung wohl erst im dritten Vorrundenspiel zur Verfügung stehen wird, hätte eigentlich Antonio Rüdiger den Partner von Jerome Boateng in der zentralen Sicherheitszentrale bilden. Rüdiger aber riss beim ersten Training im französischen Evian das Kreuzband – und so rückte Mustafi ins Team.

Nach dem Seitenwechsel gönnen sich die zwei Teams eine ausgiebige Auszeit vom Hochgeschwindigkeitstreiben. Deutschland dominiert nun das Geschehen deutlich, greift früh an, dringt aber nicht in den Strafraum der Ukraine vor.

Die präzisen Seitenverlagerungen sind hübsch anzuschauen, hebeln die ukrainische Abwehr jedoch nicht aus. Und weil Boateng endlich wirkungsvolle Unterstützung seiner Adjutanten erhält, muss Neuer kaum noch eingreifen.

Schweinsteigers Einstand

Die Einbahnveranstaltung in der zweiten Halbzeit ist für das Publikum erheblich weniger prickelnd als der Wildwestverkehr vor der Pause. Erst wenige Minuten vor Spielende lösen sich die taktischen Fesseln wieder.

Der unglücklich spielende Mesut Özil vergibt die Entscheidung kläglich, im Gegenzug will Mustafi zu Neuer zurückköpfeln, doch der Goalie ist wieder einmal weit vor dem Strafraum unterwegs, was für einen deutschen Schreckmoment sorgt. Aber nur kurz.

In der Nachspielzeit erzielt der eben eingewechselte Schweinsteiger, ohne Captainbinde, das 2:0. Er hatte seit dem 2. Januar verletzungsbedingt bloss 20 Minuten für Manchester United in der Premier League bestritten. Rechtzeitig zur Euro aber scheint der WM-Held 2014 wieder belastbar zu sein. Es ist ein gutes Zeichen für Deutschland.

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