Milan Vilotic: Attacke? Nein danke!

Seit zwei Wochen ist Milan Vilotic zurück bei den Grasshoppers. Auf seine Zeit bei den Young Boys blickt der serbische Verteidiger ­ohne Groll. Die Frage ist, ob man ihm Glauben schenken soll.

Ohne Verbalgrätschen: ­Milan Vilotic verliert kein schlechtes Wort über YB.

Ohne Verbalgrätschen: ­Milan Vilotic verliert kein schlechtes Wort über YB. Bild: Freshfocus

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Für Milan Vilotic gäbe es genügend Gründe, sich negativ zu seiner Zeit bei den Young Boys zu äussern. Vor allem jetzt, da er mit GC einen neuen Arbeitgeber gefunden hat. Der 30-Jährige könnte etwa sein Unverständnis dar­über kundtun, im Spätsommer von einem auf den anderen Tag in den Nachwuchs verbannt worden zu sein. Er könnte Schadenfreude oder Genugtuung erkennen lassen, weil die Berner derzeit Probleme offenbaren – vorab in der Defensive.

Weil es nach dem peinlichen Aus im Cupviertelfinal gegen Winterthur Fanstimmen gab, die meinten, den zwar teuren, aber routinierten Verteidiger hätte man doch ganz gut ­gebrauchen können. Und wenn ihm das alles schon nicht über die Lippen geht, so könnte Vilotic wenigstens sagen, wie schwer es gewesen ist, stillschweigend der Arbeit nachzugehen, während andere über ihn herzogen. Ihn als Schmarotzer betitelten, der seinen sehr gut dotierten Vertrag aussitzt. Oder als Pendenz, die es zu erledigen gilt. Heisst: die ­seinen Namen so bald wie möglich von der Lohnliste streichen wollten.

Profi durch und durch

Milan Vilotic sitzt gestern Mittag in einem Sitzungszimmer auf dem GC-Campus in Niederhasli. Er sagt: «Die Abschiebung in den Nachwuchs war schwer nachvollziehbar. Aber solche Dinge passieren im Profifussball. Ich habe versucht, das Beste daraus zu ­machen. Und ich bin überzeugt, dass ich mich in den letzten Monaten als Persönlichkeit weiterentwickelt habe.» Er meint, das Ausscheiden im Cup seiner früheren Teamkollegen sei für ihn wie wohl für alle überraschend gekommen. Aber die Defensive dafür verantwortlich machen? Kommt für ihn nicht infrage.

Abschliessend sagt Vilotic, mit seiner Zeit in Bern verbinde er keine negativen Gefühle. «Auch bei der U-21 habe ich gute Momente erlebt.» Das Training sei professionell gewesen, mit einigen Spielern des Nachwuchses stehe er weiter in Kontakt. Und was wäre gewesen, wenn der Wechsel am letztmöglichen Tag Ende Februar zu GC nicht geklappt hätte? «Dann wäre ich bei YB geblieben.»

Einen Wechsel nach China (trotz eines Angebotes, wie er sagt) oder Nordamerika habe er nicht in ­Betracht gezogen. Den Medienverantwortlichen, der das ganze Gespräch hindurch an der Seite des Serben sitzt, braucht es nicht. Milan Vilotic ist Profi durch und durch.

Aber soll man glauben, was er sagt?

Alles ist relativ

Der Termin ist beendet. Milan ­Vilotic fährt im Auto seines früheren Arbeitgebers gerade zum Ausgang des Trainingszentrums, da hält er an, lässt die Scheibe runter, nimmt sein Smartphone hervor und sagt, es gebe Wichtigeres im Leben als Fussball. Auf dem Bildschirm ist ein Foto seiner bald zweijährigen Tochter zu sehen. Die Aufnahme steht sinnbildlich für alles, was sich neben dem aufgebauschten Geschäft abspielt, in dem zuweilen der Eindruck entsteht, es gehe um Leben und Tod.

2010 entdeckten die Ärzte bei Milan Vilotic einen bösartigen Tumor im Schulterblatt. Während des Gesprächs sagt er einmal, er sei damals an einem Punkt gestanden, da habe es für ihn fünf Szenarien gegeben. Und nur eines davon sei gewesen, weiter Fussball spielen zu können. Was sind da schon ein paar Monate bei YB in der Verbannung dagegen? Er sagt: «Natürlich habe ich mir meine Zeit in Bern anders vorgestellt. Aber es ist, wie es ist. Ich schaue nach vorne.»

Vieles ist neu

Nach vorne heisst: Abstiegskampf mit GC. Was das bedeutet, hat Milan Vilotic in seinen ersten zwei Wochen in Zürich bereits erfahren müssen. Trainer Pierluigi Tami, der ihn geholt und als Wunschspieler ­bezeichnet hatte, ist nicht mehr da. Gestern Vormittag leitete erstmals Carlos Bernegger das Training. Der 48-jährige vormalige Nachwuchscoach übernahm nach der kläglichen 1:2-Heimniederlage am Samstag gegen Vaduz.

Der Kontrast zu Vilotics erster Zeit bei GC (2012 bis 2014) könnte nicht grösser sein. In der Geschäftsstelle hängt ein Foto aus diesen erfolgreichen Tagen. Es zeigt Vilotic beim Cuptriumph 2013. Mit auf dem Foto: Roman Bürki, Michael Lang, Steven Zuber, Shkelzen Gashi, Izet Hajrovic und so weiter und so fort. Während der gestrigen Übungseinheit muss man sich dagegen bemühen, bekannte Gesichter zu erkennen.

Da sind Vilotic, der Brasilianer Caio, der Schwede Bergström und natürlich der israelische Torjäger Munas Dabbur, der wie Vilotic im Winter zurückkehrte. Aber da sind auch viele, denen, wenn man nett sein will, der Durchbruch erst noch bevorsteht. Vilotic, der bei YB ­seine letzte Partie im August bestritten hatte, ist sofort gefordert, als Abwehrchef, als Führungsspieler. Er sagt: «Jedes Team braucht Leader.» Er traut sich diese Rolle ohne Spielpraxis, aber mit jahrelanger Erfahrung zu. Zumal er findet, er habe ein gewisses ­Talent dafür, eine Gruppe zu führen. Mehr als einmal sagt er: «Ich bin sehr zufrieden, zurück bei GC zu sein.»

In diesen Tagen organisiert ­Vilotic den Umzug. «Zu Hause», sagt Milan Vilotic, habe er sich bei GC vom ersten Tag an gefühlt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.03.2017, 11:01 Uhr

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