An einem steilen Berg

Josip Drmic hat zwei schwere Knieverletzungen hinter sich. Zurück im Nationalteam hofft er, bei der WM dabei zu sein.

«Stolz bin ich, wenn ich eine Trophäe gewonnen oder eine sensationelle Saison gespielt habe», sagt Josip Drmic. Foto: Toto Marti / Freshfocus

«Stolz bin ich, wenn ich eine Trophäe gewonnen oder eine sensationelle Saison gespielt habe», sagt Josip Drmic. Foto: Toto Marti / Freshfocus

Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Es sind Tage, die Josip Drmic guttun. Tage, um wieder ein Stück seines Weges zurück­legen zu können. Dafür muss er noch nicht einmal spielen, als die Schweiz am Freitagabend in Griechenland 1:0 gewinnt. Es tut ihm nur schon gut, einfach wieder zur Nationalmannschaft zu gehören.

Natürlich hat er andere Ambitionen. Er hat seine Träume, und darin geht es um Grösseres: ­wieder einmal eine Saison spielen wie 2013/14, als er für den 1. FC Nürnberg in der Bundesliga 17 Tore schoss und sich für den Transfer nach Leverkusen empfahl, oder im Sommer mit dem Nationalteam an der WM die Viertelfinals erreichen. Vielleicht kommt es sogar so weit, dass sie sich erfüllen.

Aber im Moment sagt Drmic: «Ich bin in einer Situation, in der ich mir kleine Ziele setzen muss. Wie sagt man? Ich muss kleinere Brötchen backen.»

Die Prognose versprach, dass er sicher wieder spielen könne.

26 wird er im August, erst 26. Da bleibt ihm noch immer viel Zeit, um Ziele zu erreichen. Sein Unglück ist, dass er schon viel verpasst hat, weil sein rechtes Knie schwer verletzt war. Der Knorpel war kaputt – nicht einmal, gleich zweimal. Drmics Einsatzbilanz der letzten zwei Jahre sagt alles über die Folgen davon: In dieser Zeit hat er im Club 64 von möglichen 89 Spielen verpasst oder 7305 von 8010 Minuten. Und im Nationalteam 21 von 22 Spielen oder 1955 von 1980 Minuten.

Der lange Leidensweg begann am 13. März 2016, als er für den Hamburger SV gegen Leverkusen spielte. Er war ein paar Wochen zuvor nach Hamburg ausgeliehen worden, um hier sportlich wieder auf den Weg zurückzufinden, von dem er in Leverkusen und Mönchengladbach abgekommen war. Er kam viel zum Einsatz, bis er gegen Leverkusen einen Schlag aufs Knie erhielt. Das Gelenk schwoll an, die Diagnose stellte der Arzt: Knorpelschaden, Operation, 6 bis 9 Monate kein Fussball mehr. Die Prognose versprach, dass er ­sicher wieder spielen könne.

Dann war das Knie wieder kaputt – «einfach so»

Er sagt: «Ob das gleich ein Leidensweg ist, den ich hinter mir habe, ist eine Frage der Perspektive. Du bist als Fussballer einfach weg von der Mannschaft, du hast nur die Rehabilitation. Du weisst, der Weg führt einen steilen Berg hoch.»

Neun Monate musste er pausieren, bis er im Dezember 2016 für Mönchengladbach sein Comeback gab, eine Minute lang. Er wurde behutsam aufgebaut und eingesetzt. Vladimir Petkovic berief ihn im folgenden März ins Nationalteam, als es in der WM-Qualifikation gegen Lettland ging. «Das Spiel war kompliziert», erinnert sich Drmic, «wir griffen an und machten das Tor doch nicht. Der Trainer strebte eine Veränderung an.» Petkovic wechselte Drmic ein, Admir Mehmedi kam an den Ball, flankte ihn zur Mitte, da stand Drmic, und der wusste: «Ich muss so hoch steigen wie möglich. Ich muss den Ball einfach perfekt treffen.» Er stieg und traf.

Die Schweiz gewann 1:0, Drmic widmete den Sieg seinem Onkel, der an diesem Tag Geburtstag hatte, und berichtete davon, wie die Verletzung ihn mental stärker gemacht habe. Vier Wochen später, am 22. April, wärmte er sich für das Spiel mit Gladbach gegen Dortmund auf. «Da ist es passiert», erinnert er sich, «einfach so, ohne Gegner, ohne Zweikampf.»

Es war wieder das Knie, wieder das rechte, wieder ein Knorpelschaden. Er fragte sich nach dem Grund: War es eine Fehlbelastung, eine Überbelastung, eine Folge der Operation? Er fand die Antwort nicht. Er sah nur viele Ärzte, und von denen hörte er: «Hör mal, ­Josip, du spielst nie mehr Fussball!»

Er fiel in ein Loch, ein tiefes Loch. Er war drei Wochen lang ohne Plan, kopflos, er wusste nicht mehr, wohin, ob nach links oder rechts. Vorschläge prasselten auf ihn ein, was er jetzt tun soll, wo er sich behandeln lassen soll – in den USA, in England. Dann sagte er: «Stopp, ich höre auf mein Herz. Ich mache, was für mich Sinn macht.»

«Ich habe das Umfeld so gestaltet, dass alles Negative gelöscht wurde.»

Er ging zum Arzt seines Vertrauens, den er seit seiner Zeit in Nürnberg kennt, er entschloss sich, von nun an nur noch Leute um sich zu haben, die positiv eingestellt sind oder, wie er es sagt: «Ich habe das Umfeld so gestaltet, dass alles Negative gelöscht wurde.» Dazu hatte er mit Mönchengladbach einen Verein im Rücken, der alles mittrug, was er entschied.

Am 18. Mai wurde er erneut operiert. Am 18. November gab er sein zweites Comeback, wie beim ersten Mal für eine Minute.

Trainer Dieter Hecking führt ihn auch jetzt behutsam an die ­Anforderungen der Bundesliga ­heran. Er setzt ihn einmal sieben Minuten ein, dann wieder gar nicht, dann elf, bis der Samstag letzter Woche kommt, das Spiel gegen Hoffenheim. Bobadilla verletzt sich früh, «Josip, jetzt musst du rein», sagt Hecking, und nach zwölf Minuten erzielt Drmic einen Treffer.

Die Gedanken an das Risiko verdrängen

Es ist nicht einfach irgendeiner. Es ist mehr. Das hat nichts damit zu tun, dass ihm der Ball dabei un-­absichtlich an die Hand geprallt ist und er deshalb ein paar Momente gezittert hat, bis der Videoschiedsrichter die Aktion abgesegnet hat. Nein, das Besondere daran ist, dass es sein erstes Tor in der Bundesliga ist nach zwei Jahren, seit dem 27. Februar 2016. Drmic sagt: «Ein Tor zu erzielen, ist ein einzigartiger Moment. Jedes Tor tut mir gut. Es stärkt mich.»

Das Risiko besteht für Drmic, dass eine Fortsetzung der Karriere ausgeschlossen ist, sollte er sich ein drittes Mal am Knorpel verletzen. Er hat gelernt, damit umzugehen, und das tut er, indem er die Gedanken daran verdrängt. Nur nichts Negatives zulassen, auch jetzt nicht. Einfach stark sein im Kopf, wie das Mentale umschrieben wird. Das ist sein Plan. Er weiss, was er machen muss, wie er trainieren muss, damit es dem Knie gut geht.

Von seinem Kampf erzählt Drmic in Athen, wohin sich die Schweizer für diese Woche zurückgezogen haben. Er freut sich, die alten Teamkollegen zu sehen, er spürt «eine super Stimmung» und sieht «eine super Qualität».

Aber ist er auch stolz auf sich, dass er wieder dazugehört, dass er auch die zweite schwere Verletzung überstanden hat? «Stolz bin ich, wenn ich eine Trophäe gewonnen oder eine sensationelle Saison gespielt habe», sagt er. Er hat noch viel Arbeit vor sich. Der Gipfel ist nicht erreicht.

Und hat er sich einmal gefragt, wieso ausgerechnet ihm all das ­widerfahren musste? «Das Schicksal ist geschrieben. Ich kann es nicht beeinflussen. Das kann nur der da oben.» Als er an die Decke schaut, huscht ihm ein Lächeln übers ­Gesicht mit dem feinen Bart.

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