Alter Bekannter mit neuer Gelassenheit

Moreno Costanzo beim FC Thun: Das war einst unvorstellbar. Sein Glück hat der frühere YB-Spieler dennoch gefunden. Der 29-Jährige ist zu einem Hoffnungsträger avanciert.

Im Aufschwung: Nach durchzogener Vorrunde wusste Moreno Costanzo zuletzt zu überzeugen.

Im Aufschwung: Nach durchzogener Vorrunde wusste Moreno Costanzo zuletzt zu überzeugen.

(Bild: Christian Pfander)

Dominic Wuillemin

Moreno Costanzo feiert übernächste Woche seinen 30. Geburtstag. Schon den 30., ist man geneigt zu schreiben und realisiert, dass man selber alt wird. War Costanzo nicht eben noch der junge Aufsteiger, der in St. Gallen brillierte, im Nationalteam debütierte und bei YB zum Hoffnungsträger avancierte?

Costanzo sitzt am Donnerstagmittag auf einem Holzstuhl im Medienraum der Stockhorn-Arena. Äusserlich hat er sich über all die Jahre kaum verändert. ­Seine Gesichtszüge haben noch immer etwas Bubenhaftes, die schwarzen Haare trägt er kurz und wie eh und je nach oben gegelt.

Costanzo ist einer dieser Menschen, bei denen eine Altersschätzung geradeaus ins Fettnäpfchen führen kann. Seine Worte aber zeugen von Reife. Er sagt: «Früher hatte ich nur Fussball im Kopf. Doch mit eigenen Kindern erhält man einen anderen Blick auf das Leben.»

Zwei hat der Mittelfeldakteur mittlerweile, 3½- und 1½-jährig. «Aber», sagt Costanzo, «man kann zehn Kinder haben, wenn es im Fussball läuft, dann ist alles einfacher. Wenn nicht, färbt das automatisch aufs Privatleben ab.»

Das Eingeständnis

Momentan läuft es ihm. Zwei Tore hat Moreno Costanzo zum Auftakt der zweiten Saisonhälfte am Sonntag beim FC Zürich erzielt. Er machte – anders als in der Vorrunde – einen fitten Eindruck, er hatte viele Ballkontakte, er war spielbestimmend.

Zum 2:0 traf er nach einem Prellball. Das siegbringende 4:2 gelang ihm in der 84. Minute mit einem Lupfer, den in der Super League nur wenige so ausführen können, weil nur wenige über so viel Gefühl im Fussgelenk verfügen wie Costanzo.

«Es war ein guter Start. Aber ich bin lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass es rasch anders laufen kann», sagt er. Es ist eine typische Aussage für den Ostschweizer, gerät ihm ein Satz zu positiv, wiegelt er sofort ab. Und umgekehrt: Ist der Ton zu negativ, beschwichtigt er.

Thuns Sportchef Andres Gerber beschreibt Costanzo als einen Menschen, dem man anmerke, dass er schon viel erlebt habe. «Er ist abgeklärt und hat einen nüchternen Blick auf die Dinge.» Costanzo beim FC Thun: Das war einst unvorstellbar.

Als er 2010 zu YB gewechselt hatte, wollte er Meister werden. Und dann den nächsten Schritt vollziehen, in eine der grossen Ligen Europas. So erzählt er das. Stattdessen spielte er nach viereinhalb durchzogenen Jahren in Bern für Aarau und Vaduz.

«Natürlich ist es nicht so gekommen, wie ich mir das erhofft habe. Aber Fussball lässt sich nicht planen», sagt er. In seinen Worten ist keine Verbitterung bemerkbar. Er scheint sich mit seinem Werdegang arrangiert zu haben.

Die Heimatverbundenheit

Moreno Costanzo hat sich im Laufe der Zeit neue Ziele gesteckt. Nach einem enttäuschenden halben Jahr in Aarau 2015 ­habe er einfach einen Klub in der Super League finden wollen, sagt er. Er sei schliesslich ein realistischer Mensch.

Der Verbleib in der höchsten Liga hatte für ihn auch im Sommer Priorität. Deshalb löste er nach dem Abstieg in die Challenge League den Vertrag beim FC Vaduz auf. «Hätten wir den Ligaerhalt geschafft, wäre ich wohl geblieben», sagt er. In Liechtenstein, nahe der Heimat, fühlte er sich wohl. Die Wohnung in St. Gallen hat die Familie behalten, Costanzo wohnt wie schon zu YB-Zeiten in Gümligen. An freien Tagen fährt er – wenn möglich – in die Ostschweiz.

Angekommen ist die Nummer 16 beim FC Thun dennoch. Den Club erlebt Costanzo so, wie er ihn in all den Jahren aus der Distanz wahrgenommen habe, sagt er. «Als familiär, ruhig und frei von Polemik.» Im Oberland ist der siebenfache Nationalspieler einer der wenigen Routiniers. «Ich bin kein Lautsprecher», sagt er auf die Frage, wie er seine Führungsrolle interpretiere. «Ich versuche, mit meinen Leistungen voranzugehen.» Und, als würde er schon sein Leben lang beim FC Thun spielen, fügt er an: «Hier zählt nur das Kollektiv.»

An guten Tagen kann Costanzo in diesem Kollektiv den Unterschied ausmachen, wie am Sonntag beim FCZ. Nach einer Vorrunde, in der er nach langer Verletzungspause schleppend in die Gänge gekommen war, ist er beim FCT so zum Hoffnungsträger avanciert.

Die vorzügliche Bilanz

Zumal Zentrumsspieler mit seiner Torgefährlichkeit hierzu­lande rar sind. In den letzten zehn Saisons hat Moreno Costanzo nur einmal weniger als sechs Treffer erzielt, nach der Partie beim FCZ ist er bei vier in elf Partien an­gelangt. Er lege keinen grossen Wert auf solche Statistiken, sagt Costanzo. «In meinem Alter steigt der Marktwert nicht mehr. Die Jungen sollen sich beim Toreschiessen ruhig hervortun.»

Er schmunzelt, als er sich so ­reden hört.

Berner Zeitung

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