Zustand zum Einfrieren

Marco Wölfli bleibt im Höhenflug bescheiden wie immer. Im Besitz von Cristiano Ronaldos Leibchen ist ein anderer YB-Spieler.

Grosser Abend: Marco Wölfli vs. Cristiano Ronaldo.

Grosser Abend: Marco Wölfli vs. Cristiano Ronaldo.

(Bild: Raphael Moser)

Fabian Ruch

Es gibt viele Möglichkeiten, den 2:1-Sieg der Young Boys gegen Juventus angemessen zu würdigen. Zum Beispiel: Real Madrid, Napoli, Manchester United, YB. Gegen diese vier Teams hat Juventus 2018 in 48 Partien eine Niederlage erlitten. Der italienische Serienmeister hat dabei nur ein Auswärtsspiel verloren – am Mittwoch in Bern! Oder: Die Young Boys nahmen an einem Abend 3 Millionen Franken Prämien ein und total annähernd 5 Millionen, was fast dem halben Saisonbudget des FC Thun entspricht.

Es existieren einige Figuren und Aufsteiger, die für den märchenhaften Höhenflug des Schweizer Meisters stehen. Gerardo Seoane, vor 12 Monaten noch gegen Wald-und-Wiesen-Vereine in der viertklassigen 1. Liga tätig, ist nun ein Weltclub-Bezwinger. Der Trainer hinterliess auch am Mittwoch einen exzellenten Eindruck. Er ordnete den Coup sachlich ein, sprach von Stolz, aber auch davon, dass es Glück benötige, um ein Team wie Juventus zu schlagen.

«Wir können das nur schaffen, wenn wir eine optimale Leistung abliefern und der Gegner nicht seine beste Form ausspielt.» Die hervorragende Arbeit des 40-Jährigen wird im Ausland beobachtet, zumal der Jungtrainer mit einer unheimlichen Abgeklärtheit unterwegs ist. Souverän und ruhig analysiert er die Dinge, er neigt nicht zu euphorischen Voten und verliert kaum die Übersicht.

Beeindruckend ist seine Bereitschaft, mutig zu sein, er stellt offensiv auf und seine Akteure gut ein, nimmt smarte Personalwechsel vor und fordert taktische Flexibilität (auch während einer Begegnung). Gegen Juventus operierte YB im ungewöhnlichen 3-4-3-System, was sich als passende Ausrichtung erwies. Seoane aber sagte: «Wenn Cristiano Ronaldo eine seiner Chancen in der Startphase ausnutzt, wäre das ein ganz anderes Spiel geworden.»

Wegweisende Entscheide

Die Young Boys werden die Bodenhaftung kaum verlieren. Dafür sorgt auch Christoph Spycher, Sportchef und Baumeister dieser hoffnungsvollen Mannschaft. Das ist sein Werk, und es wäre für Spycher kein einfacher Schritt, YB nächstes Jahr zu verlassen und die sehr reizvolle Herausforderung als Supermanager beim Schweizerischen Fussballverband anzutreten.

Es stehen ohnehin wegweisende Entscheidungen an, wobei der Club so stark aufgestellt ist wie nie. Und im Nachwuchs rollt die nächste Welle begabter Fussballer heran: Am Mittwochnachmittag hatte YB auch in der Youth League gegen Juventus gewonnen (4:2).

Der Zustand des Unternehmens ist derart prächtig, dass man YB wünscht, den Moment einfrieren zu können. Bald werden all die umworbenen Akteure in die grosse Fussballwelt ausschwärmen, einer nach dem anderen, im Winter vielleicht schon Kevin Mbabu und vermutlich Sékou Sanogo, der mit 29 Jahren nach einigen geplatzten Transfers nicht mehr viele Chancen bekommt, in eine Topliga zu wechseln.

Die Papas der Mannschaft, wie sie sich selber nennen, werden auch in der Rückrunde in Bern sein. Captain Steve von Bergen. Torjäger Guillaume Hoarau. Und Marco Wölfli, Berner Fussballlegende mit sizilianischen Wurzeln. Klein sind seine Augen am Donnerstagmorgen, als er im Stade de Suisse den grossen Auftritt Revue passieren lässt.

«Ich schlafe nach Spielen immer schlecht, weil ich Zeit benötige, um runterzufahren», sagt er. Es sei ein toller Abend gewesen, zumal seine zwei kleinen Söhne im Stadion gewesen seien. «Aber sie haben noch keine Vorliebe für Ronaldo oder Messi», sagt Wölfli schmunzelnd. «Sie lieben Wölfli.»

Das tut tout Fussballbern. Er habe ein paar Tage vorher gewusst, dass er spielen werde, sagt Wölfli. «Es ist schön, habe ich diesen Einsatz erhalten, das bedeutet mir viel.» Das Leibchen getauscht hat der 36-Jährige mit Douglas Costa. Das Shirt von Superstar Ronaldo blieb nach der Begegnung in der Juventus-Kabine. Allerdings hatte YB im Vorfeld von der Turiner Vereinsspitze ein Leibchen mit der magischen Nummer 7 erhalten, welches nun im Besitz ist von Miralem Sulejmani, der verletzten Nummer 7 von YB.

Ohne Angst

Auch Marco Wölfli betont, dass der Ball am Mittwochabend ideal für die Young Boys lief. «Und unsere junge Mannschaft hat ohne Angst gespielt», sagt er. «Das fand ich besonders stark.» Der Goalie geriet übrigens ein paarmal mit Ronaldo aneinander, unter anderem, weil der Portugiese ihn nach dem Anschlusstor rempelte. «Und ich war dann froh, entschieden die Schiedsrichter in der Nachspielzeit auf Abseits von Ronaldo, als Dybala das 2:2 schoss», sagt Wölfli.

«Ronaldo hat mich gestört, wobei dieser Schuss auch sonst schwer zu halten gewesen wäre.» Mit einem Augenzwinkern beantwortet Wölfli auch die Frage aller Fussballerfragen, ob Ronaldo oder Lionel Messi der bessere Spieler sei: «Das muss Messi sein, er hat hier im Stade de Suisse mit Argentinien in einem Länderspiel schliesslich zwei Tore gegen mich erzielt.»

Berner Zeitung

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