Young Boys noch immer ganz beseelt

Wie im Traum wandelt YB durch die erste Woche als Meister. Nach dem aufwühlenden Wochenende sind die Emotionen noch sehr präsent. Am Samstag gilt es in Sion zum ersten Mal wieder ernst.

Die Begeisterung kennt kaum Grenzen: Die YB-Meisterequipe wird beim Leichtathletikstadion im Wankdorf freudig empfangen.

Die Begeisterung kennt kaum Grenzen: Die YB-Meisterequipe wird beim Leichtathletikstadion im Wankdorf freudig empfangen. Bild: Christian Pfander

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Es ist gerade sehr viel los bei den Young Boys. Seit einer Woche ­stehen sie unumstösslich als ­neuer Schweizer Meister fest, ­jeden Tag treffen neue Gratu­lationen ein, von Super-League-Trainern, aus dem Bundeshaus und aus Madrid. Moment, Madrid? Tatsächlich erreichten YB am Freitag mittels eines Gratistelegrammdiensts Grüsse aus der spanischen Hauptstadt.

Absender war ein ­gewisser Florentino Perez, Präsident des grossen Real Madrid, der den Bernern in ­nüchternen ­Sätzen zum Titel ­gratulierte. Wenn nicht echt, dann ist das bestimmt echt gut erfunden, und YB könnte sich ja nach einem allfälligen Sieg im Endspiel der Champions League von Real gegen Liverpool (einen Tag vor dem Cupfinal in der Schweiz) revanchieren – vorausgesetzt, sie finden bis dahin jemanden, der noch ein Telegramm zu verschicken weiss.

Erfolg verpflichtet, das ist bekannt. Nach dem ersten Titel­gewinn seit 1987 darf es auch mal ein neuer Anstrich sein, und so werden am Donnerstagmittag die Spieler Kopf für Kopf abgelichtet. Es sind würdige Meistermienen, die da in edlem Tuch in die Linse blicken.

Auf ewig im Fussballgedächtnis

Zuvor haben sich die Spieler zwei Tage Partyurlaub in Barcelona gegönnt (siehe Interview). An der Feier in der katalanischen Metropole nahm das ganze Kader ohne Trainer teil.

In Barcelona weilten die Young Boys zufälligerweise im gleichen Hotel wie der holländische Meister PSV Eindhoven, der in Barcelona ebenfalls seinen Titel feierte – und im August nach überstandener dritter Qualifi­kationsrunde auch Gegner der Young Boys im Playoff zur Champions League sein könnte.

Noch ist die Champions League Verheissung. Trotzdem sind es magische Tage rund um YB, alle sind sie noch immer beseelt von diesem Samstagabend, dem 28. April 2018 – ein Datum, das sich auf ewig ins Berner Fussballgedächtnis eingebrannt hat.

«Wir haben uns die Bilder locker hundertmal angeschaut bis heute. Und kriegen trotzdem jedes Mal aufs Neue Gänsehaut», erzählt Verteidiger Loris Benito. «So etwas gibt es kein zweites Mal», sagt Adi Hütter.

Diverse Rotationen bei YB

Auch der Meistertrainer wartet nach den Festivitäten mit einer kleinen Überraschung auf. Mit Assistent Christian Peintinger hat er im Wintertrainingslager in Jerez vereinbart, dass sie sich – einmal am Ziel – die Haare bis auf zwei Millimeter abrasieren würden. «Und wer A sagt, muss auch B sagen», sagt Hütter und streicht sich über die Fastglatze.

Ihren ersten Auftritt als frisch(rasiert)e Meister haben die Young Boys bereits am Samstag beim FC Sion. Auch im Tourbillon dürfte es für die Berner Glückwünsche geben, sportlich aber richtet sich der Fokus bei den Wallisern auf den Abstiegskampf.

YB spielt ja wegen der Partien gegen Sion, Lugano und GC keine unwesentliche Rolle im Finish gegen den letzten Rang. «Wir werden uns auf alle verbleibenden Partie professionell vorbereiten und auch so auftreten», sagt Hütter, «aber es ist klar, dass es Veränderungen geben wird.»

Auch im Hinblick auf die englische Woche mit der Partie vom Auffahrtsdonnerstag in Basel und natürlich den Cupfinal am 27. Mai gegen den FC Zürich wird der Österreicher Rotationen vornehmen. «Einige brauchen eine Pause, vor allem aber will ich auch Spieler wertschätzen, die noch nicht so viel zum Einsatz gekommen sind und ebenso zum Titelgewinn beigetragen haben.» Und so könnte die seit dem 3. Dezember 2017 (1:3 gegen Thun) noch immer ungeschlagene YB-Mannschaft am Samstag gehörig durchmischt werden.

«So etwas gibt es kein zweites Mal.»Adi Hütter, YB-Trainer

Kandidaten für einen Startelfeinsatz sind Gregory Wüthrich, Nicolas Ngamaleu, Thorsten Schick oder Jordan ­Lotomba – nicht aber Alexandre Letellier. Der französische Ersatzgoalie wäre zu einem Einsatz gekommen, hätte er nicht aus traurigem Grund kurzfristig in seine Heimat reisen müssen: Sein Vater verstarb diese Woche nach längerer Krankheit.

Wer hat an der Uhr gedreht?

Tragik und Freude folgen in diesen Tagen immer nah aufeinander bei den Young Boys, nicht erst seit dem Tod von Andy Rihs vor zwei Wochen. Die Zeit rast, in ­etwas mehr als drei Wochen sind die Spieler schon in den Urlaub entlassen – und doch haben die Berner vorab mal selbst an der Uhr gedreht.

Auf dem Quartierplatz vor dem Stade de Suisse wurde die alte Matchuhr aus dem Wankdorfstadion ans historische Luzern-Spiel angepasst. Die Spielzeit steht jetzt bei der berühmten 89. Minute von Jean-Pierre Nsames Meistertreffer – das Resultat, ein 2:1, wurde ja ­bereits richtig angezeigt.

Zu verdanken hat YB das einem alten Bekannten: Christian Gross monierte bei seinem Antritt, ein Gewinnerclub, zu dem er YB zu machen gedachte, könne nicht mit einem 1:1 (Resultat aus der letzten Partie 2001 im alten Wankdorfstadion zwischen YB und Lugano) an diesem Mahnmal entstehen. Im Februar 2014, Gross war da längst wieder weg, liess YB auf 2:1 stellen – und zog vier Jahre danach mit dem Meistertitel nach. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.05.2018, 16:14 Uhr

Loris Benito im Interview

Zurück aus Barcelona – wie war der Kurztrip?
Loris Benito: Grossartig. Es war schön, ein bisschen weg zu sein, mit all diesen wunderbaren ­Bildern im Kopf, und es war grossartig, dass alle Spieler dabei waren. Das habe ich so in einer Mannschaft noch nie erlebt.

War das von vornherein geplant?
Wir wussten schon, dass wir irgendwann noch zusammen wegwollen. Aber gebucht haben wir das dann alles Samstagnacht, am Sonntag gegen Abend war dann schon der Flug ab Flughafen Bern-Belp.

Und Sie mit Ihren Spanischkenntnissen waren da als Wortführer gefragt?
Kasim (Nuhu) und Jean-Pierre (Nsame) sprechen ja auch ein bisschen Spanisch, aber es gab schon immer einiges zu organisieren (schmunzelt).

Die Social-Media-Abstinenz war gewollt?
Wir haben zusammen entschieden, dass für einmal nicht alles gepostet und gelikt werden soll von unserer Reise. Das hat gut funktioniert.

Zurück in Bern, wurden Sie am Flughafen mit einem Spalier der Feuerwehr empfangen, im ­ersten Training mit einer riesigen Flagge. Hilft das, zu reali­sieren, was Sie erreicht haben?
Es ist in erster Linie ein grossartiges Gefühl. Im Training haben uns alle YB-Mitarbeiter empfangen. Dass man ständig von Fans erwartet und angesprochen wird, habe ich etwa bei Benfica Lissabon auch erlebt, aber eine solche Euphorie, wie wir sie jetzt haben, ist neu und wird auch kaum zu toppen sein.

Es geht jetzt Schlag auf Schlag.
Die Zeit ist knapp, ja. Jetzt gilt es, sich auf die kommenden Spiele zu konzentrieren, dann folgt ein schöner Moment mit der Pokalübergabe, und in der letzten Woche wird sich ­alles um den Cupfinal drehen. ­Direkt danach sind Ferien, und wer weiss schon, wie es nachher weitergeht.

Kommt da auch etwas Wehmut auf?
Absolut, ja. Erfolg schweisst zusammen, und bei uns war das ­alles so emotional, dass es hart sein wird, wenn uns der eine oder andere verlässt. Aber das ist ein Teil des Geschäfts. Schön, konnten wir jetzt die Zeit ein wenig ­geniessen.

YB-Verteidiger Loris Benito

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