YB gewinnt turbulentes Spitzenspiel

YB behält in einem denkwürdigen, rasanten Spitzenkampf gegen St. Gallen die Oberhand und siegt dank drei Kopfballtoren und dem Schlusspunkt von Jean-Pierre Nsame mit 4:3.

Das letzte Wort hat YB: Jean-Pierre Nsame erhält von der St. Galler Abwehr freies Geleit und trifft zum 4:3.

Das letzte Wort hat YB: Jean-Pierre Nsame erhält von der St. Galler Abwehr freies Geleit und trifft zum 4:3.

(Bild: Keystone Peter Klaunzer)

Wird es ein 4:4? Ein 5:5, ein 6:6? Irgendwann schien klar, dass in diesem verrückten Spiel zwischen YB und St. Gallen auf jedes Tor ein nächstes folgen würde. Hin und her und hin ging es, und nach Jean-Pierre Nsames 4:3 in der 80. Minute wäre es keinem im Stadion in den Sinn gekommen, nicht mit noch einer Wendung zu rechnen.

Nichts schien gewiss in diesem denkwürdigen Spitzenkampf im Stade de Suisse, der von der ersten Minute hatte, was sonst so vielen Spielen dieser Liga abgeht: Klasse, Offensivgeist und viel, viel Tempo.

Peter Zeidler ist ein leidenschaftlicher Trainer, der 57-jährige Deutsche kann sich vor allem auch authentisch freuen. Kaum eine Gelegenheit liess er zuletzt aus, seine Vorfreude auf den Liga-Gipfel gegen YB kundzutun.

Das übertrug sich auf seine Mannschaft: Sie sprühte in diesen ersten Minuten vor Energie, sie überrollte lange Zeit die träge agierenden Young Boys, zu deren Verteidigung die nur drei Tage zurückliegende Partie in Rotterdam gegen Feyenoord (1:1) angeführt werden darf.

St. Gallens Blitzstart

Der St. Galler Hochdruck zeigte sofort Wirkung. Der umtriebige Captain Silvan Hefti brachte den Ball in den Strafraum, dort war Boris Babic wacher als die gesamte Berner Abwehr und traf überlegt zum 1:0. Keine drei Minuten später liess ebendieser Babic den YB-Dänen Frederik Sörensen uralt aussehen – nur die Unterlatte verhinderte das 2:0 für die rasant aufspielenden Ostschweizer.

Es wäre in dieser Phase kein wagemutiger Zocker gewesen, wer auf den ersten St. Galler Sieg überhaupt im Stade de Suisse gewettet hätte. «Das hohe Pressing stellte uns vor Probleme», sagte YB-Trainer Gerardo Seoane später anerkennend. «Die Frage war ja vor dem Spiel, ob wir es schaffen würden, das Level von YB zu erreichen», sinnierte Zeidler. «Wenigstens diese Frage haben wir schnell beantwortet.»

Und es war fürwahr kein tiefes Niveau, auf dem die beiden Teams ihren Schlagabtausch fortsetzten. Die St. Galler Offensivabteilung fühlte sich auf dem Berner Kunstrasen pudelwohl und kombinierte frisch, die Young Boys ihrerseits erwachten zumindest offensiv nach einer ersten Schockstarre – und kamen zu Toren. Cédric Zesiger traf nach einem Eckball per Kopf zum Ausgleich.

Mit den defensiven Unzulänglichkeiten war es bei den Young Boys aber noch lange nicht vorbei: Ulisses Garcia liess nach einem Corner Ermedin Demirovic gewähren, Michel Aebischer lenkte dessen Versuch unglücklich ab – am Ende verwertete Cedric Itten zum 2:1.

Der Basler belohnte sich für sein erstes Aufgebot ins Nationalteam (nach der Verletzung von Josip Drmic) gleich selbst. Und gespielt waren – obwohl bei dieser Ereignisdichte der Blick kaum je zur Uhr gewandert sein dürfte – erst 25 Minuten.

Verschnaufpause gab es keine, das Spiel kannte nur einen Takt, und der war in etwa so zackig wie folgende Beschreibung: Minute 30, Flanke Garcia, Kopfball Christian Fassnacht – Tor für YB. Mit einer Kreuzung aus Zirkusnummer und Abschlussversuch gelang Roger Assalé beinahe noch das 3:2, dann war Pause. Hinsetzen, einatmen, ausatmen. Durchschnaufen.

Überpünktlich waren die beiden Teams zurück aus der Kabine, es schien, als könnten sie kaum warten, dort anzuknüpfen, wo sie aufgehört hatten: beim Spektakel. Einzig YB-Goalie David von Ballmoos musste passen. Der Wechsel aufgrund leichter Adduktorenbeschwerden war auch eine Vorsichtsmassnahme – und bescherte Marco Wölfli das Saisondebüt.

Weiter ging es mit Tempo Tausend: Aebischer trat wieder einen Corner, wieder war Zesiger mit dem Kopf zur Stelle, YB führte 3:2. Und es blieb der Nachmittag der Kopfballkünstler: Weil Demirovic wiederum nur fünf Minuten später zum 3:3 einnickte, nachdem sich Sörensen verschätzt hatte.

Es war längst ein offener Schlagabtausch jetzt, die Partie entwickelte vor 28'000 Zuschauern (darunter etwa 2000 aus der Ostschweiz) in einer packenden Schlussphase echten Sog. Nun war YB besser, zwingender, es war eine beeindruckende Demonstration physischer Stärke in der aktuellen Personalsituation.

Und Zeidler? Der geriet ob seiner noch immer leidenschaftlich den Sieg anpeilenden, aber zuweilen naiv verteidigenden Equipe in Wahnsinnsfahrt, und als er nach Nsames 4:3 und weiteren Möglichkeiten auf beiden Seiten irgendwann erschöpft an der Pressekonferenz Platz nahm, blieb ihm trotz allem der Stolz. «Meine Mannschaft spielt immer auf Sieg, das kann ich an der Seitenlinie gar nicht ändern.»

Als Leader in die Pause

YB bleibt nach dem grossen Sieg Erster, Basel nach dem problemlosen Sieg in Lugano (3:0) den Bernern auf den Fersen, und St. Gallen ist nach wie vor zweiter Verfolger. Die Super League ist im Herbst 2019 aufregend, ja spannend – und manchmal sehr, sehr schnell.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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