YB: Balanceakt beim Kaderbau

Bei den Young Boys hat mit dem Uhrencup die finale Phase der Saisonvorbereitung begonnen. Das Gedränge im Kader ist gross. Zu gross?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Den Mann, der letzte Woche im österreichischen Fügen das YB-Training beobachtet, interessieren die Young Boys geringfügig. Er ist nicht ihretwegen hier, mitten im Urlaub, die Frau an seiner Seite. Er ist eines Mannes wegen ­gekommen, der bei den Gelb-Schwarzen im Hintergrund wirkt, für ihn aber im Vordergrund steht.

Er ist Fan von Borussia Dortmund und damit auch auf Lebzeiten von Stéphane Chapuisat. «Sie sind es, oder?», fragt er den YB-Chefscout, legt die Zurückhaltung ab und beginnt von früheren Zeiten zu schwärmen.

Bis irgendeinmal Chapuisats Telefon klingelt und der Fantalk beendet ist.Chapuisat hatte vor zwei Jahrzehnten geschafft, was viele der YB-Akteure auch sehr gerne erreichen würden: Er hat auf den ganz grossen Bühnen gespielt, Triumph in der Champions League 1997 inklusive.

Und weil der eine oder andere Young Boy sich nun einen Schritt näher zum europäischen Rampenlicht bewegen möchte, führt Chapuisat als wichtiger Mitarbeiter von Sportchef Christoph Spycher in diesen Tagen das eine oder andere Telefonat. Es gilt Transferströmungen zu antizipieren, Kontakte zu pflegen, Scouting-Datenbanken zu aktualisieren, Nachfolgerege­lungen aufzugleisen.

Es ist eine Gratwanderung: Einerseits möchten die Young Boys nicht mit einem aufgeblähten Kader die Vorrunde absolvieren, andererseits wollen sie bereit sein, sollte einer ihrer begehrten Spieler weiterziehen.

Lotombas Blessur als Einfluss

Ergebnisse dieser Vorgehens­weise hat der Club in den letzten Wochen präsentiert: Auf den Aussenverteidigerpositionen sind die Young Boys nach dem Zuzug von Linksverteidiger Ulisses Garcia sehr breit besetzt.

Weil aber Jordan Lotomba mit einer Knieverletzung noch einige Wochen ausfallen dürfte, käme es den Young Boys gelegen, sollte Überflieger Kevin Mbabu zumindest noch zu Beginn der Saison das YB-Trikot tragen. «Aber so etwas lässt sich nicht planen», sagt Spycher. «Plötzlich liegt ein Angebot vor, das für alle Parteien sinnvoll ist, dann können wir uns nicht verwehren.»

Je nach Programm – beispielsweise vor den Champions-League-Playoffs Mitte August – läge vielleicht ein kleines Zeitspiel drin. Eines, wie es der YB-Sportchef letzten Sommer betrieben hatte, als er den Verkauf von Yoric Ravet zu Freiburg vor den Partien gegen ZSKA Moskau verzögerte – ohne gewünschtes Resultat allerdings. Würde Lotomba länger ausfallen als angenommen, könnte sich ­Spycher im Falle eines Verkaufs Mbabus auch einen Leihersatz vorstellen.

6 potenzielle Innenverteidiger

Ähnlich präsentiert sich nach der Verpflichtung von Mohamed Ali Camara die Lage bei den Innenverteidigern. Weil die Young Boys die Gefahr als beträchtlich erachteten, dass ihr Wunschkandidat, der bald 21-jährige Nationalspieler Guineas, zu einem anderen Club hätte abspringen können, zogen sie das Geschäft mit dem israelischen Erstligisten Hapoel Raanana vor; auch wenn Kasim Nuhu noch da ist und sich momentan keine Destination für den wechselwilligen ghanaischen Nationalspieler abzeichnet.

Deshalb präsentiert sich das Angebot im Abwehrzentrum für Trainer Gerardo Seoane sehr üppig. Da ist natürlich Captain Steve von Bergen, da sind Nuhu und Camara, die Eigengewächse Jan Kronig und Gregory Wüthrich, der nach schwerer Verletzung, gefolgt von letztjähriger Übergangssaison, nun einen Stammplatz erobern will. Und da wäre im Notfall auch Sandro Lauper, der in Thun regelmässig zufriedenstellend als Abwehrfachkraft ausgeholfen hatte.

Ungeduld als Stimmungskiller

Der 21-jährige Konolfinger steht sinnbildlich für das Gedränge im YB-Kader. In erster Linie ist er zentraler Mittelfeldspieler und damit einer von fünf für voraussichtlich zwei Plätze in der Startaufstellung. Leonardo Bertone würde nach über einem Jahrzehnt im YB-Trikot gerne weiterziehen. Ein zufriedenstellendes Angebot für ihn liegt jedoch nicht vor.

Auszuschliessen ist natürlich auch der Abgang von Vorkämpfer Sékou Sanogo nicht – auch wenn YB den Ivorer nur sehr ungern verkaufen würde. Er glaube, der Transfermarkt nehme allmählich Schwung auf, sagt Spycher. Er wird in den nächsten Wochen vornehmlich als Verkäufer und nicht als Käufer gefordert sein.

Einzig im Angriff hat der Sportchef einem möglichen Abgang nicht vorgegriffen – namentlich jenem Roger Assalés. Das liegt auch daran, dass der Stürmermarkt der herausforderndste und das Transferbudget begrenzt ist. Weil das Angebot an valablen Kandidaten überschaubar ist, können die Preise für interessante Akteure sehr schnell steigen.

Und so herrscht bei den Young Boys elf Tage vor dem Saisonstart gegen GC Dichtestress. 27 Ak­teure stehen nach dem leihweisen Abgang von Offensivspieler Kwadwo Duah zu Servette im Kader.

Das kann sich auf die Stimmung auswirken, zumal sich beim einen oder anderen, der nun den nächsten Schritt vollziehen möchte, Ungeduld erkennbar macht. So hat Gerardo Seoane nicht nur die Qual der Wahl, er muss auch die Stimmung im Team sorgfältig managen. Im Trainerjargon nennt man das ein Luxusproblem. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.07.2018, 10:21 Uhr

Artikel zum Thema

Im Video: YB schlägt Feyenoord klar

VIDEO Die Young Boys haben ihr erstes Spiel am Uhrencup souverän 3:0 gewonnen. Der neue Innenverteidiger Mohamed Ali Camara debütierte in der zweiten Halbzeit. Mehr...

Temporäres Überangebot in der YB-Verteidigung

YB verpflichtet den Innenverteidiger Mohamed Ali Camara. Und hat im Abwehrzentrum nun fünf Spieler unter Vertrag. Mehr...

Nie ohne Handy

YB-Sportchef Christoph Spycher ist im Trainingslager ein viel beschäftigter Mann. Anders als der FC Basel hat der Meister aber noch keinen Leistungsträger verloren. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...