Wirtschaftlich gesund, sportlich krank

Der FCZ steckt in einer Dauerkrise. In den letzten zwölf Monaten ist beim Club von Trainer Rolf Fringer kein Stein auf dem anderen geblieben. Und trotzdem: Von Trendwende bisher keine Spur.

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Fast auf den Tag genau ein Jahr ist vergangen, seit der FC Zürich nach einem beschämenden Auftritt im Letzigrund und Platzverweisen gegen Alphonse und Margairaz gegen YB 1:2 verlor. Damals waren wie jetzt in der Super League zehn Runden gespielt. Der FCZ hatte zehn Punkte gewonnen, nun sind es neun. Nur: Damals hatten die Zürcher eine ganz andere Mannschaft, ein Team mit Erfahrung und einer gewissen Klasse, mit Nationalspielern wie Rodriguez, Margairaz, Mehmedi oder Chikhaoui. Und der FCZ war noch der Club, der sich vier Monate zuvor mit Basel im Meisterrennen ein Duell auf Augenhöhe geliefert und den Titel nur um einen Punkt verpasst hatte.

Von der Mannschaft, die an jenem 24. September den Young Boys unterlag, standen am Mittwoch beim 0:2 gegen St. Gallen noch zwei Spieler in der Startaufstellung: Philippe Koch und Teixeira. Nichts ist bezeichnender für den neu formierten FCZ als der Umstand, dass Koch, 21 und nicht unbedingt als grosse Leaderfigur bekannt, die Mannschaft als Captain anführte.

Kein Umbruch, ein Erdbeben

Beim FCZ ist in den letzten zwölf Monaten kein Stein auf dem anderen geblieben, nicht einfach ein Umbruch hat stattgefunden, sondern eine Art Erdbeben. 15 Spieler gingen, darunter alle Schweizer Nationalspieler und weitere Leistungsträger wie Djuric und Alphonse, der zuverlässige Captain Aegerter oder der beste Torschütze, Nikci. Die meisten wollten weg aus Zürich, um vorab im Ausland ihr Glück und mehr Geld zu finden. Andere wollte der Club abgeben, grösstenteils aus wirtschaftlichen Gründen. Die Spielerverkäufe spülten 17 Millionen Franken in die Kasse, dank ihnen konnte eine ausgeglichene Rechnung präsentiert werden - nach einem Verlust von 8,6 Millionen im Jahr zuvor.

Der FCZ gesundete wirtschaftlich, aber er erkrankte sportlich immer stärker. Die Mannschaft verlor durch die Abgänge entscheidend an Substanz. Zwar kamen im gleichen Zeitraum zwölf neue Spieler, vom brasilianischen Reinfall Ramazotti über den in der Bundesliga erprobten Gavranovic bis zum gestern leihweise verpflichteten Adis Jahovic vom FC Wil. Der grosse Transfer wie einst Chikhaoui oder Tihinen ist nicht darunter. Es ist relativ simpel, allein Fredy Bickel dafür verantwortlich zu machen. Gewiss, nicht bei allen Transfers hatte der Sportchef eine glückliche Hand, doch sind ihm auch strenge finanzielle Grenzen gesetzt. Der FCZ muss sparen und hat das Budget um drei Millionen auf rund 20 Millionen Franken gesenkt. Eine Folge: Mit Gonzalo Zarate von Salzburg war sich Bickel im Sommer über einen Transfer einig, doch der Argentinier war letztlich nicht zu finanzieren. Nun stürmt er für YB.

Ein FC Durchschnitt

Die FCZ-Ausgabe 2012/13 ist eine neue Mannschaft. Gegen St. Gallen betrug der Altersschnitt der Startformation 23 Jahre, die Abwehr, mit Djimsiti (19) für den verletzten Spielführer Beda, war mit 21,5 Jahren noch jugendlicher. Der FCZ dieser Saison ist eine sehr junge Mannschaft - aber (noch) keine gute, sondern eine höchst durchschnittliche. Ihr fehlen die Persönlichkeiten, die Anführer, die Typen: Spieler, die in schwierigen Situationen vorangehen. Und ihr fehlt zudem ein Spieler auf der Schlüsselposition im zentralen Mittelfeld, der das Spiel trägt, lenkt und prägt. Aber: Geld für einen grossen Transfer dürfte auch in der Winterpause kaum vorhanden sein.

Der FCZ ist in der Krise. Nicht erst jetzt, sondern seit mehr als einem Jahr und dem verpassten Titel im Duell mit Basel. Daran hat auch der neue Trainer Rolf Fringer nichts ändern können. Er machte den Fehler, mit Chikhaoui als Regisseur zu rechnen. Der Tunesier ist dauerverletzt, er steht wieder einmal im Aufbautraining. Noch ist Fringer unantastbar, doch mit jeder Niederlage wird er angreifbarer, wie auch Bickel und Präsident Ancillo Canepa, die schon Urs Fischer am Ende nicht mehr im Amt halten konnten. Fringer war danach ihr Wunschtrainer und der (vermeintliche) Garant für einen Aufschwung. Die Europa League wurde als Saisonziel genannt, der vierte Rang in der Super League ist dafür Pflicht. Nun beträgt der Rückstand auf diesen und den FC Basel bereits acht Punkte.

Fringer darf kein Thema sein

Es passt nicht zum Selbstverständnis des Grossclubs FCZ, tief in der zweiten Tabellenhälfte zu stehen. Das weiss Fringer. Und doch reklamiert er Zeit und Geduld für den Aufbau des neuen FCZ. Man soll sie ihm geben.

Tages-Anzeiger

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