«Wir sind weiter als vor einem Jahr»

Stephan Anliker ist Präsident des Grasshopper Club und des SC Langenthal. Vor dem Spiel zwischen Thun und GC (Samstag, 20 Uhr, Stockhorn-Arena) sagt der Oberaargauer, wie er den Rekordmeister aus Zürich wieder auf Kurs bringen will.

Zuversichtlich: Stephan Anliker will den Grasshopper Club wieder auf die Erfolgsspur führen.

Zuversichtlich: Stephan Anliker will den Grasshopper Club wieder auf die Erfolgsspur führen.

(Bild: Marcel Bieri)

Herr Anliker, haben Sie einen tiefen Schlaf?Stephan Anliker: Einen guten und einen tiefen, ja.

Den brauchen Sie auch. Erstens, wegen all Ihrer Engagements und zweitens, weil teilweise Unruhe damit verbunden ist. Kommen Sie auch zu genügend Schlaf? Das war eine der Grundvoraussetzungen, weshalb ich das Präsidium von GC am Schluss des Entscheidungsfindungsprozesses angenommen habe. Ich kann am Abend abstellen, gut schlafen, mich erholen und dann wieder mit vollem Elan an die Aufgaben herangehen.

Präsident von einem Klub zu sein, ist schon schwierig, Sie sind Präsident von zwei Klubs aus dem professionellen Sport, das macht ausser Ihnen kaum jemand. Daneben haben Sie noch eine Firma, sind im Verwaltungsrat von Zug 94 und haben noch Familie. Wie bringen Sie alles unter einen Hut? Das Wichtigste ist, dass man in sich selber eine gewisse Ruhe hat, zufrieden und mit Überzeugung agiert. Die Familie steht bei mir im Zentrum und ich baue alles um sie herum auf. Speziell die Terminsituationen. Ich teile mir meine Aufgaben gut ein, brauche dabei meine Ruhephasen und nehme mir diese auch und dies konsequent. Daneben kommt es natürlich sehr auf die eigene Organisation an, inklusive der Menschen um mich herum.

Sie sprechen einen Punkt an, der bei GC zuletzt nicht gestimmt hat. Absolut. Sehen Sie, der SC Langenthal bereitete mir vor sieben Jahren gleich viel Arbeit wie heute GC. Heute gibt mir der SCL nur noch wenig zu tun. Der operative Bereich stimmt in sich und alles beruht auf gegenseitigem Vertrauen. Auch bei GC ist die Entwicklung positiv. Wir sind heute viel, viel weiter als noch vor einem Jahr. Bei GC stimmt das Operative heute auch, in einem Jahr ist uns eine Art Quantensprung gelungen. Dennoch haben wir viel Arbeit bei GC. Wir müssen uns neu ausrichten und zu einer nachhaltigen Clubführung kommen. Wir sollten dies gemeinsam schaffen. Der Schlüssel liegt in der Arbeit mit dem Team.

Kaum jemand wagt sich daran, das Präsidium in zwei so unterschiedlichen Sportarten zu übernehmen. Sie haben es gemacht. Wieso? Präsident beim SCL wurde ich damals aus Überzeugung für die Region Langenthal. Ich wollte, dass sich die Region national mit Selbstbewusstsein präsentieren kann, und dies Einfluss auf die gesamte Bevölkerung hat. Dieses Amt gab mir dann auch Befriedigung und hat sich so entwickelt. Bei GC war es etwas anders. Familienbedingt zieht es uns eher nach Zürich, obwohl ich in Langenthal geboren und aufgewachsen bin und mich als Langenthaler fühle. Mein Engagement bei GC hat sich über eine lange Zeit hinweg entwickelt, bis hin zur Führungsrolle für den Club.

Der Schritt zum Präsidium ist dennoch nicht offensichtlich. Im November vor einem Jahr bestand einfach die Notwendigkeit nach einem Führungswechsel. Es war nicht die Idee, dass ich Präsident werden sollte, es ging darum, dass der Fussballclub GC eine Führung brauchte. Man wünscht sich nicht immer die Aufgaben, die man hat. Manchmal muss man sich einfach hineinbegeben und den Job machen.

Wohin gehört GC denn? GC gehört auf den Boden der Realität! Wir müssen lernen mit den Mitteln zu arbeiten, die uns zur Verfügung stehen. Dazu gehört auch eine nachhaltige Finanzierung, ein gutes Management, eine Mannschaft die dem Budget des Clubs entspricht, usw. GC ist eine sehr wertvolle Marke im Schweizer Fussball. Wir werden den Club wieder langsam an die erfolgreiche Zeit heranführen. Dies braucht aber Zeit und Geduld. Es gilt zuerst aufzuräumen und ein neues stabiles Fundament aufzubauen.

Sie kommen ursprünglich aus einer ganz anderen sportlichen Realität, mit viel weniger medialer Aufmerksamkeit. Welche Erfahrungen aus der Leichtathletik konnten Sie in die Führungsposition in den grössten Publikumssportarten mitnehmen? Das ist eine interessante Frage, die wurde mir noch nie gestellt. Sicher eine Solidität, Bodenhaftigkeit, einen Sinn für die Realität. Ich habe als Junior bis 15 auch Fussball gespielt und erst dann zur Leichtathletik gewechselt und hatte damals nur Fussball im Sinn. Der Leichtathlet ist einfach bodenständiger und das kann auch GC im Moment ganz gut gebrauchen.

In Ihrer Firma gibt es eine Philosophie: Wir tragen Verantwortung. Wenn man GC anschaut, hat man das Gefühl, dass in den letzten Jahren viele Leute Verantwortung tragen wollten, aber dies selten gemeinsam. Täuscht dieser Eindruck? GC iseit mehr als zehn Jahren in wiederkehrend schwierige Situationen geraten. Ein Traditionsclub wie GC muss mit vielen Meinungen und Einflüssen leben können und gut gemanagt werden. Es gab viele Versuche, den Club auf einen neuen Weg zu bringen. Viele davon sind gescheitert. Zuletzt hatten wir die Ära André Dosé, die sportlich kurzfristig erfolgreich war, den Club finanziell aber nachhaltig in Schwierigkeiten brachte. – Ich will einen geerdeten Weg gehen. Einen, den sich der Club leisten kann, einen, der nachhaltig zur alten Stärke zurückführt.

Mehr als zehn Jahre sind eine sehr lange Zeit. Wieso hat der Umbruch so lange gedauert? Sicher ist unterschätzt worden, wie lange ein solcher Umbruch dauert. Und dann spielt natürlich auch die Stadionsituation eine Rolle. Gar sehr viel hat damit zu tun. Wir hatten ja schon viele Anläufe und wegen irgendetwas ist es dann stets gescheitert. Ich bin aber guten Mutes, dass der neue Anlauf erfolgreich ist und denke, es ist eine grosse Chance.

Braucht es, damit GC irgendwann wieder Erfolg haben kann, also ein neues Stadion? Unbedingt. Wenn wir ein neues Stadion in Zürich bekommen, dann wird es viel einfacher. Unsere Marketingabteilung wird dann weniger Sorgen haben und ich bin überzeugt, dass ein Ruck durch die Grasshopper gehen wird.

Ist es im Schweizer Fussball ohne eigenes Stadion überhaupt möglich, mittel- und langfristigen Erfolg haben? Nein, das kann man nicht. Ein Stadion, das neuzeitlichen Anforderungen entspricht und das man selber betreiben und vermarkten kann, ist unabdingbare Erfolgsvoraussetzung. Das gilt ebenfalls für das Eishockey.

Am Samstag spielt GC in Thun. Wie schätzen Sie ein, was Thun Jahr für Jahr leistet?

Gemessen an den Möglichkeiten, ist Thun einer der besten Fussballclubs in der Schweiz. Das ist sensationell, was die da machen. Das liegt auch daran, dass sie füreinander durch dick und dünn gehen. Trainer, Sportchef, Präsident – das stimmt einfach. Hut ab vor Thun. Und auch wenn das Oberland weit weg ist von Zürich. Der FC Thun kann vielen als Beispiel dienen.

Berner Zeitung

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