«Wir können keinen Spieler holen mit mehr Potenzial als Breel»

FCB-Sportchef Georg Heitz (45) über die Last, die nach dem 6. Titel in Folge von ihm abfällt. Und wieso es für einen Schweizer Spieler einen Aufstieg bedeutet, zum FCB zu kommen.

«Wir sind nicht in der Lage, 10 Millionen für einen Spieler auszugeben. Selbst wenn wir das Geld hätten. Das geht nicht», sagt Georg Heitz. Foto: Keystone

«Wir sind nicht in der Lage, 10 Millionen für einen Spieler auszugeben. Selbst wenn wir das Geld hätten. Das geht nicht», sagt Georg Heitz. Foto: Keystone

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Der FC Basel ist zum sechsten Mal in Serie Meister. Spüren Sie noch Freude, oder ist da bloss die ­Erleichterung darüber, dass etwas erreicht wurde, von dem sowieso jeder ausgegangen ist?
Davon hatten es Präsident Bernhard Heusler und ich heute beim Mittagessen (überlegt). Doch, sicher Freude. Vor ­allem Freude für andere, für die, die das noch nie erlebt haben. Aber auf der Seite der Verantwortlichen steht schon auch Erleichterung.

Also wird die Angst vor der ­Niederlage zur ersten Antriebsfeder des FCB?
So weit würde ich nicht gehen. Aber es fällt schon eine Last ab. Es ist nicht einfach, wochenlang in den Zeitungen zu lesen, man sei schon Meister – ohne dass man es ist. Die Freude kommt vor allem auch daher, dass man sieht, dass es wieder eine andere Mannschaft ist, die den Titel holt.

Die Ära der grossen Basler im Team scheint vorerst beendet. Damit stellt sich die Frage nach der Verankerung in der Region und auch nach Persönlichkeiten auf dem Feld. Das kann nicht einfach eingekauft werden.
Nein, das kann man leider nicht kaufen. Man darf einfach nicht zu romantische Vorstellungen haben. Als Porto im ­Achtelfinal der Champions League bei uns angetreten ist, war kein einziger Portugiese in der Mannschaft. Es ist fast nicht möglich, über einen längeren Zeitraum nur auf Spieler aus der eigenen ­Region zu setzen. Wir sind dazu in der speziellen Situation, dass ein Nachwuchsspieler, der sich bei uns durchsetzt, automatisch in den Fokus von Teams aus grösseren Ligen gerät.

Sehen Sie keine Gefahr darin, wenn die Mannschaft künftig auf einer Achse von praktisch nur ­ausländischen Spielern aufgebaut ist?
Nein, nicht unbedingt. Ein Ausländer muss sich ja nicht per se weniger mit dem FCB identifizieren als beispielsweise ein Ostschweizer. Wichtig ist, dass die Spieler, die da sind, wissen, was es bedeutet, dieses Trikot zu tragen. ­Woher ein ­Spieler kommt, darf nicht das ­wichtigste Kriterium sein.

Aber Zuzüge aus dem Ausland sind schon risikobehafteter. Das hat der FCB in dieser Saison mit dem ­Japaner Yoichiro Kakitani erlebt, der unter grossem Hallo vorgestellt wurde, um dann fast nicht zu ­spielen.
Wobei wir das Brimborium ja nicht entfacht haben. Es ist üblich, dass sich Hierarchien während einer Saison verschieben. Wer hätte Taulant Xhaka zugetraut, dass er auch unter dem neuen Trainer derart oft spielt, wer hätte bei Davide Callà mit all seinen Einsätze gerechnet?

Aber das bedeutet, dass der FCB sich eher bei Schweizer Clubs ­umschauen müsste. Weil dort die Spielerpersönlichkeiten und die Leistungsfähigkeit in der Liga ­einfacher einzuschätzen sind.
Das ist das eine. Wobei das eine Sache von sorgfältigem Scouting ist. Das andere ist: Für einen Schweizer Spieler ist es im Moment immer ein Aufstieg, wenn er zum FCB kommt. Bei einem ausländischen Spieler kann es sein, dass er zunächst etwas irritiert ist, dass er in die Schweiz kommen soll, weil ihm das sein Berater so gesagt hat. Wobei unsere Erfahrung lautet: Wenn die ausländischen Spieler das erste Mal vor 30 000 Zuschauern in unser Stadion einlaufen, dann sind sie meistens begeistert. ­Marcelo Diaz hat mal gesagt, das Stadion sei wie eine schöne Frau.

Wo Sie sicher etwas machen ­müssen, ist im Sturm.
Müssen wir?

Wahrscheinlich schon, oder?
Wir haben Stand heute Breel Embolo, wir haben Albian Ajeti, der ein hoch­talentierter Stürmer ist, wir haben ­Yoichiro ­Kakitani, von dem man immer noch viel erwarten darf. Wir haben ­Shkelzen ­Gashi, wir haben Matias ­Delgado, beides sehr offensiv ausgerichtete Spieler. Da muss man schon jemanden finden, der diese Qualität noch ­einmal anhebt.

Das ist doch genau die Frage: Holt der FCB einen Stürmer von ­gehobener Qualität, der möglicherweise Embolo vor der Sonne steht? Leisten könnten Sie es sich.
Ich glaube nicht, dass der FC Basel finanziell in der Lage ist, 10 Millionen Franken für einen Spieler auszugeben. Selbst wenn wir das Geld vielleicht hätten. Das geht einfach nicht. Wir werden nicht in der Lage sein, einen Spieler zu holen, der mehr Potenzial hat als Breel. Dazu sind wir auf dem Markt nicht stark genug.

Sie rechnen also nicht so: Die Qualifikation zur Champions League bringt 12 Millionen ein, also investieren wir . . .
. . . diese 12 Millionen sind eben bloss ein Bruttobetrag. Aber wir bezahlen ja auch Prämien und haben andere Verpflichtungen, wenn wir in die Champions League kommen. Um die Frage richtig zu beantworten: Breel hat sich schon durchgesetzt und wird sich weiter durchsetzen, egal, wen wir holen – und ob wir überhaupt jemanden holen.

Wie viel dürfen Sie denn ausgeben?
Das hängt auch immer davon ab, wie viel wir einnehmen. Und überhaupt müssen Sie diese Frage dem Finanzchef stellen (lacht). Wir können schon etwas machen. Aber wir müssen nicht unbedingt. Wir haben wirklich sehr talentierte Spieler, da gehört Robin Huser im Mittelfeld dazu. Es kommen weitere nach im Nachwuchs. Und wir dürfen auch nicht Spieler holen, die dann nicht besser sind als jene, die aus den eigenen Junioren kommen. Das wäre ein grosser Fehler.

Wie viel Geld kann oder muss ein Fussballclub in die Hoffnung auf zukünftige Gewinne investieren? Der FCB verpflichtet junge Ausländer mit Blick auf Transfergewinn, er investiert in die Mannschaft, damit sie die Königsklasse erreicht.
Ich sage immer: Das Schöne an unserem Präsidenten ist, dass er das Risiko nicht scheut, obwohl er Anwalt ist (lacht). Ein gewisses Risiko müssen wir eingehen. Aber wir dürfen es auch nicht übertreiben. Unsere Kernaufgabe ist und bleibt die Schweizer Meisterschaft. Doch wenn du international etwas erreichen willst . . . Wir sind ja keine Genies. Es ist ein Markt und in aller Regel ist es so, dass das, was mehr Geld kostet, auch qualitativ besser ist. Zumindest auf die Länge gesehen.

Macht es auch Spass, sich auf diesem Markt zu bewegen? Sie schliessen Millionendeals mit Weltclubs wie Chelsea ab, sie verpflichten Spieler auf der ganzen Welt.
Ja, das ist sicher spannend. Aber man darf da auch nicht staunend dastehen. Das fehlt mir in der Schweiz sowieso ein wenig: etwas mehr Selbstvertrauen. Dass man sagt: Hey, dieser Spieler hat zehn Spiele in der Champions League gemacht, hat vier Tore erzielt – jetzt ­wollen wir die entsprechende Ablösesumme. Ja, es macht ein Stück weit Spass, und eine grosse Transfereinnahme ist etwas Tolles für einen Schweizer Club. Eigentlich für fast alle Clubs auf dieser Welt. Aber man muss aufpassen, dass nicht alles aufs Geld reduziert wird. Wir holen ja nicht nur Spieler, ­damit wir sie teuer verkaufen können. Sondern weil wir eine tolle Mannschaft haben wollen, die die vielen Leute ­unterhält, die ins Stadion kommen.

Aber Sie rechnen sich schon aus, was ein Spieler in Zukunft ­potenziell einbringen könnte?
Wir gehen nicht hin und sagen: Derlis Gonzalez, X Millionen im Einkauf. Wow! In zwei Jahren sind das Y Millionen im Verkauf. So rechnen wir nicht. Wir sitzen ja auch in diesem Stadion und wollen unterhalten werden. Man kann auch Transfers machen, um in den sportlichen Erfolg zu investieren, wie wir es seinerzeit mit Alex Frei ­gemacht haben.

Müssen Sie manchmal aufpassen, dass das Transfergeschäft für Sie nicht zum Spiel wird?
Ja, man muss sich disziplinieren und sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass das junge Menschen sind, mit denen wir es zu tun haben. Und dass es nicht ­irgendeine Ware ist, die da hin- und her­geschoben wird.

Trainer Paulo Sousa hat in seiner ersten Saison beim FCB die Meisterschaft gewonnen. Was hat er dem Club darüber hinaus gebracht?
Sicher eine weitere Professionalisierung, wie die Einführung einer Tages­struktur für Spieler. Dass da die Spieler keine Purzelbäume schlagen vor Begeisterung, ist klar. Aber es hat ihr Bewusstsein für den Beruf noch einmal geschärft. Und wenn Sie die Halbfinals der Champions League gesehen haben, dann wissen Sie, welche Anforderungen physisch an die Spieler gestellt werden. Wenn man da nicht so lebt, wie es sein muss, dann schafft man es nicht bis ganz nach vorne.

Warum arbeiten Sie noch nicht im Ausland? Sie beweisen in Basel, dass Sie ein Talent als Sportdirektor haben.
Da muss man schon aufpassen. Der Markt für mich wäre gar nicht so gross. Der Engländer hat den Fussball erfunden, der Franzose ist «la grande nation», der Italiener kennt meinen Namen nicht mal, der Spanier wurde mit eigenen ­Leuten Welt- und Europameister und braucht mich auch nicht. Also bleibt der deutsche Sprachraum mit Deutschland, Österreich und Liechtenstein. In Deutschland gibt es sehr viele gute Leute. Und es ist auch verständlich, wenn die Clubs auf Mitarbeiter setzen, die die Liga aus der Aktivkarriere kennen. Und das kann ich nicht vorweisen.

Der FCB ist einer von ganz wenigen Clubs in Europa, die mit Transfers Geld verdienen. Das wird doch von anderen Vereinen bemerkt.
Aber dann kann man auch sagen: Vielleicht bekommt Bernhard Heusler mal ein Angebot als Vorstandsvorsitzender bei einem deutschen Club. Es ist einfach so, dass man in Deutschland nicht auf uns wartet. Das ist ja auch gut so.

Wachen Sie manchmal in der Nacht schweissgebadet auf, weil sie Angst haben, alle Transfers könnten ­danebengegangen sein?
Nein. Dass wir auch Fehler machen, ist klar. Wir versuchen, Entscheidungen frei von Emotionen zu fällen. Wir ­versuchen, und das ist ganz schwierig, vernünftig zu bleiben, wenn uns Spieler angeboten werden, die auch in ­unseren Köpfen grosse Fantasien aus­lösen. Aber wenn man dann die Zahlen hört, dann muss man sagen: Nein, das machen wir nicht.

Das klingt eigentlich logisch.
Das ist extrem schwierig, denn diese Verlockung, die ist auf jedem Niveau im Fussball immer da. Es ist wie beim Kauf eines Hauses. All meine Freunde haben sich eine Budgetlimite gesetzt – und ­eigentlich ist jeder darüber hinaus­geschossen. Fussballfunktionäre neigen auch dazu, chronisch ihr Budget zu überschreiten. Und das ist ganz ­gefährlich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.05.2015, 23:13 Uhr

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