«Wir hinterfragen uns jeden Tag»

YB steckt mal wieder in der Krise. YB-Sportchef Fredy Bickel spricht über schwache Leistungen und Rote Karten, Trainer Uli Forte und Transfers, Verletzte und Leaderfiguren.

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Fabian Ruch

Fredy Bickel, ist YB besser als letzte Saison? Fredy Bickel: Wir sind Dritter, letztes Jahr waren wir Siebter...

...aber die Leistungen zuletzt waren sehr schwach... ...ja, und wir wissen, dass wir keine überzeugende Saison spielen. Es gelingt uns einfach nicht, konstant zu sein. Wir haben schon lange nicht mehr eine ganze Partie gut gespielt.

Woran liegt das? Man darf nicht vergessen, dass dieses Team schwierige Zeiten hinter sich hat. Da braucht es nicht viel, und das Vertrauen ist weg. Zudem fehlen uns immer wieder wichtige Spieler. Das soll keine Ausrede sein, es ist ein Fakt.

Aber YB hat ein teures, breites Kader, auch am Sonntag in Zürich bei der 0:5-Niederlage gegen GC war die Bank trotz acht Absenzen prominent besetzt. Wir haben viele Spieler. Aber wir stecken in einer Negativspirale...

...und es hat kaum Führungsspieler im Team... ...diese Debatte um Führungsspieler ist nicht korrekt. Wir haben eine Achse mit fünf erfahrenen Akteuren. Marco Wölfli und Alexander Gerndt sind seit Monaten verletzt, Captain Christoph Spycher fiel lange aus, dazu spielte Milan Vilotic, den wir im Winter holten, oft angeschlagen, jetzt muss er nach einer Operation monatelang pausieren. Dann bleibt noch Steve von Bergen.

Der meistens solid bis gut spielt, aber zuletzt ebenfalls patzte. Auf von Bergen lasse ich keine Kritik kommen, er ist ein Leader, seine Verpflichtung hat sich gelohnt. Er darf auch mal ein schwächeres Spiel zeigen.

YB hat viele Verletzte, aber auch immer wieder Gesperrte nach Unsportlichkeiten. Hat das Team ein Disziplinproblem? Das ist zu weit hergeholt. Natürlich haben wir dumme Platzverweise geholt, aber diese Aktionen zeigen auch die Unzufriedenheit.

YB startete mit fünf Siegen in die Saison und wäre noch im Februar Leader gewesen, wenn die Mannschaft bei der 2:3-Niederlage in Basel nicht von den Spielleitern verpfiffen worden wäre. Also ist Potenzial im Team. Richtig, aber das bringt nichts, wenn es uns nicht gelingt, 90 Minuten ordentlich zu spielen. Wir verloren damals in Basel nicht nur das Spiel, sondern auch Alexander Gerndt mit einer Verletzung. Das zeigt exemplarisch, dass das Team mit Rückschlägen noch nicht umgehen kann.

Ist YB nicht zu lieb und zeigt im falschen Moment Emotionen? Wir waren im Frühling auch der Meinung, dass wir uns mehr wehren sollten, aber dann übertrieben wir es nach der 0:4-Niederlage gegen GC. Und natürlich sind die Platzverweise nach Unsportlichkeiten nicht zu entschuldigen. Aber wir dürfen jetzt auch nicht die Nerven verlieren und alles schlechtreden. In den letzten vier Partien in den nächsten 12 Tagen geht es mit aller Macht darum, Rang 3 zu verteidigen und den Europacup zu erreichen.

Was würden Sie als Sportchef im Rückblick gerne anders machen? Glauben Sie mir, wir hinterfragen uns jeden Tag. Das ist keine One-Man-Show, wir sind ein Team.

Die Zugänge in dieser Saison blieben grösstenteils blass. Das muss man von Spieler zu Spieler beurteilen.

Gerne. Alain Rochat und Milan Gajic vermochten nicht restlos zu überzeugen. Wir holten Rochat ganz klar als Ergänzungsspieler für die Defensive. Er kann sicher besser spielen, aber das gilt ja für die meisten Akteure. Von Gajic bin ich sehr überzeugt, er ist ein starker zentraler Mittelfeldspieler. Aber er ist keiner, der von seinem Naturell her vorangeht. In einem funktionierenden Team kann er eine wichtige Rolle einnehmen.

Auch die vielen Offensivspieler enttäuschten zuletzt. Wir haben vorne einige Alternativen, und es ist so, dass wir uns von mehreren Spielern mehr erhofft haben. Man darf nicht unterschätzen, dass die Akteure, die 20 Jahre alt oder jünger sind, Zeit benötigen, um sich zu entwickeln. Sie unterliegen Schwankungen.

Die Verunsicherung ist spürbar. Ja, und einer wie Samuel Afum steht als Beispiel für unsere Probleme. Er kann gar noch nicht stärker sein, weil er aus einer langen Verletzung zurückkommt. Afum benötigt eine echte Vorbereitung.

Milan Vilotic holten Sie im Winter für viel Geld von GC. Dabei war er bereits damals verletzt. Ich bin hundertprozentig überzeugt, dass Vilotic für YB noch sehr wichtig werden wird. Tatsächlich konnte man bei der medizinischen Untersuchung im Januar nicht feststellen, wie schlecht es um seinen Knöchel wirklich steht. Das ist kein Vorwurf an unsere Ärzte, bei GC spielte Vilotic ebenfalls mit dieser Verletzung. Möglicherweise war es ein Fehler, setzten wir ihn angeschlagen ein, wodurch sich sein Zustand verschlechterte.

Auf dem Papier stellen von Bergen und Vilotic die beste Innenverteidigung der Liga... ...und mir ist dennoch bewusst, dass unsere Transferbilanz nicht ideal aussieht. Aber das ist eine Momentaufnahme. Ich sagte bei meinem Antritt im Januar 2013, dass wir eine Geschichte schreiben wollen. Und dass das nicht von heute auf morgen gehe. Von Bergen und Vilotic sollen in unserer Defensive die Basis bilden, um Erfolge zu haben. Vilotic wurde im Januar, als wir ihn holten, von der Swiss Football League als bester Verteidiger ausgezeichnet.

Seit der 5.Runde ist YB eines der schwächsten Teams. Das fällt auf Trainer Uli Forte zurück. Die Trainerfrage stellt sich nicht.

Uli Forte wird auch Ende Saison noch YB-Coach sein? Ich bin genug lange im Geschäft, um zu wissen, dass Versprechen mit Vorsicht zu geniessen sind. Im Fussball ist alles möglich. Tatsache ist: Wir sind von Uli Forte überzeugt, und es bringt nichts, wenn man bei YB immer im Frühsommer den Trainer wechselt.

Uli Forte werden in der neuen Saison kaum frische Kräfte zur Verfügung stehen. Einzig der Vertrag von Christoph Spycher, der zurücktritt, läuft aus. Ja, uns sind ein wenig die Hände gebunden. Zudem muss das Kader immer noch verkleinert werden. Aber vielleicht gelingt es uns ja, Spieler mit weiterlaufenden Verträgen abzugeben. Dann hätten wir etwas mehr Spielraum.

Und wie läuft die Suche nach dem dringend benötigten erfahrenen, zentralen Mittelfeldspieler mit Führungsqualitäten? Es gibt drei, vier interessante Optionen, aber es ist zu früh, um zu Namen Stellung zu nehmen. Wir werden einen bestandenen Fussballer holen, denn der Verlust von Spycher ist enorm schmerzhaft. Wenn es uns gelingt, einen Leader fürs Mittelfeld zu holen, sehe ich optimistisch in die Zukunft. Im Sommer beginnen alle wieder bei null.

Berner Zeitung

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