Wintermeister im goldenen Herbst

Die Young Boys gewinnen in St. Gallen 3:2 und bauen ihren Vorsprung in der Tabelle auf 14 Punkte aus. Zumindest bis zur Winterpause ist ihnen der erste Platz nicht mehr zu nehmen.

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Dominic Wuillemin

In der Hand einen Kaffee, im Mund einen Happen, so schlendert Guillaume Hoarau während der Halbzeitpause in St. Gallen zurück auf die Ersatzbank. Der Franzose kann sich auf einen geruhsamen Sonntagabend einstellen, die Berner liegen 3:1 in Führung. Es ist nicht absehbar, dass ein Einsatz des routinierten Goalgetters vonnöten sein könnte.

Noch vor der Pause erzielt Roger Assalé das dritte Berner Tor – ein umstrittenes. Quelle: SRF

Dass YB auch ohne den besten Ligatorschützen (gemeinsam mit Thuns Sorgic) nach vorzüglicher erster Halbzeit im vierten Ligaspiel in Folge drei Tore erzielt hat, ist ein eindrücklicher Beleg der Stärke. Und es ist im siebten Spiel innert 22 Tagen der Schlüssel zum Erfolg. Das Team von Trainer Gerardo Seoane muss den Ostschweizern vor 14'597 Zuschauern im Kybunpark zwar nun das Spieldiktat überlassen. Weil es konzentriert verteidigt und mit Goalie David von Ballmoos einen sicheren Rückhalt hat, läuft es aber lange nicht Gefahr, die Führung preiszugeben. Erst als Sékou Sanogo in der 86. Minute mit ungeschicktem Einsteigen einen Penalty verursacht und Vincent Sierro zum Anschluss trifft, kommt noch einmal Spannung auf.

Marc Schneiders Worte an Christian Fassnacht

Mehr nicht: Die Young Boys überstehen die St. Galler Schlussoffensive unbeschadet, sie gewinnen im 14. Ligaspiel zum 12. Mal. Und weil der FC Basel am Samstag in Thun verlor, hat YB nun schon so viele Punkte Vorsprung, wie Partien absolviert worden sind. Das bedeutet, dass den Bernern der erste Platz bis zur Winterpause mathematisch nicht mehr zu nehmen ist. Es braucht sowieso viel Fantasie, sich vorzustellen, wie sie überhaupt vom Weg abkommen könnten.

«Wir haben eine gute Mentalität, viel Selbstvertrauen und viel Qualiät.»Steve von Bergen, YB-Captain

Er müsse dem Team ein grosses Kompliment machen, sagt Captain Steve von Bergen. «Hinter uns liegt ein anstrengendes Programm. In St. Gallen ist es zudem nie leicht.» Und Christian Fassnacht, der am Sonntag 24-jährig wird, erzählt, dass ihm Thuns Trainer Marc Schneider am Morgen gratuliert habe. «Ich beglückwünschte ihn zum Sieg gegen Basel», sagt er und meint, Schneider habe geantwortet, YB könne sich mit einem Erfolg revanchieren. «Es ist ein Geben und Nehmen», sagt Fassnacht und lacht.

Dass dem Flügel nach Spielende zum Witzeln zumute ist, ist knapp zwei Stunden zuvor nicht absehbar. Der Start missglückt. Erst wird Roger Assalés 1:0 wegen Offside aberkannt, dann geht das Heimteam in der 13. Minute mit dem ersten Abschluss durch Dereck Kutesa in Führung. Das Szenario, das die Young Boys unbedingt vermeiden wollten, ist eingetroffen: Sie müssen vier Tage nach der Niederlage in Valencia auf tiefem Rasen und vor befeuertem Publikum einen Rückstand wettmachen.

Der Meister mit Optionen fast ohne Ende

Dass YB nicht gut startet, ist keine neue Erkenntnis. Schon gegen Luzern, Zürich und Sion lagen die Gelb-Schwarzen früh zurück. Daran gelte es zu arbeiten, sagt Trainer Seoane. Es ist ein Makel, der ein Trainer, der so viel Offensivpower in seinem Kader weiss, gelassen nehmen kann. Auch in St. Gallen gelingt Seoanes Spielern eine überzeugende Antwort. Fünf Minuten nach dem 0:1 findet Kevin Mbabu auf der rechten Seite viel Platz vor, er nutzt ihn für eine genaue Flanke auf den Kopf Jean-Pierre Nsames.

Der schnelle Ausgleich zum 1:1 durch Jean-Pierre Nsame, der auch trifft, wenn er von Beginn an spielt. Quelle: SRF

Acht Minuten später liegt der Leader schon in Führung. Wieder flankt Mbabu, wieder köpft Nsame ein. «Wir haben eine gute Mentalität, viel Selbstvertrauen und viel Qualität», sagt Captain Steve von Bergen und blickt anerkennend zu Nsame hinüber, der leicht angeschlagen durch die Mixed Zone humpelt.

Der kopfballstarke Jean-Pierre Nsame nutzt die passive Abwehrarbeit der Ostschweizer gnadenlos aus. Quelle: SRF

Nsame für Hoarau, es war der einzige Wechsel, den Seoane im Vergleich zur Partie in Valencia vornahm. Miralem Sulejmani, mit vier Toren und neun Vorlagen Ligatopskorer, musste erneut mit der Ersatzrolle vorliebnehmen. Der Serbe sei leicht überspielt, sagt Seoane. Zudem habe er Nicolas Ngamaleu – den er in Valencia zur Pause rotgefährdet ausgewechselt hatte – eine Bewährungschance geben wollen. «Das hatte er sich verdient», so Seoane.

Ngamaleu ist einer von neun YB-Spielern, die in der zweiwöchigen Pause an Länderspiele reisen – allein vier davon sind für das Schweizer A-Nationalteam aufgeboten. Auch das ist ein Beleg der Stärke der Young Boys.

Berner Zeitung

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