Weshalb der wahre Schuldige Heynckes heisst

Nach dem Drama im Champions-League-Final sucht man beim FC Bayern nach den Hauptschuldigen. Sind es wirklich Schweinsteiger und Robben, die ihre Elfmeter verschossen haben?

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Sebastian Rieder@RiederSebastian

Das Jahr 2012 geht wohl als das dunkelste Kapitel in die Clubgeschichte von Bayern München ein: Der verlorene Final in der Königsklasse zu Hause gegen Chelsea, das verlorene Endspiel im DFB-Pokal und Platz zwei in der Bundesliga – und dabei mehrfach am alten und neuen Meister Dortmund gescheitert. Uli Hoeness fügte der traurigen Bilanz eine emotionale Fussnote bei: «Wir können nicht sagen, alles ist in Ordnung, wenn wir dreimal Zweiter sind. Ich bin nicht derjenige, der das so hinnimmt. Einmal kann das passieren, aber zweimal, dreimal.» Der Bayern-Präsident musste dabei einen aus seiner Sicht peinlichen Vergleich über sich ergehen lassen. Denn gleich in drei Wettbewerben in einer Saison Zweiter zu werden, das hatte bislang in Deutschland nur Bayer Leverkusen 2002 geschafft. «Wir haben immer über Leverkusen gelächelt, jetzt sind wir in einer ähnlichen Situation.»

«Das ist eben Fussball», sagen viele – vor allem Experten, denen nach einer so turbulenten Saison und einem hochdramatischen Saisonfinale die Worte fehlen. Bemerkenswert war aber ein taktischer Fehler von Jupp Heynckes im Endspiel gegen Chelsea. Der sonst so besonnene Trainerfuchs liess sein psychologisches Geschick vermissen, nachdem Thomas Müller in der 83. Minute die scheinbar unüberwindbare englische Mauer durchbrach und mit dem Kopf zum 1:0 einnickte. Völlig losgelöst feierte der 22-jährige Stürmer den Führungstreffer und versetzte die Arena in Ekstase. Kaum hatten die Fans ihren vermeintlichen Helden abgefeiert, leuchtete Müllers Rückennummer auf der Wechseltafel. Wollte Jupp Heynckes eine Standing Ovation für seinen Torschützen? Wohl kaum. War Müller nach seinem Torsturm so ausgepumpt, dass er nicht mehr konnte? Wohl kaum. Der Grund war glasklar und dennoch verwirrend. Für Müller kam Van Buyten. Ein Verteidiger für einen Angreifer. Angst statt Mut. Heynckes Gedanken sind ihm in diesem Augenblick von der Stirn abzulesen: «Einfach kurz vor Schluss ja keinen Gegentreffer mehr riskieren.» Der Bayern-Trainer machte seine Mannschaft darauf aufmerksam, dass ihr aggressives Spiel nach vorne für die Schlussphase nicht mehr gefragt ist. Eine Systemumstellung mit negativer Ausstrahlung.

Müller, der Heilige Gral in Menschengestalt

Die Bayern verloren mit der Auswechslung von Müller ihre Strahlkraft in der Offensive. Die Münchner Flügelzange Robben/Ribéry war bis zu diesem Zeitpunkt scharf geschliffen, jedoch fehlte ihr in der zweiten Halbzeit vor dem Strafraum die Durchschlagskraft. Ein wenig erfolgreicher waren Kroos und eben Müller, welche die Verteidigung mit Gomez an der Spitze gelegentlich aushebeln konnten. Und nun sollte Müller – nach dem Tor von Glückshormonen durchtränkt – auf die Bank. Ein fataler Fehler mit Folgen. Denn Sportpsychologen nennen die mentale Verfassung, wie sie Müller während dieser Phase des Spiels hatte, den sogenannten idealen Leistungszustand. Es ist ein Zustand, in dem der Athlet sich unverwundbar fühlt, ihm alles gelingt, er keine Furcht kennt. Im Rausch dieser positiven Gefühle wäre Müller bis zum Ende noch für ein zweites Tor gut gewesen. Zudem ist er mit seiner Kopfballstärke auch bei gegnerischen Standardsituationen wertvoll – gut möglich, dass er den Ausgleich von Chelsea hätte verhindern können.

Kein Fussballer strahlt so viel Energie und Selbstbewusstsein aus wie ein Torschütze kurz nach seinem Treffer. Nicht zu unterschätzen ist seine Wirkung auf das Team. Passend dazu die Szene, als Robben und Gomez sich zum jubelnden Müller auf den Boden stürzten und ihn beschwörten, als wäre er der Heilige Gral in Menschengestalt. Nur Augenblicke später wird das Starensemble der Bayern-Elf jedoch um seinen leuchtendsten Stern und dessen Aura beraubt. Müller muss vom Platz, Van Buyten kommt. Ein Mann, der in der diesjährigen Bundesliga-Saison oft verletzt war und mit elf mageren Einsätzen bei den Bayern keine tragende Rolle mehr hatte. Ausgerechnet der ausrangierte 34-jährige Belgier sollte nun den jungen aufstrebenden Deutschen ersetzen – ein höchst fragwürdiger Entscheid.

Die Schmach gegen Manchester United

So kam, was kommen musste. In der 88. Minute trifft Drogba mit dem einzigen Eckball für Chelsea zum Ausgleich. Ausgerechnet er verschuldet in der Verlängerung einen Elfmeter. Robben verschiesst, die mentale Verfassung der Bayern ist am Boden. Erst im Penaltyschiessen gibt es wieder Hoffnung, als Mata für die Engländer vergeigt. Doch Olic und Schweinsteiger tun es ihm gleich, Drogba wird mit dem letzten Penalty zum grossen Helden. «Wir haben es in der Vergangenheit oft erlebt: Am Ende steht nicht immer ein verdienter Sieger mit dem Pokal da», sagte Müller nach dem Spiel und rief dabei den dramatischen Champions-League-Final von 1999 in Erinnerung, als Bayern München im Camp Nou gegen Manchester United in den letzten Minuten noch mit 2:1 verlor. Mario Basler hatte die Deutschen in Front geschossen und später mit seinem flinken Flügelspiel immer wieder für Gefahr gesorgt. In der 89. Minute wurde er dann durch Hasan Salihamidzic ersetzt, ein taktisches Missgeschick. Aber neun Minuten zuvor beging Hitzfeld noch einen viel grösseren Fehler: Er beugte sich dem Wunsch von Regisseur Lothar Matthäus und nahm den bis dahin brillant aufspielenden Spielmacher vom Feld. Mit Thorsten Fink im Spiel leitete Hitzfeld den Untergang der Bayern ein, genau wie Heynckes mit Van Buyten.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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