Weile statt Eile bei der Suche nach Hütters Nachfolger

YB sucht einen Trainer. Das Berner Glück: Es gibt gute Kandidaten. Was die Wahl nicht einfacher macht.

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Fabian Ruch

Adi Hütter ist der einzige Super-League-Trainer, der vor 12 Monaten schon im Amt war. Das unterstreicht die Unruhe in der Liga, kaum ein Club arbeitet in Ruhe und mit Kontinuität, es fehlt an Konzepten und Geduld, oft führen sich Besitzer und Verantwortliche wie Lokalfürsten auf – was sie manchmal ja auch sind.

Und weil immer mehr gut ausgebildete Fussballlehrer auf den Markt kommen, sind so viele prominente Trainer mit gutem Ruf arbeitslos wie nie.

In der Schweiz zum Beispiel Marcel Koller (Meister mit St. Gallen und GC, Bundesliga-Erfahrung, österreichischer Nationaltrainer), Martin Schmidt (Bundesliga), Urs Fischer (Meister mit Basel), René Weiler (Meister mit Anderlecht in Belgien), Murat Yakin (Meister mit Basel), Uli Forte (Cupsieger mit GC und Zürich) und Fabio Celestini (Aufsteiger mit Lausanne).

Koller, die De-luxe-Lösung

Das ist eine gute Nachricht für die Young Boys, die wegen des Wechsels von Adi Hütter zu Frankfurt auf Trainersuche sind. Eine Schweizer Lösung wäre naheliegend. Andererseits gilt es, die Liste von rund 200 verfügbaren Coaches seriös abzuarbeiten. Wobei der Abgang Hütters YB ja nicht unvorbereitet traf.

Aus Vereinskreisen ist zu vernehmen, mit einer Entscheidung sei erst nach dem Cupfinal am 27. Mai gegen Zürich zu rechnen. Das ist möglicherweise ein wenig unangenehm, weil die Vorbereitungen auf das Pokalendspiel durch Spekulationen beeinträchtigt werden könnten.

YB bewegt gerade noch mehr als gewöhnlich, bei einer Umfrage dieser Zeitung im Internet, wer neuer Trainer der Young Boys werden soll, beteiligten sich rund 7500 Menschen. Am meisten Stimmen erhielt mit 24 Prozent Marcel Koller.

Er hat seine Klasse oft bewiesen, versteht sich mit Spycher nicht nur wegen des gemeinsamen Meistertitels 2003 mit GC gut, hat aber schon seit bald 9 Jahren und seinem Wirken in Bochum keinen Verein mehr betreut. Zudem ist er sehr teuer und bereits 57 – und damit eventuell nicht die ideale Besetzung, um die YB-Ausbildungsphilosophie zu tragen.

Martin Schmidt (14 Prozent) ist ein hervorragender Motivator und Kommunikator, seine Engagements in Mainz und vor allem zuletzt bei Wolfsburg endeten aber in den letzten 12 Monaten eher abrupt. Urs Fischer (12 Prozent) arbeitete bei Thun derart stark, dass er zu Basel wechseln durfte, wo er in 2 Jahren zwei Meistertitel und einen Cupsieg holte, vor einem Jahr aber trotz Doublegewinn gehen musste.

Ihm wurde vorgehalten, zu defensiv spielen zu lassen und zu ­resultatorientiert zu coachen – zudem habe er nicht so gut wie Nachfolger Raphael Wicky zur Idee gepasst, stärker auf den eigenen Nachwuchs zu setzen. Was, wenn es so wäre, nicht für einen Wechsel zu YB sprechen würde.

Weiler, die logische Lösung

René Weiler (11 Prozent) wiederum wäre die logische Lösung. Er ist intelligent, smart, gut ausgebildet, hat sich einen Namen als konsequenter, direkter, erfolgreicher Coach geschaffen. Er gilt ­jedoch als einer, der fast zu sehr von sich überzeugt ist. Wie Murat Yakin (6 Prozent), der bei YB mehrmals gehandelt worden war, wegen seiner Entourage und seiner Art aber nicht nach Bern passt. Im Stade de Suisse legt man grossen Wert auf Teamplayerfähig­keiten.

Fabio Celestini (5 Prozent) schliesslich wäre eine hochinteressante Wahl, er lässt Offensivfussball spielen. Doch er spricht nicht passabel Deutsch, zudem wäre der Schritt zum Meister wohl gar steil. Am zweitmeisten Stimmen erhielt übrigens der von dieser Zeitung vorgeschlagene Hannes Wolf (18 Prozent).

Deutschlands «Trainer des Jahres 2017» hatte bei Dortmund im Nachwuchs und später bei Stuttgart teilweise brillante Arbeit abgeliefert – und steht mit seinen 37 Jahren für die deutschen Trainertalente wie Julian Nagelsmann (30, Hoffenheim) und Domenico Tedesco (32, Schalke).

10 Prozent klickten übrigens «Egal, Hauptsache, er ist Österreicher!» an. Adi Hütter hinterlässt tiefe Spuren bei YB. Egal wer Nachfolger wird.

Berner Zeitung

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