Was der Neymar-Transfer mit YB zu tun hat

Die Transferkette des Neymar-Wechsels reicht von Barcelona bis nach Kamerun. Mittendrin: die Young Boys. Denn im Fussball herrscht, frei nach Darwin, das Naturgesetz: Gross frisst Klein.

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Die Aufgeregtheit des wahnwitzigen Transfersommers 2017 ist seit ein paar Tagen beendet, mit dem teuersten Deal der Fussballgeschichte als Sinnbild für eine überbordende Branche. Die Verpflichtung Neymars dürfte Paris Saint-Germain, alimentiert von einem katarischen Staatsfonds, laut verschiedenen Quellen am Ende gegen 1 Milliarde Franken kosten!

Zur Ablösesumme von 222 Millionen Euro kommt etwa der Lohn Neymars von knapp 450 Millionen Euro in fünf Jahren. Der brasilianische Superstar soll circa 30 Millionen Euro pro Saison verdienen, netto versteht sich, was beim französischen Spitzensteuersatz von 69 Prozent rund 90 Millionen Bruttolohn bedeutet.

Dazu kommen Handgelder für Spieler, Berater, beteiligte Investorengruppen sowie den Vater des Ausnahmekönners.

300 Millionen aus Katar

Im Übrigen zeigte sich Neymar – wenig überraschend – sehr aufgeschlossen gegenüber den Avancen aus dem umstrittenen Katar. Er flog nach einer Nordamerikatour seines früheren Klubs Barcelona Anfang August für Sponsorentermine nach China, danach ging es mit einem Privatjet weiter nach Katar.

Dort soll Neymar mit Qatar Sports Investment, einer Firma der PSG-Verantwortlichen, einen Sponsorenvertrag über 300 Millionen Euro abgeschlossen haben. Er ist damit offizieller Botschafter der (absurden) WM 2022 in Katar.

Mit einem Grossteil dieses Geldes bezahlte Neymar dem FC Barcelona danach die vertraglich fixierte Ablösesumme von 222 Millionen Euro – das ist in Spanien üblich. Und selbst wenn man die Mehrwertsteuer abzieht, bleiben Neymar von den 300 Millionen über 30 Millionen Euro.

In Verträgen werden oft bizarre Summen festgesetzt, zu denen Fussballer wechseln können. Vor kurzem hätte niemand gedacht, dass ein Spieler mal 222 Millionen Euro kosten wird.

Klicken Sie auf die Grafik, um diese zu vergrössern.

Der in jeder Beziehung gigantische Wechsel Neymars ist ein kompliziertes Geflecht aus Geschäftsbeziehungen – und nur der krasseste Fall von jeder Menge Transfers, die noch vor einem Jahr nicht für möglich gehalten worden waren.

Das Geld wird im Fussball mit beiden Händen ausgegeben. Dank schwerreichen Besitzern aus Katar, China, Russland.

Dank gewaltigen TV-Einnahmen, weil die Sportart Nummer 1 in fast allen Ländern weltweit fleissig am Fernseher konsumiert wird. Dank einer Werbewirtschaft, die massiv investiert. Die Verbände tun sich schwer, das alles zu kontrollieren und zu regulieren.

Liebhaberpreise

Und so wechselt einer wie Ousmane Dembélé schon mal für 148 Millionen Euro den Besitzer. Ein Liebhaberpreis wie für ein Kunstgemälde. Dembélé ist mit dieser Summe der zweitteuerste Fussballer der Geschichte, kostet aber vorerst nur fast schon bescheidene 105 Millionen, der Rest ergibt sich aus Bonuszahlungen in den nächsten Jahren.

Dembélé ist ein riesengrosses Talent, flink, dribbelstark, torgefährlich, er ist eine Attraktion, aber erst 20, vor einem Jahr kostete er noch 15 Millionen Euro. Nach seinem Transfer von Rennes zu Dortmund startete der Franzose durch, erzwang schliesslich nach einem Streik den Aufstieg zu Barcelona, wo den erbosten Fans händeringend ein Nachfolger Neymars präsentiert werden musste.

Vielleicht wird der Bengel in Spanien zum Fussballengel – und irgendwann für die festgelegte Ablösesumme von 400 Millionen Euro weiterziehen. Würde es jemanden erstaunen?

Der Stärkere frisst den Schwächeren, diese Interpretation frei nach Naturwissenschaftler Charles Darwin trifft auch auf den Fussball zu. Die natürliche Auslese geht vom Grösseren zum Kleineren, was im konkreten Fall bedeutet, dass sogar Barcelona, einer der drei ruhmreichsten Klubs der Welt neben Real Madrid und Manchester United, weniger potent als PSG ist.

Dessen Besitzer aus Katar verliebte sich endgültig in Neymar, als der 25-Jährige im Frühling beim 6:1-Sieg im Rückspiel der Champions-League-Viertelfinals gegen Paris eine grandiose Leistung zeigte – und Barcelona einen 0:4-Rückstand aus dem Hinspiel aufholte.

In der französischen Weltstadt ist Neymar die riesengrosse Nummer, endlich steht er nicht mehr im Schatten Lionel Messis und kann seinen Aufstieg fortsetzen zum Weltfussballer. Dem ersten seit 2008, der nicht Cristiano Ronaldo oder Messi heisst.

YB Nummer 4 in der Kette

Paris bedient sich also bei Barcelona, Barcelona bei Dortmund, und so geht das immer weiter. Anfang Sommer hatte Borussia Dortmund bereits den Kampf um Maximilian Philipp gewonnen, einen der hoffnungsvollsten Fussballer Deutschlands.

Philipp ist nun einer der Kandidaten, um Dembélé zu ersetzen. Ausbildungsverein SC Freiburg erhielt damals die Vereinsrekordablösesumme von 20 Millionen Euro. Und machte sich damit wiederum auf die Suche nach einem Nachfolger Philipps. Der Zuzug von Yoric Ravet (YB) für geschätzte 5 Millionen Euro liess sich erst Ende August realisieren.

Und so sind die Young Boys in der Transferkette des Neymar-Megadeals als vierter Klub vertreten. Sie benötigten nicht lange, um mit dem 23-jährigen Nicolas Ngamaleu einen kamerunischen Nationalspieler zu verpflichten, von dem sie sich erhoffen, dass er einschlägt und mit erheblichem Mehrwert veräussert werden kann. 2,5 Millionen Euro sind für YB ein stolzer Betrag.

Verkäufer Altach, österreichischer Provinzklub und einst Arbeitgeber von YB-Trainer Adi Hütter, reagierte sofort – und beförderte Ngama­leus Landsmann Michael Cheukoua ins erste Team. Den 20-Jährigen hatte Altachs Scoutingabteilung in Kameruns Hauptstadt Yaoundé gefunden, er dürfte rund 200 000 Euro gekostet haben.

Globaler Transferstrom

Cheukouas alter Klub Canon ­Yaoundé könnte mit den Einnahmen (oder was nach Abzug aller Provisionen für irgendwelche Berater übrig geblieben ist) irgendwo im afrikanischen Land einen neuen Youngster verpflichten. In der Hoffnung, den nächsten Samuel Eto’o zu entdecken, Kameruns berühmtesten Fussballer.

Der irgendwann wie Neymar, Dembélé, Philipp, Ravet, Ngamaleu und Cheukoua in den globalen Transferstrom eingeschleust wird. Jede Verpflichtung ist eine Wette auf die Entwicklung der oft jungen Fussballer. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.09.2017, 09:03 Uhr

Transfer-Sommer 2017

Im Fussball wird immer mehr Geld investiert. Die Premier League ist wie erwartet der Gigant, danach folgt überraschenderweise die Serie A.

Der «Kicker» hat für die aktuelle Ausgabe einen pechschwarzen Hintergrund für die Titelseite ausgewählt und darüber geschrieben: «4 430 000 000 Euro – der Transfer-Irrsinn». Vielleicht muss man all diese Zahlen wirklich vor sich sehen, um zu realisieren, was in diesem Sommer im Fussball passiert ist. 4,43 Milliarden Euro tönen ja irgendwie harmloser.

So viel, mehr als 5 Milliarden Franken, gaben allein die Klubs der fünf grossen Ligen Europas im letzten Transferfenster für neue Spieler aus. Auch das deutsche Fachmagazin be­trachtet diese Entwicklung kritisch, wobei die schwerreiche Premier League mit über 1,5 Milliarden Euro klarer Spitzenreiter ist.

Doch auch die Serie-A-Klubs überschritten die ­1-Milliarden-Grenze (1,03), ­danach folgen die Ligue 1 (675 Millionen), die Bundesliga (617 Millionen) und überraschend erst am Ende die Primera Division (556 Millionen). Was vor allem damit zusammenhängt, dass Krösus Real Madrid, normalerweise auch auf der Ausgabenseite ein Gigant, auf sein eingespieltes Team setzt, welches in den vier letzten Jahren dreimal in der Champions League triumphiert hatte.

Hektik noch am 31. August

Die Geldströme im Fussball sind gewaltig, in allen Ligen weltweit wurden allein in diesem Sommer weit über 5 Milliarden Euro in frisches Personal investiert. Und ein Ende des Wahnsinns ist keineswegs abzusehen, weil die Ligen und Vereine immer reicher werden. Bereits werden Transfers für das Winterfenster im Januar diskutiert, die Vernunft bleibt oft auf der Strecke, es wird getrickst, getäuscht, gelogen.

Ein Beispiel vom 31. August belegt das: Dem bei Arsenal unglücklichen chilenischen Starstürmer Alexis Sanchez ist ein Wechsel zu Manchester City versprochen worden, falls Thomas Lemar seine Zusage für einen Transfer zu Arsenal gibt.

Der Londoner Topklub bot also am letzten Tag der Transferphase sagenhafte 100 Millionen Euro für einen jungen Offensivspieler, der in seiner Karriere noch nicht besonders viel geleistet hat. Aber Lemar besitzt Talent und Potenzial, das ist im modernen Fussball schnell eine dreistellige Millionensumme wert. Einfach so. Lemar wäre aber lieber zum FC Liverpool gewechselt, der jedoch nicht so viel geboten hatte wie Arsenal – und seinen Starspieler Philippe Coutinho nicht zu Barcelona ziehen lassen wollte.

Und so fiel diese Wechsel­pyramide am letzten Tag des Transferfensters nicht. Man darf aber davon ausgehen, dass die Herren Sanchez, Lemar, Coutinho bald wieder mit Megatransfers in Verbindung gebracht werden. Schliesslich wollen nicht nur die Spitzenklubs ihre Fans und Sponsoren weiter perfekt unterhalten, prominente Zuzüge schaden dabei nie. Ob die Fussballer dann ins Konzept passen, ist offenbar nicht mal besonders wichtig, längst unterhalten Grossvereine wie Chelsea 60-Mann-Kader, über die Hälfte der Akteure wird halt verliehen. Vielleicht brilliert einer ja tatsächlich in der Fremde, dann darf er gerne zurückkommen.

Tricksen und täuschen

Der europäische Fussballverband setzt seit ein paar Jahren aufs Financial Fairplay, um die Auswüchse halbwegs zu kontrollieren. Grob gesagt darf ein Verein nicht viel mehr ausgeben als einnehmen, die Verschuldung der Klubs ist dadurch erheblich zurückgegangen. Das ist erfreulich. Und manchmal wird ein Verein sanktioniert, doch die Klubverantwortlichen sind geschickt, nützen jede Lücke im komplizierten Konstrukt aus.

So wird einer wie der 18-jährige Kylian Mbappé von Paris vorerst nur ausgeliehen, die 180 Millionen Euro Ablösesumme nach Monaco fliesst dann einfach erst ab nächstem Jahr in die Rechnung. Die Uefa hat angekündigt, die Bilanz von Paris Saint-Germain ganz genau zu überprüfen.

Ändern wird sich vermutlich nicht viel. Und längst gibt es auch Beobachter, die das Financial Fairplay für einen lästigen Papiertiger halten. Sollen die verrückt gewordenen Besitzer ihre Milliarden doch im Fussball verpulvern. «Wie ein Virus», schreibt der «Kicker» in seiner umfangreichen Titelgeschichte.

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