«Versuche, leiser zu werden!»

Urs Fischer will als Trainer des FC Basel mit den Spielern Mundart sprechen und erklärt, warum er höchstens zwei Spieler seines Kalibers im Team ertragen könnte.

Ein Zürcher in Basel: Urs Fischer zieht grosses Interesse auf sich.

Ein Zürcher in Basel: Urs Fischer zieht grosses Interesse auf sich.

(Bild: Keystone)

Florian Raz@razinger

Es ist Tag 2 für Urs Fischer beim FC Basel. Entspannt sitzt der 49-Jährige an diesem Freitag im Turm hinter dem St.-Jakob-Park, seinem neuen Ar­beits­ort. Mit dem Zürcher auf der Trainerbank wollen die Basler wieder mehr Volksnähe ver­sprühen. Und tatsächlich: Knapp 24 Stunden nach seiner Vorstellung als Trainer des Serienmeisters wirkt er im Interview wie die personifizierte Antithese zu Vorgänger Paulo Sousa, dem Medientermine immer mehr Last denn Lust waren. Fischer wirkt offen, durchaus selbstkritisch – und ­erfrischend uneitel.

Am 30. August spielt Basel gegen Zürich. Sie haben 30 Jahre beim FCZ verbracht, die Fans adelten Sie mit einem Plakat, auf dem Sie zum ewigen Zürcher Captain ernannt wurden. Jetzt sind Sie Trainer des grossen Rivalen. Was wird im Umfeld dieser Partie abgehen? Das kann ich nicht beeinflussen. Für mich könnte man es eigentlich ruhen lassen, aber das ist wohl einfacher gesagt als getan. Meine Vergangenheit bei Zürich kann und soll man nicht wegdiskutieren. Zu Beginn meiner Zeit in Thun wurde ich pausenlos als Ur-Zürcher bezeichnet, und ich habe schon versucht, das etwas abzulegen. Ich habe aber auch kein Problem damit. Mit meiner Art habe ich es doch geschafft, die Berner Oberländer zu überzeugen, dass Zürcher nicht das Schlimmste sind, was auf dieser Welt herumläuft. Es ist mein Entscheid, nach Basel zu kommen, und den kann mir niemand übelnehmen.

Der FCB scheint Sie nicht allein wegen Ihrer fachlichen Fähigkeiten engagiert zu haben, sondern auch wegen des Typs Urs Fischer, der für Bodenständigkeit steht. Stört Sie das? Ich hoffe schon, dass sich der FCB Überlegungen gemacht hat, wieso er mich gerne verpflichten würde. Wenn der Typ Urs Fischer gefragt ist, dann ist das ja ein Teil des Trainers. Also stört es mich nicht.

Sie haben den Ruf, sehr gerad­linig zu sein. Einige Leute aus Zürcher Zeiten sagen sogar, Sie seien ein Polterer. Ein Polterer bin ich absolut nicht. Ich bin eher ein ruhiger Trainer, der versucht, in einem gewissen Ton seine Ideen zu vermitteln. Gut, wenn ich in einer Übung drin bin, kann ich schon einmal lauter ­werden, dann verstehen mich die Spieler auch ohne Mikrofon. Ich musste in meiner Karriere schon als Spieler immer vielen helfen und sagen, wo sie stehen sollen, des­wegen habe ich ein etwas lauteres Organ. Aber ich hinterfrage mich schon dauernd und sage mir: Urs, versuche, leiser zu werden! Ver­suche, deine Anweisungen in einer anderen Tonlage weiterzugeben. Die Leute können schon erschrecken, wenn es plötzlich laut wird, weil ich ja kein unangenehmer Zeitgenosse bin und eigentlich eine ­angenehme Tonlage habe.

In der NZZ sagte Thuns Sportchef Andres Gerber, für die Streicheleinheiten der Spieler seien andere zuständig gewesen, das sei nicht so Ihr Ding. Klingt etwas eindimensional, wenn Sie nur für die harte Gangart zuständig sind. Andres Gerber war ja nicht bei ­jeder Unterredung dabei. Ich ­hatte schon auch Gespräche, bei denen es darum ging, den Spielern Streicheleinheiten zu verabreichen. Mein Naturell geht aber eher in die andere Richtung, und das ist wohl auch ein Teil von dem, was sich Basel vorgestellt hat. Ich rede korrekt, in einem normalen Ton, aber wenn es um die ganz feinen Streicheleinheiten geht, dann bin ich vielleicht eher der Falsche.

Und in welcher Sprache treiben Sie an oder streicheln Sie? Deutsch – Mundart.

Das ist für Sie keine Frage? Nein. Aber klar: Am Schluss muss es der Spieler auch verstehen.

Nur mit Mundart dürften Sie beim FCB Probleme bekommen. Warum?

Weil die Basler Spieler aus aller Welt kommen und die Trainings seit Christian Gross meist in einer Mischung aus vielen Sprachen stattfinden. Okay. Wir hatten auch in Thun ausländische Spieler, die dann aber Deutsch auch verstanden haben. Natürlich kann ich persönliche ­Gespräche auf Englisch oder Französisch führen. Aber ich will nicht eine Sitzung erst auf Deutsch ­machen, dann auf Englisch und anschliessend noch auf Französisch, sonst zieht sich das endlos in die Länge. Als ich Spieler unter Raimondo Ponte war, fanden die Sitzungen in vier Sprachen statt. Er begann mit Deutsch, und als er endlich beim Französisch angekommen war, sind die Deutschsprachigen fast eingeschlafen. Man darf von den Spielern erwarten, dass sie bereit sind, die Sprache so schnell als möglich zu lernen. Wenn sich aber herausstellt, dass Hochdeutsch ein guter Mittelweg ist, dann bin ich gerne dazu bereit.

In Thun hatten Sie ein Team, aus dem kaum ein Spieler herausstach. Beim FCB reicht die Bandbreite vom 17-Jährigen, der vielleicht das Gefühl hat, er lande demnächst bei Real Madrid, bis hin zum 38-jährigen Champions-League-Sieger ­Walter Samuel. Sie werden sich anpassen müssen. Auch der 38-jährige Champions-League-Sieger. Und ich habe gehört, er sei sehr pflegeleicht, ein Profi. Er weiss, worum es geht und wer der Chef ist. Umgekehrt muss man einem Jungen gewisse Flausen austreiben, das hat nichts mit Basel oder Thun zu tun. Ja, ich werde meine Arbeitsweise etwas anpassen müssen, aber es wäre falsch, wenn ich mich gross verändern würde. Wenn man schauspielert, dann . . . Äxgüsi, dumm sind die Spieler nicht. Man muss schon ­authentisch bleiben.

Sie haben als Spieler ihren Trainern gern Paroli geboten … Ja. Ist das schlecht? Das kommt jetzt so negativ rüber.

Es ist eine Feststellung. Dann ist es gut, okay.

Die Frage lautet: Wie würde der Trainer Urs Fischer mit dem Spieler Urs Fischer umgehen? Ich glaube, ein, zwei Spieler des Kalibers Urs Fischer könnte ich noch handhaben. Wenn ich sechs, sieben, acht davon hätte – die Medikamente sind wohl noch nicht erforscht, die da helfen würden. Aber der Trainer konnte sich auch immer auf mich verlassen. Nur rumgenörgelt habe ich dann schon nicht. Ich war in meiner Karriere mehrheitlich Captain und hatte auf und neben dem Platz Verantwortung zu tragen. Es stimmt, dass der Spieler Urs Fischer sicher nicht der bequemste war. Aber auch ich habe gelernt, dass ich mich manchmal anpassen muss.

Wie denn? Indem mir etwa ein Trainer mal gesagt hat: «Burscht, dort ist das Drehkreuz. Du kannst raus, dann ist der FCZ Geschichte für dich.»

Wer war das? Hermann Stessl, und das vor versammelter Mannschaft. Tja. Da war ich 20, 21, ein Junger, der seine Leitplanken gesucht hat. Und dann wurde klar der Tarif durchgegeben. Ich denke, das gehört heute auch noch dazu.

Und als Trainer haben Sie in welchen Situationen am meisten gelernt: in den drei erfolgreichen Saisons in Thun – oder bei Ihrer Entlassung beim FCZ? Mir wurde immer gesagt: Du bist erst ein richtiger Trainer, wenn du das erste Mal entlassen worden bist. Das klingt wie ein blöder Spruch, aber es hat eben doch ­etwas für sich. Bei einer Entlassung ändert sich schon von einer Sekunde auf die andere alles. Das stärkt dich, da lernst du, da nimmst du Dinge mit. Zum Beispiel, wie du dich verhalten ­sollst, wenn du wieder in solche ­Situationen kommst.

Was heisst das konkret? Etwas ruhiger zu sein in den ­Emotionen. Die letzten drei Vierteljahre beim FCZ waren hektisch, hektisch. Du wurdest angegriffen. Und das löst bei dir ja auch eine gewisse Dünnhäutigkeit aus. Mit dem musst du erst einmal konfrontiert werden. Ich weiss nicht, ob ­jemand mit Weisheit geduscht ­worden ist. Also ich nicht. Ich musste das alles zuerst lernen.

Ist es eine grosse Genugtuung, beim Serienmeister unterschrieben zu haben, nachdem Ihre Entlassung Sie beim FCZ 2012 sehr geschmerzt hat? Man darf hier nicht Sachen ver­mischen. Mein Abgang beim FCZ und meine Unterschrift beim FCB haben nichts miteinander zu tun. Der FCZ hat mir den Einstieg als Trainer ermöglicht. Als Cheftrainer in der Super League besteht das Risiko, dass man entlassen wird. Das wusste ich, damit muss man umgehen können. Ich war dann froh, dass Thun gekommen ist. Dass das gleich so eine tolle ­Geschichte werden würde, wusste man damals noch nicht.

Wie haben Sie auf den Anruf des FCB reagiert? Ich war überrascht, perplex, ich hatte wirklich nicht damit ge­rechnet und habe gesagt, natürlich könne ich mir einen Wechsel ­vorstellen. Das ist ja logisch, es ist der FC Basel.

Ihre Überraschung erstaunt. Wenn in der Super League ein Trainerposten frei wurde, fiel Ihr Name eigentlich immer. Man denkt trotzdem nicht daran. Ich habe auch nicht genau verfolgt, was beim FC Basel abläuft. Ich war ja noch in den Ferien, aber irgendwo auch bei der Vorbereitung für den Trainingsauftakt mit Thun. Zunächst konnte ich noch gut schlafen, aber das änderte sich nach dem ersten Gespräch mit den Verantwortlichen von Basel. Da wusste ich, Urs, jetzt könnte es konkreter werden. Es gab ja zwei Seiten: zweieinhalb fantastische Jahre mit Thun und nun ein Angebot aus Basel, der ­erfolgreichsten Schweizer Mannschaft der letzten Jahre.

Wir behaupten, es ist Ihr Pech, dass Sie Ihre Arbeit nach dem Ende der Ära der grossen Basler Spieler im FCB-Team antreten. Ohne diese lokal verankerten Führungspersönlichkeiten wird mehr Arbeit an Ihnen hängen bleiben. Klar, nach dem Abgang der ­Figur Marco Streller als Captain gibt es sicher mehr Arbeit. Er war ja nicht nur ein wichtiges Bindeglied zwischen Trainer und Team, er war auch eine Identifikations­figur. Es gab viele grosse Basler zuletzt. Streller, Frei, Stocker, Sommer, Xhaka, Shaqiri. Aber es ist immer gelungen, die entstandenen Lücken zu schliessen. Auch jetzt müssen wir eine Antwort finden.

Das bedeutet, dass Sie nicht mit einer gewachsenen ­Mannschaft arbeiten werden, ­sondern mit einer, die zusammengekauft worden ist. Die Mannschaft ist nicht zusammengekauft, sie hat schon die letzte Saison in dieser Zusammensetzung gespielt. Sie zeigt die Situa­tion, die wir in der Schweiz haben. Bei Thun waren wir der Lieferant für die anderen in der Super League. Und Basel ist der Lieferant für den Schritt ins Ausland, da ist es normal, dass es mal zu einem Umbruch kommt.

Der FCB-Vorstand hofft, dass wenigstens Sie den FCB nicht als Durchlauferhitzer sehen, weil Sie sich glücklich schätzen, in Basel arbeiten zu dürfen. Das hat schon etwas, ja. In Zürich war ich relativ lange (lacht), in St. Gallen habe ich es auch auf acht Jahre gebracht. Und wäre der FCB nicht gekommen, würde ich in Thun in die vierte Saison gehen. Als Spieler hatte ich zwei Clubs, also bin ich schon der Typ, der es längere Zeit an einem Ort aushält.

Bei Thun stand das Saisonziel schnell fest: Ligaerhalt. Beim FCB ist es nach sechs Meister­titeln auch recht einfach. Es geht darum, die Leistungen zu bestätigen. Es ist eine stolze Serie. Dieser Aufgabe begegne ich mit Respekt, aber nicht mit Angst. Es besteht ja eine Clubhierarchie, die schon seit längerer Zeit funktioniert. Ich muss versuchen, mich einzufügen, damit die Zahnrädchen ineinandergreifen.

Das heisst: Meistertitel, Champions League, Cupfinal. Ja, so sieht es wohl etwa aus, oder? In eine Meisterschaft gehst du, um Meister zu werden, sonst lässt du es sein. Cup? Alle ausser Sion sind Verlierer. Und natürlich muss es das Ziel sein, in die Gruppenphase der Champions League zu kommen. Wenn du es dir mit Thun zutraust, Partizan Belgrad schlagen zu können, dann traust du dir als Trainer des FC Basel auch zu, in diese Gruppenphase zu kommen.

SonntagsZeitung

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