«Uns fehlt noch die Siegermentalität Basels»

Alain Kappeler, CEO im Stade de Suisse, spricht über seine Arbeit und die YB-Saison, über die Stadion- und Klubbesitzer und den Kostendruck – sowie über Sportchef Fredy Bickel und den Cupfinal.

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Fabian Ruch

Welche Note würden Sie der aktuellen YB-Saison geben? Alain Kappeler: Eine knappe 5.

Und mit welcher Begründung? Wir können das Fazit bereits zwei Runden vor Schluss ziehen, weil wir unser Ziel erreicht haben und nächste Saison in der Europa-League-Qualifikation spielen werden. Das ist wichtig, und ich denke, die Art und Weise, wie wir am Sonntag gegen Basel spielten und siegten, entschädigte für die schwierigen Wochen zuvor.

Aber restlos zufrieden können Sie mit YB nicht sein... ...natürlich nicht. Wir starteten sehr stark in die Saison, nach den fünf Siegen am Anfang war die Euphorie gross. Da sah man auch, wie YB die Leute bewegt, wir hatten Ende August 25'000 Zuschauer im Stadion. Leider fehlte es danach an der Konstanz.

Ist es manchmal frustrierend für Sie, wie stark das Stade de Suisse im Schatten von YB steht? Wie meinen Sie das?

Egal, wie gut Sie und die anderen Angestellten arbeiten, letztlich hängt es vom YB-Erfolg ab, wie die Arbeit bewertet wird. Es ist nicht übertrieben, wenn man das so sieht. Wir haben diese Holdingstruktur mit Sport und Kommerz im gleichen Haus, die wir nach aussen und innen abbilden wollen. Dabei steht die erste Mannschaft eindeutig im Fokus. Und der Grund ist klar: Sie ist der grosse Hebel, den wir besitzen. Wenn wir sportlich erfolgreich sind, profitieren alle davon.

Wie gehen Sie damit um? Das macht den Reiz dieses Geschäfts aus. Damit muss man umgehen können. Frustrierend war für mich unsere Inkonstanz, denn wir haben ja gesehen, wie gut das Team unter der Woche arbeitete.

Wie weit sind Sie denn im Stade de Suisse und bei YB bezüglich Ihrer Idealvorstellung? Dank den Besitzverhältnissen haben wir ausgezeichnete Möglichkeiten. Stadion und Verein gehören den gleichen Eigentümern. Es gibt nur einen Verwaltungsrat, der bernischer aufgestellt ist als früher, die Wege im Betrieb sind kurz, die vier Abteilungen Sport, Marketing/Verkauf, Sicherheit und Finanzen arbeiten im Stade de Suisse eng zusammen.

Die Vorwärtsstrategie vor ein paar Jahren erlitt sportlich und wirtschaftlich einen Totalabsturz. Inwiefern spüren Sie diesbezüglich noch Nachwehen, beispielsweise bei der Akzeptanz bei Sponsoren und im Umfeld, die ja damals gelitten hatte. Ich möchte nicht nachtreten gegen die frühere Führung. Was ich sagen kann: Es ist uns gelungen, durch personelle Veränderungen und durch den Aussenauftritt wieder mehr Nähe zum Publikum und zu den Partnern zu schaffen.

Es gab aber ein paar Baustellen, die Sie übernehmen mussten. Für mich war entscheidend, dass unser Image wieder besser wird. Und, klar, das Kader ist zu gross und teuer, da bauen wir noch ab.

Und welches ist Ihre Hauptaufgabe im Betrieb? Mir ist wichtig, dass wir ein gutes Arbeitsklima haben. Und ich erachte es als elementar, dass Stadion und Klub gemeinsam auftreten und die daraus entstehenden Synergien auch genutzt werden. Diese Situation ist ein Wettbewerbsvorteil. Zudem müssen wir wirtschaftlicher sein, die Kosten optimieren und an die Zukunft denken. Da stehe ich als CEO in der Verantwortung.

Man hört immer wieder, dass YB sparen müsse. Also wurden in den letzten Monaten regelmässig Leute entlassen, gleichzeitig aber im Januar Verteidiger Milan Vilotic für 3,5 Millionen Franken Ablösesumme von GC verpflichtet. Wie passt das zusammen? Man darf diese Dinge nicht vermischen. YB ist unser Kerngeschäft, Spielerverpflichtungen wie Milan Vilotic sind Investitionen. Das gehört dazu. Das gilt zum Beispiel auch für die neuen LED-Screens, die wir noch dieses Jahr anschaffen werden. Wir arbeiten mit einem klaren Budget, und wenn es ausserordentliche Ausgaben gibt wie den Transfer von Vilotic, wird das mit den Besitzern angeschaut. Gleichzeitig mussten wir im Büro eine Reorganisation vornehmen, um den Fixkostenblock zu verringern.

So viel Geld für einen Verteidiger in die Hand zu nehmen, ist dennoch aussergewöhnlich. Wenn wir der Meinung sind, dass uns ein Fussballer sportlich weiterbringt oder wir ihn später gewinnbringend verkaufen können, ist das eben eine Investition.

Ist es überhaupt möglich für YB, selbsttragend zu sein? Jeder Schweizer Fussballklub hat ein strukturelles Defizit, das er nur durch besondere Erträge wie Europacupeinnahmen oder Spielerverkäufe ausgleichen kann. Es muss unser Ziel sein, selbsttragend zu sein. Für uns ist das möglich, wenn wir vorne mitspielen und europäisch eine Rolle spielen. Es gibt bei uns zum Glück noch andere Einnahmequellen im Stadion und mit Events.

Der Fussballbetrieb aber kann alleine nicht eine ausgeglichene Rechnung erreichen... ...vermutlich ist das unrealistisch, ja. Man müsste die Ausgaben im Team stark reduzieren. Oder wir müssten konstant die Champions League erreichen.

Die Gebrüder Rihs als Besitzer übernahmen 2012 und 2013 ja die massiven Verluste bei YB in Millionenhöhe mit weiteren Darlehen. Wann endet die Geduld der Investoren? Zahlen kommentieren wir nicht. Wir sind froh, solch sportbegeisterte und grosszügige Besitzer zu haben. Aber das heisst auf keinen Fall, dass wir keinen Kostendruck hätten. Wir sind auf dem Weg, eigenständig zu werden. Das ist eine grosse Herausforderung. Ich bin überzeugt, dass wir auch wieder mehr Zuschauer haben werden, wenn wir vorne mitspielen. Denn wir haben ja grosses Potenzial und nicht grundsätzlich ein negatives Image...

...aber mittlerweile doch ein wenig ein Verliererimage... ...das liegt auf der Hand, wenn man 28 Jahre auf einen Meistertitel wartet. Wir müssen weiter unseren Weg gehen. Und cleverer werden, uns fehlt noch die Siegermentalität Basels.

Wie soll sich das ändern? Das geht nur Schritt für Schritt.

Wer kontrolliert eigentlich Sportchef Fredy Bickel, der sehr viele Vertraute nach Bern holt? Wir haben einen Finanzausschuss und eine Sportkommission mit Vertretern des Verwaltungsrats. Da werden die Entscheidungen diskutiert und abgesegnet. Es ist doch logisch, holt Fredy Bickel Leute zu YB, die er kennt und denen er vertraut. Und wir vertrauen ihm, er besitzt eine riesige Erfahrung und baut jetzt sein Team auf. Dabei sind wir fast täglich in Kontakt, wobei ich mich im sportlichen Bereich nicht einbringe. Da haben wir genügend Fachkompetenz.

Die Abhängigkeit von Bickel ist ziemlich gross. Wir sind vom Sportchef überzeugt, er wird von allen unterstützt. Und letztlich entscheidet auch hier der Erfolg. Wir wollen Stabilität und Kontinuität und setzen auf unsere Crew. Das würde ich auch sagen, wenn wir Basel nicht geschlagen hätten.

Und wie wichtig sind Länderspiele und Cupfinals noch für Sie? Der Schweizerische Fussballverband meinte kürzlich, er fühle sich in Bern nicht mehr besonders willkommen. Ich bin der Meinung, dass Bern ein perfekter Standort ist für Länderspiele. Das wird immer so bleiben. Der Cupfinal aber ist für uns nicht mehr so wichtig wie früher, die Ereignisse in den letzten Jahren mit den Fanrandalen in Bern haben auch uns geschadet, obwohl wir als Stadionbetreiber einen guten Job machten. Für mich wäre es schöner, wenn YB endlich wieder den Cupfinal erreichen und gewinnen würde.

Berner Zeitung

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