Unerschrocken in einer neuen Welt

2011 spielte Renato Steffen in der interregionalen 2.Liga, im Sommer stiess er vom Erstligisten Solothurn zum FC Thun. Am samstag tritt der gelernte Maler mit Thun gegen Sion an.

Im Rampenlicht: Seit einigen Wochen erst ist Renato Steffen Profi. Beim FC Thun hat der 20-Jährige mit frechen Auftritten aber sehr rasch auf sich aufmerksam gemacht.

Im Rampenlicht: Seit einigen Wochen erst ist Renato Steffen Profi. Beim FC Thun hat der 20-Jährige mit frechen Auftritten aber sehr rasch auf sich aufmerksam gemacht.

(Bild: Patric Spahni)

An einem Montag in diesem Sommer trat Renato Steffen durch die Tür seines Elternhauses in Erlinsbach in der Nähe von Aarau und streckte Vater und Mutter den Profivertrag beim FC Thun entgegen – bis 2014 wollten ihn die Oberländer verpflichten. «Meine Eltern waren unglaublich stolz. Gegenüber meinem Vater war es auch eine gewisse Genugtuung», erzählt Steffen. Rolf Steffen war immer etwas skeptisch gewesen, wenn ihm sein Sohn von seinem Ziel, Profifussballer zu werden, erzählt hatte. Stets hatte er darauf hingewiesen, wie wichtig eine Berufslehre ist. «Gut schweizerisch halt», sagt Renato Steffen und schmunzelt. Den erlernten Beruf als Maler gab er mit dem Wechsel nach Thun vor ein paar Wochen auf. Heute, im Heimspiel gegen Sion, dürfte der 20-Jährige zum dritten Mal in der Startformation stehen. Er wird vor dem Anpfiff die Hand von Weltmeister und Champions-League-Sieger Gennaro Gattuso schütteln und dann versuchen, mit frechen Dribblings für Torgefahr zu sorgen. «Natürlich habe ich Respekt vor Gattuso. Aber er ist jetzt ein Super-League-Spieler, und ich bin jetzt auch ein Super-League-Spieler», sagt Steffen.

Tipp von U-21-Trainer Böhm

Der Jüngste im Thuner Kader – in zwei Wochen wird er 21 – hat in den letzten Wochen auf sich aufmerksam gemacht. Mit unerschrockener Spielweise, mit der Vorlage zum Siegestor gegen die Young Boys, mit seinem ersten Super-League-Treffer im letzten Meisterschaftsspiel gegen GC. «Seine Entwicklung ist beeindruckend. Er überrascht mich wirklich», sagt Trainer Bernard Challandes. Steffen staunt manchmal ebenfalls – über sich selber: «Es fällt mir ab und zu wirklich schwer, alles zu realisieren. Es ist so schnell gegangen.»

Vor eineinhalb Jahren noch spielte der 1,70 m grosse Offensivspieler für den SC Schöftland in der interregionalen 2.Liga. Roland Hasler, dem Trainer des Erstligisten Solothurn, fielen die Qualitäten des jungen Mittelfeldspielers auf, im Sommer 2011 holte er ihn zu seinem Klub. «Der Wechsel in die 1.Liga war bereits ein riesiger Schritt», sagt Steffen. Die Geschichte sollte sich danach so ähnlich wiederholen. In einem Match gegen Solothurn wurde Thuns U-21-Trainer Rüdiger Böhm auf Steffen aufmerksam. Er sprach den Linksfüsser an und teilte ihm mit, er habe die Fähigkeiten, sich beim FC Thun durchzusetzen – und zwar in der 1. Mannschaft, nicht im Nachwuchs. «Da war ich natürlich schön überrascht», sagt Steffen. Böhm teilte seine Beobachtung auch Thuns Sportchef Andres Gerber und Trainer Challandes mit. Sie nahmen Steffen unter die Lupe, anschliessend luden sie ihn zum Probetraining ein.

Neue Stadt, alte Kollegen

«Ich war unglaublich nervös, als ich zum ersten Mal mit den Profis trainierte, und machte viele Fehler», erzählt Steffen. Doch die Thuner Verantwortlichen sahen sein Potenzial und offerierten ihm den besagten Vertrag.

Das Schönste am Dasein als Fussballprofi sei, sagt Steffen, «dass ich mein Hobby ausleben kann und trotzdem noch über Freizeit verfüge». Zuvor war neben dem Malerberuf und dem Fussball kaum Zeit für anderes geblieben. Seit Sommer lebt Renato Steffen unerschrocken in einer neuen Welt. Abseits des Platzes gibt es eine neue Stadt zu entdecken («Thun kannte ich kaum») und neue Freundschaften zu schliessen («Ich komme rasch mit anderen Leuten ins Gespräch»). Die Freizeit nutzt er trotzdem oft für Abstecher in den Aargau, für den Besuch bei Familie und Freunden. «Sie helfen mir, am Boden zu bleiben. Denn würde ich jetzt abheben, wäre das das Schlimmste, das passieren könnte.»

Berner Zeitung

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