«Und den Pokal, den gewinnen wir bei euch!»

Olympique Marseille spielt heute gegen Atlético Madrid um die kleine Krone Europas – ausgerechnet in Lyon. OM ist immer auch ein politisches Statement.

Feiert Lyon auch heute? Die Franzosen spielen gegen Atlético Madrid im Final der Europa League.

(Bild: Keystone Andreas Schaad)

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Es gibt Namen, bei deren Nennung eine ganze Welt anklingt. Marseille ist so einer. Das mag auch am Hafen liegen, dieser formidablen und auch etwas verruchten Rampe in ein neues Leben, begleitet vom Gedröhne des Schiffshorns. Die Kapitale Südfrankreichs ist wahrscheinlich die unfranzösischste aller französischen Städte. Sie ist auch maghrebinisch, komorisch, italienisch, spanisch, senegalesisch und vor allem korsisch, was streng genommen auch französisch ist, aber doch ganz anders.

Vor allem aber ist Marseille olympisch, von Olympique Marseille. Der Fussballverein ist der grösste gemeinsame Identitätsstifter dieser Stadt mit ihren vielen sozialen Widersprüchen und kulturellen Überlagerungen, so etwas wie eine Religion jenseits der Religionen. Solche Dinge sagt man ja schnell daher. In Marseille ist es tatsächlich so. Und das Stade Vélodrome, das Stadion am Knie der lang gezogenen Avenue du Prado mit seinem weissen, wellenartigen Dach, dient der Fangemeinde als Tempel.

Nun lächelt Marseille zurück

Nun steht Marseille im Final der Europa League, man spielt gegen Atlético Madrid, den Tabellenzweiten aus Spanien, und es ist, als spiele man gleichzeitig um das grosse Ganze, um die Ehre, um den Platz im Land. OM – das ist nämlich auch ein politisches Statement gegen den Rest Frankreichs, der immer etwas mitleidig lächelt über Marseille. Das äussert sich auch in Rivalitäten mit Lyon und Paris, den reichen Städten weiter nördlich. Doch nun lächelt Marseille zurück.


Video: Atlético steht im EL-Final

Die Spanier schalten Arsenal im Halbfinal aus. Video: Tamedia/Reuters


In der Meisterschaft stehen die Marseillais eine Runde vor Saisonende auf dem vierten Platz – hinter Paris Saint-Germain, Monaco und Olympique Lyon. Für die Champions League qualifizieren sich nur die ersten drei. Gewänne OM aber die Europa League, wäre es auch als Vierter dabei. Da werden Erinnerungen wach, nicht nur ruhmreiche. Es gab einmal eine Zeit, da war Marseille eine Macht im Fussball, man gewann Titel in Serie und als erster französischer Verein überhaupt die Königsklasse. 1993 war das, in München, 1:0 gegen Milan. Ein Kopfballtor von Basile Boli in der 43. Minute. Seither lautet einer der Slogans des Vereins: «À jamais les premiers». Für immer die Ersten.

Damals wurde der Verein vom Geschäftsmann Bernard Tapie angeführt, dem zwischenzeitlich auch Adidas gehörte. Eine flamboyante Figur, ein Prahler und Protzer, ausgerechnet aus Paris. Doch in Marseille liebten sie ihn, weil er den Verein gross machte und prominente Namen holte. Dann kam heraus, dass dabei nicht alles sauber lief, dass auch geschmiert wurde. Tapie musste ins Gefängnis, der Verein wurde zwangsrelegiert. An die alte Glorie konnte OM seither nie mehr anknüpfen. Der Club wechselte mehrmals die Hand. Seit zwei Jahren gehört er nun dem Amerikaner Frank McCourt, der früher einmal das Baseballteam LA Dodgers besass.

Die Kraft der kleinen Millionen

McCourt investierte viel Geld in neues Personal, etwa 45 Millionen Euro. Doch im Vergleich zu den Zahlen, mit denen sie bei dem katarischen PSG und dem russisch gelenkten Monaco jonglieren, ist das ein Klacks. Mit den Millionen von McCourt liessen sich aber einige namhafte Spieler nach Marseille locken, auch zwei Ex mit Wehmut: Florian Thauvin, der beste Stürmer des Vereins, und Steve Mandanda, der Torhüter. Beide hatten ihr Glück in England versucht und versagt. Doch Marseille ist ein Hafen, auch für Rückkehrer. Dimitri Payet wiederum, der kreative und zuweilen geniale Kopf im offensiven Mittelfeld, kam von West Ham, das ihn unbedingt hatte behalten wollen und nach langem Kampf mit Schimpf nach Marseille ziehen liess. Luiz Gustavo, Lucas Ocampos, Kostas Mitroglou – an bekannten Namen mangelt es wirklich nicht.

Zum Superstar des Teams aber avancierte der Innenverteidiger Adil Rami, ein harter Kerl mit recht ungelenken Füssen und fein gezupften Augenbrauen, der vor einem Jahr aus Sevilla kam. Für eine Ehrenrunde, wie man dachte. Es kam anders. Unlängst erzählte er in einem Interview, er habe in seiner Kindheit nie «Baywatch» geschaut, die TV-Serie aus Malibu, und nährte damit das ohnedies schon recht üppige Interesse an seinem Privatleben.

Glamour ist zurück – dank Pamela Anderson

Rami, 32 Jahre alt, ist nämlich seit einigen Monaten amourös liiert mit Pamela Anderson, 50, der weltberühmtesten Rettungsschwimmerin. Die beiden haben ein Haus am Meer gekauft, unten an der Corniche Kennedy, wo Marseille am schönsten ist. Drei Millionen Euro soll es gekostet haben, schreibt die Lokalzeitung «La Provence». Mit der schönen «Pam» zog auch wieder etwas Glamour ein bei Marseille. Man sieht sie zuweilen auf der Tribüne des Vélodrome, ihre Garderobe interessiert dann einen Moment lang so sehr wie das Gekicke ihres Lieben.

Gegen Atlético sieht man sich als kleiner Aussenseiter. Und doch liegt alles drin – im Kopf wenigstens, im Herzen sowieso. So viel Euphorie wie jetzt war schliesslich seit vielen Jahren nicht mehr. Marseille spielt wieder einmal einen europäischen Final. Nicht den grossen zwar, aber immerhin. Paris? Monaco? Lyon? Die ganze, blasierte nationale Konkurrenz war schon früh draussen. Das reicht schon zum Glück. Und dann findet dieses Endspiel auch noch im noblen und etwas hochnäsigen Lyon statt, eineinhalb Stunden weg mit dem TGV, die Rhone hinauf. Man hat sich in dieser Saison oft gerauft zwischen OM und OL, hin und her auf allen Ebenen, mal gab es sogar eine wüste Prügelei auf dem Platz.

Nach Lyon reisen nun auch 3000 Fans ohne Tickets für das Spiel. Die Polizei fürchtet mehr als nur Chöre, einer geht so: «Und den Pokal, den gewinnen wir bei euch!»

Tages-Anzeiger

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