Trotz allem: Hütter ist mit YB auf Kurs

Vor genau sechs Monaten siegte Adi Hütter zum Einstand als YB-Trainer mit 4:0 gegen Vaduz. Der Österreicher hat sein Team deutlich stabilisiert – und setzt nach stürmischen Startwochen mittlerweile auf eine pragmatische Spielweise.

Adi Hütter herzt Markus Babbel vor der Partie YB-Luzern. Aus 16 Spielen holte der Österreicher 30 Punkte – doppelt so viele wie die Innerschweizer im selben Zeitraum.

Adi Hütter herzt Markus Babbel vor der Partie YB-Luzern. Aus 16 Spielen holte der Österreicher 30 Punkte – doppelt so viele wie die Innerschweizer im selben Zeitraum.

(Bild: Andreas Blatter)

Fabian Ruch

Vor genau einem halben Jahr feierte Adi Hütter seinen fulminanten Einstand in Bern. Die erste Partie als YB-Trainer gestaltete der Österreicher am 12. September triumphal, das 4:0 gegen Vaduz ist immer noch der höchste Saisonsieg der Young Boys. Es war der stürmische Startschuss zu einer vorerst äusserst leidenschaftlichen Beziehung zwischen Klub und Trainer.

YB agierte im Herbst enorm spektakulär und fegte die Topteams Basel (4:3) sowie GC (3:1) nach grossartigen Vorstellungen aus dem Stade de Suisse. Doch die Anfangsbegeisterung kühlte bald ab. «Wir holten zu viele Unentschieden», sagt Hütter heute. «Drei Siege und zwei Niederlagen wären besser als fünf Unentschieden gewesen.»

Adi Hütter ist nicht nur ein begabter Mathematiker, er ist auch ein Pragmatiker, der den Hurrafussball aus dem letzten September bald den Begebenheiten anpasste. «Die Gegner stellten sich besser auf uns ein, wir brauchten einen Plan B», sagt Hütter. «Zudem ist es ohnehin unmöglich, neunzig Minuten Pressing zu betreiben.» Vielleicht sei damals zu Beginn gleich eine derart grosse Euphorie entstanden, weil man von YB solche Leistungen nach dem enttäuschenden Saisonstart eher nicht erwartet habe.

Die YB-Mission

Und so stellt man Adi Hütter nach sechs Monaten Arbeitszeit in der Schweiz die Frage, wie nahe er eigentlich seinen Idealvorstellungen auf einer Skala von null bis hundert bereits komme. Der 46-Jährige sagt, das sei eine gute Frage, die Antwort aber falle ihm nicht leicht. Eine Zahl nennt er auch nach mehrmaligem Insistieren nicht.

Sportlich habe ihn in der Schweiz wenig überrascht, sagt er und fügt schmunzelnd an: «In­teressant ist aber, dass die Schweizer gar nicht so verschlossen sind, wie es bei uns in Österreich immer heisst.» Noch lieber spricht Hütter jedoch davon, die YB-Mission in der Rückrunde erfüllen zu wollen – und Rang 2 zu erreichen. «Wir haben seit der Winterpause nie verloren und uns diesen Platz in den letzten Wochen erobert.»

Es ist eine sachliche Betrachtungsweise. Sie zeigt auf, dass Hütter bei aller Liebe zum Offensivfussball kapiert hat, worum es bei den Young Boys geht. «Wir wollen Erfolg haben», sagt er. «Natürlich gewinne ich lieber wie zuletzt 5:2 als staubtrocken 1:0. Am wichtigsten ist aber, dass wir überhaupt gewinnen.»

Starke Bilanz unter Hütter

Diesbezüglich ist Hütter – trotz einigen Remis zu viel – ganz flott unterwegs. Er hat das stark besetzte Kader in die richtige Spur geführt. Nach enttäuschenden Ergebnissen und Ereignissen im letzten Jahr ist YB ja auf dem beschwerlichen Weg, beim frus­trierten Publikum Goodwill zurückzugewinnen – dabei geht ein wenig unter, wie erfolgreich die Young Boys nach dem Trainerwechsel trotz vereinzelt schwachen Auftritten eigentlich agieren. Sie sind in der Hütter-Tabelle ab dem 7. Spieltag ganz klar das zweitbeste Team der Liga – und liegen nur knapp hinter dem FC Basel.

Die Hütter-Tabelle (seit dem 7. Spieltag)

Irgendwie also ist Hütter mit YB auf Kurs. Man kann jetzt, wenn man spöttisch sein will, behaupten, der Plan B bestehe vor allem aus Guillaume Hoarau (zuletzt 6 Tore in 5 Spielen). Der französische Torjäger, wurde im Herbst während dessen Verletzungspause geunkt, passe nicht in den Hochgeschwindigkeitsballeroberungsfussball Hütters. Das erwies sich als Unsinn. Gute Spieler passen in jedes System, einerseits, und andererseits, findet der Trainer, sei es ja nicht so, dass Hoarau wenig laufe. «Er macht 10,5 bis 11 Kilometer pro Spiel, das ist für einen Stürmer viel. Zudem ist Hoarau erfahren und steuert unser Pressing.»

Seit 1897: GC vor YB

Und so ist YB – mal wieder – Zweiter hinter Basel. YB ist auch Zweiter in der Hütter-Tabelle. Und: YB ist seit letztem Wochenende Zweiter in der ewigen Rangliste der obersten Schweizer Spielklasse. Auf Wikipedia ist eine Tabelle zu finden, die alle Ergebnisse seit 1897 (!) berücksichtigt. Hütter steuerte dabei 30 von insgesamt 4315 Punkten der Young Boys bei. Allzeitleader GC dürfte noch Jahrzehnte an der Spitze figurieren – und der Dritte Servette bald auch von Basel überholt werden. Der FCB nähert sich zudem mit Siebenmeilenstiefelschritten YB, liegt aber noch 128 Punkte hinter den Bernern.

Rangliste Schweizer Topligen seit 1897

All diese Tabellen zeigen: Die Young Boys sind ein Schweizer Spitzenklub, Titel allerdings gewinnen seit 29 Jahren immer die anderen. Adi Hütter ist in Bern, um das zu ändern.

Berner Zeitung

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