Trainergott in höheren Sphären

Vor zwölf Tagen verabschiedete sich Adi Hütter von YB. Der Meistertrainer hinterlässt ein grosses Erbe. Sein Abgang zeigt, wie schnell es im Fussballgeschäft gehen kann.

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Fabian Ruch

Aus den Augen, aus dem Sinn!

Am vorletzten Montagmittag, wenige Stunden nach dem ver­lorenen Cupfinal gegen den FC Zürich, verabschiedete sich Adi Hütter in Bern nach einem Brunch von den YB-Spielern. Dann flog er nach Frankfurt, gab am Mittwoch seine Antrittspressekonferenz und sagte: «Es war immer mein Ziel, in der Bundesliga zu arbeiten. Ich bin stolz, bei Eintracht Frankfurt zu sein. Ich habe einen unglaublich guten Eindruck, ein richtig gutes Gefühl.»

Es war ein souveräner Auftritt Hütters im Blitzlichtgewitter und vor jeder Menge Journalisten und TV-Kameras. Schlank und braun gebrannt wie immer, dunkelblauer Anzug, weisses Hemd, edles Einstecktuch.

YB war, keine 72 Stunden nach dem Cupfinal, weit weg.

Aus den Augen, aus dem Sinn?

Wer Adi Hütter nach dem Bekanntwerden seines Abgangs zu Frankfurt erlebt hatte, berichtet von einem wehmütigen Menschen. Er sagte allen Angestellten im Betrieb persönlich Adieu, es flossen Tränen, Hütter gefiel es in Bern ausserordentlich gut, sein Weggang schmerzte ihn. «Ich werde immer mit Freude an die Zeit bei YB denken», sagt er. «Es war die bisher beste Entscheidung meiner Karriere, bei diesem Club zu arbeiten.» Und: «Ich werde die Emotionen nie vergessen nach dem 2:1 gegen Luzern, als wir Meister wurden.»

YB eine Sprosse auf der Leiter

Mit wachen Augen und Sinnen!

Jeder Abschied ist auch ein Aufbruch. Und Adi Hütter hat in Bern zwar tiefe Spuren hinter­lassen, aber in seinem gradlinigen Karriereplan stellte YB halt auch nur eine Sprosse auf der Leiter nach ganz oben dar. So wie früher die Red Bull Salzburg Juniors, Altach, Grödig und Red Bull Salzburg. Und so wie nun Frankfurt. Man kann sich Hütter irgendwann bei Borussia Dortmund oder gar Bayern München vorstellen. Er hat überall Erfolge gefeiert, in Bern ist er für immer jener Mann, der die fast unendliche Titelsehnsucht nach 32 Jahren gestillt hat. Und obwohl er ein zurückhaltender Mensch ist, gab er sich zum Schluss bei YB volksnah.

Hütter liess zum Beispiel die Telefonnummer jenes Mannes aus dem Oberland herausfinden, der an einer der Meisterpartys im Stade de Suisse ein riesen­grosses Plakat mit Hütters Por­trät und der Aufschrift «Trainergott» in die Höhe hielt – und rief den YB-Fan an. Und auf dem Kunstrasen nahm er einmal das fürs Selfie vorbereitete Handy eines Anhängers in die Hand, als jemand anrief, und stellte sich als Adi Hütter vor. Der Anrufer antwortete, er könne sich selber veräppeln – und beendete das Gespräch.

«Es gibt immer Leute, die etwas besser wissen. Von ihnen kann ich profitieren.»Adi Hütter

Adi Hütter verliess YB als Held. Alle liebten Uns Adi. In den Meisterfeierlichkeitswochen war er in Bern derart beliebt, dass er als Politiker bestimmt mit Bestergebnis in irgendein Amt gewählt worden wäre. Egal, für welche Partei.

Und dann war die ganze Herrlichkeit vorbei. Von einem Tag auf den anderen. So ist das im Fussball. Es ist ein wunderbares Geschäft voller Emotionen. Und eben auch voller Zynismus. Es geht immer weiter. In einem längeren Gespräch während eines Abendessens erklärte Hütter vor einem Jahr nachdenklich: «Leider bleibt einem nie Zeit, um besondere Momente richtig ge­niessen zu können. Das nächste Training, das nächste Spiel, die nächste schwierige Entscheidung folgt für einen Trainer immer gleich sofort.»

Das Lob der Mitarbeiter

Als Adi Hütter seine Trainerstelle im Spätsommer 2015 bei den Young Boys antrat, dachte er nicht daran, so lange in der Schweiz zu bleiben. «Ich wusste nicht, was mich erwartet», sagt er. Bei seinem Abschied war der Österreicher mit grossem Abstand dienstältester Super-League-Coach, ausser ihm war in der nervösen Liga keiner länger als seit letztem Juni im Amt. Im Verein hinterlässt Hütter von ihm begeisterte Angestellte. «Er ist nicht nur ein sehr guter Trainer, sondern auch ein toller Mensch», sagt Medienchef Albert Staudenmann.

Vielleicht gelang Hütter seine Meisterprüfung bei YB im un­ruhigen Herbst 2016 mit erneuten personellen Wechseln an der Clubspitze. Er arrangierte sich mit den Gegebenheiten, wobei die Zusammenarbeit mit Sportchef Christoph Spycher keineswegs spannungsfrei startete.

Hütter musste seine Rolle im veränderten Konstrukt zuerst finden. Schliesslich war mit Spycher nun einer sein Vorgesetzter, der ihm zuvor als Talentmanager zugearbeitet hatte. «Wir haben oft diskutiert», sagt Spycher, «aber unsere Gespräche waren stets von viel Respekt geprägt.»

Er braucht nun einen Plan B

Es ist eine der grössten Stärken von Hütter, Entwicklungen im Ansatz zu antizipieren. «Ich will als Trainer unberechenbar sein», sagt er. Den Beweis, ein unberechenbarer Trainer zu sein, muss Hütter auf dem Weg in Bayern-München-Sphären noch antreten.

Bei YB setzte er auf ein offensiv interpretiertes 4-4-2-System, eine andere Formation für heikle Auswärtsspiele, etwa im Europacup und zum Beispiel mit einer Dreierkette in der Defensive, liess er nie ernsthaft einüben. «Ich gewinne lieber 4:3 als 1:0», sagt Hütter, «Fussball ist auch Unterhaltung.» In Frankfurt wird der 48-Jährige einen Plan B benötigen, in Dortmund oder München kann er nicht auf Teufel komm raus angreifen. Das weiss der Trainer, das betonte er bei seiner Präsentation in Frankfurt auch.

«Ein Adi Hütter will immer Erfolg haben.»Adi Hütter

Es gibt wenige Menschen, die sich kritisch über Hütter äussern. Hinter vorgehaltener Hand erklären Weggefährten, sein extremer Ehrgeiz und seine Konsequenz könnten ihm irgendwann im Weg stehen. In Salzburg war er 2015 trotz Double freiwillig gegangen, weil er die taktischen Dinge nicht so extrem sah wie Red Bulls Fussballbeauftragter und Pressingfanatiker Ralf Rangnick.

Konsequent und streng

Seine feinen Sensoren erlauben es Hütter allerdings, auf Fehl­einschätzungen angemessen zu reagieren. So gab es Phasen, in denen er bei YB mit Sékou Sa­nogo, Kevin Mbabu, Loris Benito und Djibril Sow nicht zufrieden war und diese Akteure teilweise loswerden wollte. Hütter gab die Spieler aber nicht auf, er arbeitete intensiv mit ihnen, am Ende zählte das Quartett zu den Leistungsträgern. «Wichtig ist», sagt er, «dass man miteinander spricht. Und nicht übereinander.»

Adi Hütter ist ein Spieler­bessermacher – und ein Perfektionist. Diese Beschreibung wird nicht gewählt, weil sich das passend anhört für einen Meistertrainer. Er ist mit Abstand der beste, kompetenteste, klügste Coach der letzten Jahre bei YB – und vielleicht in der ganzen Schweiz. Seine strenge, manchmal pedantische Art war bei den Spielern durchaus gefürchtet.

«Er war nie total zufrieden», sagt ­Captain Steve von Bergen. Goalie Marco Wölfli ergänzt, Hütter wolle immer mehr, auch nach Siegen habe er die negativen Punkte angesprochen: «Er trieb uns ständig an.» Der Trainer gibt zu, ungemütlich zu werden, wenn er Leidenschaft und Engagement vermisse. Seine manchmal autoritäre Seite kaschiert Hütter elegant. Er ist ein lockerer, smarter, jovialer Typ, der auch bei Sponsoren gut ankam.

Und auch die Medienarbeit absolviert Hütter äusserst kompetent, er bereitet sich auf Pressetermine sorgfältig vor. «Ich nehme mir ­immer vor, bei solchen Veran­staltungen meine wichtigste Botschaft zu platzieren», sagt Hütter. Den engsten Berichterstatter in Bern testete der einstige Nationalspieler (14 Länderspiele), indem er ihm bei einem der Nachtessen interne Abläufe im Vertrauen detailliert schilderte. Zum Beispiel, dass er einen Mitarbeiter des ­Trainerstabes rausschmiss, weil dieser am Mittag vor einem Spiel im Teamhotel Alkohol getrunken hatte. «Es gibt Dinge, die gehen nicht», sagt Hütter. Er sei kein Kontrollfreak. «Aber wir Trainer haben eine Vorbildfunktion. Auch den Spielern gegenüber.»

Lernen von den Besseren

Adi Hütter überlässt nichts dem Zufall und bespricht sich regelmässig mit langjährigen Begleitern und Experten aus Bereichen wie Wirtschaft, Finanzen, Motivationslehre, Medien und Sportwissenschaft. «Es gibt immer Leute, die etwas besser wissen», sagt Hütter, «vom Austausch mit ihnen kann ich nur profitieren.»

Hütter ist ein Fussballbesessener, der die schönen Dinge des Lebens pflegt. Einen edlen Wein trinken und ein gediegenes Essen geniessen, in kleiner Runde Anekdoten erzählen, auch mal eine Runde Golf spielen. «Aber in Bern kam ich kaum dazu. Mein Handicap 15 ist das Papier nicht wert, auf dem es geschrieben ist.»

«Es gibt immer Leute, die etwas besser wissen. Vom Austausch mit ihnen kann ich nur profitieren.»Adi Hütter

Jene Menschen, die nicht verstehen, warum Hütter YB verlässt, begreifen das Fussballbusiness nicht. Hütter hat nie verschwiegen, in der Bundesliga arbeiten zu wollen. Meister und Pokal­sieger ist er in Österreich geworden, Meister in der Schweiz, er ist überreif für die deutsche Eliteliga. Zumal er etwa Bremen im Herbst abgesagt und seinen Vertrag in Bern bis 2019 verlängert hatte. Mit einer Ausstiegsklausel versehen fürs Ausland.

Nun bezahlt Eintracht Frankfurt rund eine Million Franken Ablösesumme an YB. Knapp die Hälfte davon überweist der Meister an den FC Luzern für den neuen Coach Gerardo Seoane. Hütters Nachfolger tritt ein grosses Erbe an, aber er kann bereits Ende August ebenfalls Historisches realisieren – mit der Qualifikation für die Champions League. Sonst könnte es für YB in der Europa League gegen Hüt­ters neuen Verein gehen.

Nie Angst, stets Respekt

Hütter und Seoane erhielten Dreijahresverträge, das ist ein bemerkenswerter Vertrauensvorschuss, der selbstredend schnell aufgebraucht sein kann. Auch Hütters Vorgänger Niko Kovac unterschrieb in München bis 2021. Kovac hatte bei der Eintracht selbstbewusst eine Option im Kontrakt verankert, bei einem Angebot der Bayern gehen zu dürfen.

Auf die Frage, ob er einen ähnlichen Passus in seinen Vertrag eingebaut habe, ant­wortete Hütter in Frankfurt ausweichend: «Das ist nicht der Rahmen dafür, über vertrauliche Dinge zu sprechen.» Einmal leistete sich der Perfektionist bei seiner Vorstellung einen unerwarteten Spruch. Hütter findet Menschen, die in der dritten Person von sich sprechen, eigentlich suspekt. An seiner ersten Pressekonferenz in Deutschland sagte er: «Ein Adi Hütter will immer Erfolg haben.» Und er habe nie Angst, aber stets Respekt. Er sei kein Trainer, der ein Freund der Spieler sei. «Aber ich bin auch weit weg davon, ein Gegner von ihnen zu sein.»

Adi Hütter ist auf seinem Weg nach ganz oben also in Rekordzeit in Frankfurt angekommen. Und wenn man bösartig sein möchte, könnte man sagen, er habe es am Ende in Bern nicht mehr geschafft, den Fokus auf den Cup­final zu richten. Zu viele Partys, zu viel Nachdenken über die Zukunft in Topligen bei einigen Spielern. Für Hütter hätte sich bei einem Cupsieg ohnehin wenig geändert. Ein Wunderwuzzi ist er in Bern sowieso. Und in Deutschland interessiert es keinen, ob Hütter in der kleinen Schweiz auch den Pokal gewonnen hat.

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