Sprechchöre: «Töte, töte die Albaner»

Bereits im Vorfeld des Skandalspiels kam es zu Drohungen und Übergriffen. Nun schieben sich Serben und Albaner gegenseitig die Schuld für die Ausschreitungen zu.

Provokationen, Aggressionen, Ausschreitungen: Serbische Fans verfolgen das Skandalspiel.

Provokationen, Aggressionen, Ausschreitungen: Serbische Fans verfolgen das Skandalspiel.

Enver Robelli@enver_robelli

Serbien gegen Albanien – das werde mehr als ein Fussballspiel, hatte es seit Tagen in den beiden Ländern geheissen. Es wurde eine armselige Vorstellung, als am Dienstagabend die Nationalmannschaften zum EM-Qualifikationsspiel aufeinandertrafen. Doch der Reihe nach: Schon nach der Landung der albanischen Fussballspieler auf dem Belgrader Flughafen kam es zu Rangeleien zwischen mitgereisten Journalisten und Grenzbeamten, weil ein Passagier offenbar einen Schal mit den albanischen Nationalfarben trug. Draussen hatten schwer bewaffnete und maskierte Polizisten Stellung bezogen. Albanische Fans waren beim Auswärtsspiel nicht zugelassen – aus Angst vor Ausschreitungen. Dafür hatten sich der serbische Fussballverband und die Uefa eingesetzt. Die Anhänger der albanischen Elf reagierten empört, auf Facebook und Twitter hagelte es wüste Beschimpfungen und Drohungen.

Wie Kriegsberichterstatter

Als das Spiel dann endlich im Partizan-Stadion in Belgrad begann, war die Stimmung so gereizt, dass Kommentatoren wie Kriegsberichterstatter tönten. Serbische Fans waren unter sich und konnten dem Hass auf die Albaner freien Lauf lassen. Petarden wurden gezündet, harte Gegenstände auf das Spielfeld geworfen, eine Nato-Flagge verbrannt. «Töte, töte die Albaner», hallte es fast ununterbrochen durch das Stadion bis zur 42. Minute der ersten Halbzeit, als in Belgrads Nachthimmel ein unbemanntes Flugobjekt erschien. Es trug eine Flagge, die von den Serben als grosse Provokation empfunden wurde: Auf dem schwarz-roten Grund der Fahne war die Karte eines grossalbanischen Staates zu sehen mit dem Doppeladler und mit Bildern von zwei Politikern, die vor hundert Jahren eine entscheidende Rolle bei der Gründung eines albanischen Staates gespielt hatten. Dazu die Botschaft: autochthonous. Mit dem Wort wollte man offensichtlich die Serben daran erinnern, dass sie Ankömmlinge auf dem Balkan seien, die Albaner dagegen autochthon, einheimisch, Nachfahren der alten Illyer, die vor allem als Piraten in der Adria bekannt waren.

Gefälschte Facebook-Einträge

Als der serbische Abwehrspieler Stefan Mitrovic (SC Freiburg) versuchte, nach der Fahne zu greifen, die immer noch in luftiger Höhe schwebte, eilten mehrere albanische Spieler herbei. Sie gingen auf Mitrovic los, es kam zu wüsten Szenen, Drohungen, Beschimpfungen. Das Chaos war nicht mehr zu überblicken, als auch serbische Hooligans albanische Fussballer attackierten. Der englische Schiedsrichter Martin Atkinson entschied sich, das Spiel zu unterbrechen. Eine Stunde später wurde die Partie abgebrochen.

In den albanischen Medien wird vor allem der FCB-Spieler Taulant Xhaka als Held bejubelt, weil er an vorderster Front geprügelt und dem serbischen Gegenspieler die «heilige albanische Flagge» entrissen habe. Internetportale in Kosovo verbreiteten auch mehrere nationalistische Facebook-Einträge, die angeblich von Xhaka stammen, dem älteren Bruder des Natispielers Granit Xhaka. Nach Angaben des FC Basel handelt es sich aber um Sprüche von Unbekannten, die über gefälschte Facebook-Profile veröffentlicht werden. Für die albanische Elf spielen neben Taulant Xhaka auch Ermir Lenjani (St. Gallen), Burim Kukeli (FCZ) und Amir Abrashi (GC).

Mit der Drohne nichts zu tun

Der Abbruch per Joystick des Fussballspiels zwischen Serbien und Albanien führte sofort auch zu politischen Spannungen. Laut Belgrader Medien, die sich auf Polizeikreise berufen, soll der Bruder des albanischen Ministerpräsidenten Edi Rama die Drohne mit der Flagge gelotst haben. Beweise dafür fehlen bisher. «Ich habe nichts zu tun mit der Drohne. Ich verstehe nicht, woher diese Geschichte kommt», sagte der Mann. Nach einer kurzen Befragung durch die Polizei konnte er in der Nacht auf Mittwoch nach Tirana zurückfliegen. In der albanischen Hauptstadt wurde bis in die frühen Morgenstunden gefeiert. Tausende Fans empfingen die Spieler am Mutter-Teresa-Flughafen. Auch im benachbarten und mehrheitlich von Albanern bewohnten und seit 2008 von Serbien unabhängigen Kosovo strömten vor allem Jugendliche auf die Strassen.

Der Zwischenfall im Partizan-Stadion ereignete sich eine Woche vor dem geplanten Besuch des albanischen Premiers Edi Rama in der serbischen Hauptstadt. Die letzte Visite eines hochrangigen albanischen Politikers in Belgrad liegt fast 70 Jahre zurück: 1946 besuchte der kommunistische Diktator Enver Hoxha den damaligen jugoslawischen Führer Josip Broz Tito. Rama warf der serbischen Seite vor, sie habe am Dienstag eine hasserfüllte und miserable Vorstellung abgeliefert. Serbiens Aussenminister Ivica Dacic schoss sofort zurück und sprach von einer «wohlüberlegten Provokation» der Albaner.

Die Uefa will nun die genauen Umstände überprüfen und erst danach über das weitere Vorgehen entscheiden. Serbiens Kapitän Branislav Ivanovic sagte, seine Mannschaft habe weiterspielen wollen. «Aber die albanischen Spieler sahen sich körperlich und psychisch nicht in der Lage dazu. Es ist bedauernswert, dass der Fussball heute nicht im Vordergrund stand.» Serbische Medien berichteten, dass am Dienstagabend ein bekannter Hooligan aufs Feld gerannt sei. Sein Name: Ivan Bogdanov. Man nennt ihn auch Ivan den Schrecklichen. Er war 2010 an den Randalen beteiligt, die in Genua zum Abbruch des EM-Qualifikationspiels Italien-Serbien geführt hatten. Danach musste der Ultra-Anführer ins Gefängnis. Ein anderer Hooligan brüllte am Dienstag aus vollem Hals in die Kamera: «Vucic, du schwuler.» Serbiens Ministerpräsident Aleksandar Vucic hatte kürzlich und erstmals seit Jahren eine Homosexuellenparade in Belgrad bewilligt. Frühere Umzüge waren blutig verlaufen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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