«Spektakel ist im Fussball das Wichtigste»

Der prominenteste Transfer der Super League ist ein Trainer im Rentenalter. Der 68-jährige Zdenek Zeman will mit Aufsteiger Lugano seiner Linie treu bleiben und strikten Offensivfussball spielen lassen.

Turnübungen im Cornaredo: Zeman, der auf harte Trainings setzt, gibt den Takt vor.<br>Foto: Gabriele Putzu (Keystone)

Turnübungen im Cornaredo: Zeman, der auf harte Trainings setzt, gibt den Takt vor.
Foto: Gabriele Putzu (Keystone)

Man wähnt sich an einem Turn- oder Leichtathletiktraining. Ein Ball am Fuss ist nicht zu sehen, stattdessen gehen die Spieler des FC Lugano ein ums andere Mal an ihre physische Leistungsgrenze. 250 Meter im Höchsttempo, dann 200, dann 150, alles akribisch notiert vom Staff und mit nur kurzen Pausen.

Zdenek Zeman steht ruhig auf der ­Tartanbahn, beobachtet und wechselt zwischendurch ein paar Worte mit ­seinen ­Assistenten. Ob er mit der Intensität ­zufrieden ist, lässt sich aus seinem ­zerfurchten Gesicht nicht herauslesen. Für ihn sind diese Trainingseinheiten die ­Basis, damit er in der in knapp drei ­Wochen beginnenden Saison auch ­mit Lugano jenen Spektakel­fussball spielen kann, für den er bekannt ist. Kurz nach Mittag erscheint der «Mister» auf der Tribüne. Der Ort ist nicht ­zufällig gewählt, unter freiem Himmel kann Zeman seiner zweiten Passion frönen, dem Rauchen. Er wirkt entspannt, dann und wann huscht sogar ein ­Lächeln übers Gesicht.

Sie haben eine lange Karriere hinter sich und auch mit grossen Clubs wie Lazio und AS Roma gearbeitet. Was hat Sie bewogen, im Alter von 68 Jahren nach Lugano zu kommen?
Ich hoffe, ich kann hier nach meinen Prinzipien arbeiten und die Mannschaft dazu bringen, meinen Ideen zu folgen. Bei meinen letzten beiden Engagements (zweimal innert weniger Monate bei Cagliari, die Red.) war dies leider nicht möglich, wegen der Verantwortlichen, aber auch wegen der Einstellung der Spieler. Vor allem in der Trainings­methodik wollte man mir reinreden. Das sind Dinge, die einfach der Trainer entscheiden muss.

Häufig lief es in Ihrer Laufbahn nach folgendem Schema ab: Sie übernahmen ein Team voller unbekannter Spieler, brachten ihnen Ihr System bei, und sie erzielten viele Treffer. Wird das auch in Lugano so sein?
Das hängt von der Mentalität der Spieler ab. Ich selber habe eine offensive Mentalität und will einen spektakulären Fussball spielen lassen, der Emotionen bringt und Zufriedenheit. Ohne das ­Publikum sind wir nichts, die Leute ­sollen ins Stadion kommen und Spass haben. Und am meisten Spass haben sie, wenn Tore fallen, auf der einen Seite oder auf der anderen. Natürlich habe ich mehr Freude, wenn wir sie erzielen.

«Ballbesitz bringt häufig nichts. Viele wollen einfach den Ball halten ohne konkretes Ziel.»

Sie haben einmal gesagt, Ihnen fehle die Geduld, um den Ballbesitz zu forcieren.
In meinen Augen bringt der Ballbesitz häufig nichts. Wenn man damit ein Ziel verfolgt, beispielsweise den Gegner auf eine Seite locken und dann auf die ­andere Seite ziehen will, dann verstehe ich es. Aber viele wollen einfach den Ball halten ohne konkretes Ziel.

Damit Ihre Teams den Fussball umsetzen können, der Ihnen ­vorschwebt, müssen alle topfit sein. Bei Ihnen bedeutet dies eine enorm harte physische Vorbereitung mit unzähligen Läufen und Treppen­steigen mit Gewichten, ganz nach der alten Schule.
Ich gehe davon aus, dass Fussball ein ­Bewegungssport ist; wenn man sich besser bewegt, ist man früher am Ball. Für mich ist es logisch, dass jemand auf diesem Niveau den Ball stoppen und einen Pass spielen können muss. Wenn aber jemand athletisch nicht auf der Höhe ist, wird es schwierig, auch für Topspieler. Ein guter Spieler hat den Ball während eines Spiels vielleicht zwei Minuten am Fuss. Natürlich ist es wichtig, dass er dann die richtigen Dinge macht, die übrigen 88 Minuten sind aber ebenso wichtig.

Im Vergleich zu Italien beginnt die Meisterschaft hier sechs Wochen früher. Können Sie überhaupt Ihre gewohnte Vorbereitung durchziehen?
Nein, aber weil die Pause zwischen Saisonende und Trainingsbeginn viel kürzer ist, haben die Jungs auch nicht so viel verloren. In Italien ist das anders, wenn jemand sechs Wochen nichts ­gemacht hat, dauert es länger, bis wieder ein gewisser Formstand erreicht ist. Aber die Hauptvorbereitung werden wir in der Winterpause machen müssen.

Ihre Teams haben oft für Torrekorde gesorgt. Welche Mannschaft kam Ihrer Idealvorstellung von Fussball am nächsten, die Roma, Lazio oder Foggia, das zu Ihrer Zeit «Foggia dei miracoli» genannt wurde?
Von der Mentalität her war dies Foggia. Es fehlten zwar Einzelspieler von der Qualität, wie ich sie bei der Roma oder Lazio hatte, aber nirgendwo hat ein Team so gut zusammen funktioniert und damit den Zuschauern so viel Spass ­bereitet. Bei den anderen Teams waren es dann eher Einzelspieler, welche Probleme gelöst haben, als das Kollektiv.

Ihre Maxime ist, dass der Zuschauer Spass hat. Haben Sie sich selber nie bei Spielen Ihrer Teams gelangweilt?
Nein, gelangweilt nie. In erster Linie, weil ich ja stets versucht habe, nach meinen Vorstellungen Fussball spielen zu lassen. Wenn mir das nicht gelungen ist, wie ­zuletzt, als ich gemerkt habe, dass die Spieler gar keinen Trainer wollten, bin ich zurückgetreten. Sie wollten Catenaccio spielen und haben meine Ideen von ­Offensivfussball nicht akzeptiert.

Wie haben Sie das Kunststück ­geschafft, nicht nur beide Römer Clubs zu trainieren sondern auch von beiden Fanlagern noch heute verehrt zu werden?
Wenn wir die Ultras einmal weglassen, die ins Stadion gehen, um für Aufruhr zu sorgen, gibt es auch in Rom viele Leute, die einfach schönen Fussball sehen ­wollen. Als ich Lazio trainierte, kamen viele Fans oder Sympathisanten der Roma, weil sie Spektakel sehen wollten, und später bei der Roma war es umgekehrt. Und das ist im Fussball das Wichtigste: Spektakel – das muss man den ­Zuschauern geben, sonst bleiben sie ­irgendwann zu Hause.

Sie haben Francesco Totti heraus­gebracht und mit 22 Jahren zum Captain der AS Roma gemacht. Wannhaben Sie gemerkt, dass er ein «fuori­classe», ein Ausnahmekönner, ist?
Schon während meiner Zeit bei Lazio. Er zeigte damals schon Aktionen, die ein gewöhnlicher Spieler einfach nicht kann, sein Spielverständnis, seine Fähigkeit, vorauszuschauen, unterschieden ihn von den anderen. Zum Captain habe nicht ich ihn gemacht, sondern das Team, aber ich war glücklich darüber. Eigentlich war Aldair vorgesehen, aber er war zu schüchtern und hat abgelehnt. Dass das Team dann einem 22-Jährigen das Vertrauen aussprach, war schon speziell, aber seine Kollegen wussten, dass sie ihm den Ball jederzeit zuspielen können und er etwas Gescheites damit anfängt. Und er ist jederzeit am Boden geblieben, ein unglaublich sauberer und einfacher Junge. Unser Verhältnis hat sich nie verändert, er ist wie ein Sohn für mich.

Zwischen Ihnen und dem «König von Rom» gibt es eine Parallele. Sie haben beide wegen Ihrer grossen Liebe, der AS Roma respektive des Spektakelfussballs, auf deutlich ­grössere Erfolge verzichtet.
Totti hatte viele Angebote, von Real ­Madrid und anderen Grossclubs, ist aber aus Verbundenheit zur Heimat und zum Verein und zu den Leuten in Rom geblieben. Sonst hätte er viel mehr gewonnen. Die Roma gewinnt im Schnitt halt nur alle 20 Jahre eine Meisterschaft. Und bei mir ist es einfach so, dass für mich der Applaus so viel wert ist wie Titel. Ich bin dann zufrieden, wenn die Zuschauer nach dem Spiel applaudieren und glücklich nach Hause gehen. So gesehen habe auch ich viel gewonnen.

«Ohne das Publikum sind wir nichts, es soll Spass haben. Und am meisten Spass hat es bei Toren.»

Totti wurde zum Symbol einer Stadt, Sie standen ab 1998 und nach ihren dezidierten Aussagen wegen Dopingpraktiken bei Juventus im Auge des Zyklons. Hätten Sie damals gedacht, dass diese Aussagen solche ­Konsequenzen haben würden?
Eigentlich wollte ich damals nur etwas anregen, um die Gesundheit der Spieler besser zu wahren. Es ist ja nicht wie im Radsport, wo die Athleten oft selber zu Pharmazeutika gegriffen haben, um ihre Leistung zu verbessern. Hier kam oft der Doktor und sagte, nimm das, die Spieler wussten gar nicht genau, was sie einnahmen. Der italienische Fussball hat aber nicht begriffen, was ich ­sagen wollte.

Sie haben einmal gesagt: «Ich will gewinnen, aber die Regeln ­respektieren.» Konnte man das ­damals überhaupt?
Es sind schwierige Zeiten für den Fussball generell. Solange der Fussball einfach ein Sport war, ging alles lockerer zu. Seit der Sport aber ein Business ist, spielen so viele Interessen hinein, ein Punkt mehr oder weniger kann einen grossen Unterschied ausmachen. Da macht man halt auch Sachen, die man nicht machen sollte.

Die Bühne in der Schweiz ist viel kleiner. Gibt es etwas aus dem ­italienischen Fussball, das Sie hier vermissen werden?
Ich hoffe es nicht, ich bin wirklich froh aus Italien raus zu sein, wegen allem, was dort im Fussball passiert. Natürlich sind die Stadien hier kleiner, aber ich hoffe, es kommen auch viele Leute und haben Spass. Ich hoffe auch, dass ich wirklich nach meinen Überzeugungen arbeiten kann. Mein Telefon funktioniert hier übrigens nicht, und so habe ich nur Kontakt zu meiner Familie und muss mich nicht mit all den italienischen Journalisten herumschlagen, die täglich eine Polemik entfachen wollen. Ich gehe davon aus, dass ich hier meinen Frieden habe und mich dem Fussball widmen kann. Und das suche ich ja.

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