So wurde in der Schweiz gedopt

Anabolika-Depots, Wachmacher und nach dem Match ein Valium: Auch in der Nationalliga A war Doping in den 1970er- und 1980er-Jahren verbreitet.

Dortmunder Fans vor einer Partie gegen Hoffenheim: Beim Gegner hatten die beiden Spieler Ibertsberger und Janker eine Dopingkontrolle verpasst.

Dortmunder Fans vor einer Partie gegen Hoffenheim: Beim Gegner hatten die beiden Spieler Ibertsberger und Janker eine Dopingkontrolle verpasst. Bild: Keystone

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Aus Deutschland wissen wir es. In den 1970er- und 1980er-Jahren haben Clubs und Spieler teilweise systematisch mit Anabolika gedopt. Die «Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin» berichtet davon, dass der VfB Stuttgart sowie Freiburg ihre Spieler vom Dopingarzt Armin Klümper behandeln liessen. Indizien lassen vermuten, dass auch Spieler anderer Clubs – von den Bayern beispielsweise – Stammgäste bei Klümper waren. Die «Welt» weiss, welches Bonmot damals im deutschen Fussball die Runde machte: «Läufst du wie ein Stümper, musst du mal zu Klümper.»

Auch der Schweizer Fussball hatte in den 1970er- und 1980er-Jahren ein Dopingproblem. Zwar gibt es nach Recherchen des TA keine Hinweise auf von den Clubs organisiertes Doping. Die Einnahme von verbotenen Stimulanzien aber war in dominierenden Vereinen verbreitet.

Rolf Bollmann spielte 1975 für Winterthur und erzählt, was sich vor dem Cupfinal gegen Basel abspielte. Eine halbe Stunde vor dem Anpfiff schüttete ihm Kurt Grünig Schlankheitstropfen in den Kaffee, Fritz Künzli gab ihm Captagon, «offenbar war das damals in der Bundesliga das verbreitetste Dopingmittel», wie Bollmann sagt. 3000 Franken Prämie pro Kopf hätte es für einen Sieg gegeben – eine Summe wie noch nie in der Geschichte des FCW, «und die wollten wir, mit allen Mitteln» (Bollmann).

Gelbsucht nach dem Cupfinal

Was Grünig und Künzli Bollmann gegeben hatten, sollte ihn aggressiver machen, schneller, besser, stärker. Dass er etwas Unerlaubtes machen könnte, daran dachte Bollmann nicht. Doping war dem Landburschen aus dem Zürcher Oberland ein fremdes Thema. Gewarnt wurde so wenig wie kontrolliert. Bollmann sagte sich: «Also, was solls.» Nur: Als er auf den Rasen lief, schwankte er so bedrohlich, dass sein Mitspieler Hubert Münch fragte: «Was ist los mit dir? Du läufst gar nicht schön.» Bollmann antwortete, vermutlich sei er nervös.

Während der Nationalhymne musste Münch seinen Kollegen stützen. Bollmann war schwindlig, und kaum hatte das Spiel begonnen, verlor er die Orientierung vorübergehend komplett. Statt auf Ottmar Hitzfeld, den Stürmer des Gegners aufzupassen, rannte er dem eigenen Kollegen nach. Als Hitzfeld beinahe ein Tor gelungen war, reichte es Münch. Erbost fragte er: «Spinnst du? Wieso läufst du mir nach?» Der weisse Schaum auf der Oberlippe machte klar, dass mit Bollmann etwas nicht stimmte.

«Dieser Mix an eingenommenen Mitteln war übel», sagt Bollmann 40 Jahre später, und was in der Erzählung amüsant klingt, war damals kein Vergnügen. Sein Glück war, dass die Partie an einem kalten Ostermontag stattfand. Das half, die Substanzen bis zur Pause so zu verdauen, dass er wieder einen relativ klaren Kopf bekam. Winterthur verlor trotzdem 1:2 nach Verlängerung. Und Bollmann erkrankte nach dem Cupfinal an Gelbsucht.

Die prominentesten Dopingfälle:

Mit Doping kam Bollmann nicht nur in Winterthur in Kontakt, sondern auch beim FC St. Gallen. Wer wollte, bekam von Herbert Stöckel Captagon, der deutsche Libero hatte den Wachmacher importiert. «Ich glaube, dass in jedem Team zwei, drei Spieler regelmässig zu solchen Mitteln griffen – also taten, was heute unter Dopen läuft», sagt Bollmann.

Über die Dopingbekämpfung zur ­damaligen Zeit ist wenig bekannt. Der Schweizerische Landesverband für Leibesübungen erliess 1963 Weisungen zur Dopingbekämpfung. 1973 wurde die Liste verbotener Substanzen derjenigen des IOK angepasst, seit 1974 beispielsweise sind Anabolika verboten.

Dopen bis zum Kollaps

Zuständig für die Dopingkontrollen ­waren bis 1980 die jeweiligen Sportverbände: Sie kontrollierten selbst und erachteten Doping nicht als Problem. Das zeigt eine Stellungnahme ehemaliger Angestellter des Fussballverbands: «Keine Vorfälle registriert, keine Hinweise auf regelmässiges oder gar systematisches Doping eingegangen, kurzum: Doping kein Thema im Schweizer Fussball.» Erst ab 1980 führte die medizinische Kommission des Landesverbandes für Sport vermehrt selbst Kontrollen durch, im Fussball allerdings in sehr geringer Zahl und oft nach Anmeldung.

Ein Schweizer Nationalspieler berichtet davon, dass das Aufputschmittel Coramin in den 1980er-Jahren eingenommen wurde «wie Traubenzucker». Er wunderte sich allerdings noch viel mehr darüber, was bei Europacup-Spielen im Osten «abging», wenn die Partie einmal begonnen hatte und der Gegner körperlich in allen Belangen hoch überlegen war. In Bern munkelten Spieler, «dass in Zürich etwas genommen wird, aber das waren Spekulationen».

Keine falschen Spekulationen. Allerdings wurde nicht nur bei den Zürcher Clubs nachgeholfen, sondern auch in ­Basel oder Genf. Ein Spieler, der in den 80er-Jahren bei mehreren Vereinen unter Vertrag stand, erzählt, wie ihnen alle paar Monate das «Anabolika-Depot» aufgefüllt worden sei mit einer Spritze in den Oberschenkel. Es hätten nicht alle Spieler mitgemacht, sondern nur, «wer wollte». Und es hätten sich auch nicht alle dafür interessiert, was ihnen verabreicht wurde. Zu Anabolika hinzu kamen vor wichtigen Spielen die Aufputschmittel Amphetamin und Biphetamin, Coramin und Ephedrin (stimuliert den Kreislauf, erweitert die Bronchien). Nach der Partie gab es Valium. Und wer noch mehr brauchte, fuhr auch zu Klümper.

Heinz Bühlmann war ab 1982 zuerst Teamarzt bei GC, später beim FCZ. Es war für ihn offensichtlich, dass einzelne Spieler dopten, er vermutet, dass es nicht nur in Zürich pro Team mehrere gewesen seien. «Eigenverpflegung» hätten das die Spieler genannt. Die Fussballer sind auch Bühlmann angegangen, um ans Doping zu kommen; gegeben habe er nie etwas. Er habe auch erlebt, dass Trainer ihn aufforderten, die Mannschaft zu dopen. Weil sich die Spieler die Mittel auf dem Schwarzmarkt kaufen mussten, sei das Doping meist schlecht und zu hoch dosiert gewesen, das habe auch Schwindelanfälle verursacht. Namen nennt Bühlmann ­wegen des Arztgeheimnisses keine. Aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht und clubinterner Richtlinien hat er sich nie an höhere Instanzen gewendet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.04.2015, 20:39 Uhr

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