So erklärt der Sportpsychologe die Leistungsschwankungen von YB

YB hat in der Vorrunde zwei Gesichter gezeigt. Professor Roland Seiler, Sportwissenschaftler an der Uni Bern, erklärt die Gründe für die Leistungsschwankungen.

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YB spricht nach der Vorrunde von fehlender Konstanz. Welches sind die Voraussetzungen für Konstanz?Roland Seiler: Bei Mannschaftssportarten sind immer zwei Ebenen zu betrachten: Die der einzelnen Spieler und die des gesamten Teams. Zu Leistungskonstanz auf der individuellen Ebene gehört neben guter physischer Verfassung und ausreichender Erholung eine hohe Fähigkeit, sich zu konzentrieren und mit der eigenen Anspannung umzugehen, sowie das Vertrauen, dass man ein Ziel auch bei Schwierigkeiten erreichen kann. Auf der Teamebene ist es wichtig, dass ein gemeinsames Verständnis darüber vorliegt, wie die Aufgabe bewältigt werden soll, etwas, was oft als mentales Teammodell bezeichnet wird.

Welche Auswirkungen kann dieses mentale Modell auf die Konstanz haben? Alle Spieler sollten zum Beispiel die Bedeutung eines Spiels gleich einschätzen und die vom Trainer vorgegebene Taktik verstehen. Das heisst nicht nur zu wissen, was jeder einzelne zu tun hat, sondern sich auch in die Überlegungen und Entscheidungen der anderen hineindenken können. Wenn das klappt, führt das zu dem blinden Verstehen, das man zum Beispiel bei Barcelonas Messi, Fabregas, Iniesta und Xavi sieht.

YB zeigte in der Europa League und in der Super League zwei Gesichter. Auf starke Vorstellungen gegen Udinese, Liverpool und Anschi folgten in der Meisterschaft Niederlagen gegen Lausanne und zuletzt das Cup-Aus gegen Wil. Lassen diese Schwankungen auf ein mentales Problem schliessen? Hier muss man auch an die zeitliche Abfolge denken: mit dem Ausscheiden in der Europa League kann möglicherweise eine gewisse Ernüchterung einhergegangen sein, weil die Mannschaft die Früchte der guten Leistungen nicht ernten konnte. Andererseits könnte die gute Leistung zu einer Überschätzung der eigenen Voraussetzungen geführt haben. Die vermeintlich einfacheren Gegner werden dann nicht richtig ernst genommen.

Es gibt Spieler, die zugaben, im Europacup motivierter zu sein. Motivation ergibt sich aus einer Wechselbeziehung zwischen den Anreizen, die die Aufgabe darstellt und der eingeschätzten Wahrscheinlichkeit, dass das Ziel auch erreicht werden kann. Man kann es keinem Spieler verübeln, dass er denkt: ein Spiel vor grosser Kulisse gegen Liverpool ist attraktiver als eines gegen Wil vor nicht einmal 2000 Zuschauern. Gleichzeitig wird die Aufgabe in der Europa League als schwieriger eingestuft, was einerseits den Druck von aussen und die eigenen Erwartungen reduziert, andererseits aber auch Energien freisetzt, die dann den Unterschied ausmachen.

Braucht es im Scheinwerferlicht der europäischen Fussballbühne, vor grossem Publikum und vielen Scouts also, gar keinen Trainer, um die Spieler zu motivieren – im Gegensatz zum Spiel in Wil vor einer leeren Tribüne? Wenn die Spieler wissen, dass sie von Scouts beobachtet werden, verändert sich ihre persönliche Zielstellung: Sie wollen durch Engagement und spektakuläre Aktionen auffallen, stellen aber nicht mehr den Erfolg des Teams in den Mittelpunkt. Wenn jedoch jeder sein eigenes Süppchen kocht, ist das Teammodell gefährdet. Das Risiko besteht, dass Kommunikationsregeln und taktische Absprachen missachtet werden und kein aufeinander abgestimmtes Spiel zustande kommt.

YB startet oft schlecht in eine Partie – in Wil lagen die Berner nach 27 Minuten 0:3 hinten. Hat Trainer Martin Rueda die Spieler bei seiner Ansprache erreicht? Vielleicht vertraut das Team etwas zu sehr auf die legendäre YB-Viertelstunde – dass sich die Legende bilden konnte zeigt, dass das nicht ein neues Phänomen der Gelbschwarzen ist! – und hat ja in der Tat den Rückstand in extremis aufgeholt. Bedenklich sind die Abwehrfehler in der ersten halben Stunde, die ein Hinweis darauf sind, dass die Vorstellungen nicht aufeinander abgestimmt waren.

Muss ein Trainer womöglich mehr unternehmen als verbal auf das Problem hinweisen? Eishockey-Nationaltrainer Ralph Krueger motivierte seine Spieler mit SMS-Botschaften. Kleine Symbole können einen Überraschungseffekt auslösen und die Aufmerksamkeit auf ein bevorstehendes Spiel zurückholen und damit vielleicht leistungsfördernd wirken. Jeder Trainer muss aber Strategien verwenden, die zu ihm passen.

Im Mannschaftssport ertönt stets der Ruf nach Leaderfiguren. Wie wichtig sind Führungsspieler? Ein Spielmacher kann eine Leaderfigur darstellen, ein Spieler, der durch seinen grossen Einsatz als Vorbild wirkt, aber auch jemand, der etwas erfahrener ist und beispielsweise erkennt, wenn ein jüngerer Spieler nach einem Fehler ein aufmunterndes Wort braucht. Ein Team braucht von allen dreien.

Raul Bobadilla könnte ein solcher Leader sein. Welche Rolle im Gefüge einer Mannschaft hat ein Spieler, bei dem Genie und Wahnsinn so nah beisammen sind? Zentral ist es, dass die Rollen und damit auch die soziale Struktur im Team für alle klar sind. Das heisst, dass jeder die Rollen der anderen kennt und sie auch akzeptiert und zudem weiss, welche Rolle er selber zu übernehmen hat. Wenn die anderen Spieler einen genialen Spieler als Leader akzeptieren können, kann das funktionieren.

Genügt es, bei der Zusammenstellung eines Teams nur auf die fussballerischen Qualitäten eines Spielers zu achten – oder sollte auch in Betracht gezogen werden, welche Charaktereigenschaften jemand in die Kabine bringt? Coleman Griffith, der als erster amerikanischer Sportpsychologe gilt, soll in den dreissiger Jahren berühmte Coachs gefragt haben: «Stellst du die Spieler auf, die heiss auf den Match sind, oder versuchst du die besten Spieler zu motivieren?» Zwischen diesen beiden Polen steckt jeder Trainer: oft muss er wählen zwischen spielerisch-technischer Brillanz und hoher Leistungsbereitschaft. Im seltenen Idealfall findet sich beides in denselben Personen.

Berner Zeitung

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