Sie fand ihren Platz und geriet zwischen die Fronten

Zuerst das Rekordspiel und jetzt der drohende Streik: Die Schweizer Nationalspielerin Viola Calligaris erlebt in Spanien einen regelrechten Boom.

Hat ihre feste Position gefunden: Viola Calligaris. Foto: Andrea Zahler.

Hat ihre feste Position gefunden: Viola Calligaris. Foto: Andrea Zahler.

Streiken oder nicht? Sich wehren oder zufrieden sein? So klar ist es nicht, auch nicht so einfach. Das sagt Viola Calligaris selbst, Spielerin von Valencia und Verteidigerin im Schweizer Nationalteam. Die Spielerinnengewerkschaft in Spanien fordert, dass den Fussballerinnen der höchsten Liga ein Mindestlohn von 15'000 Euro pro Saison zusteht. Zufällig ist der Zeitpunkt dieser Forderung nicht: Der Frauenfussball erlebt in Spanien gerade einen Höhenflug.

Da war zum Beispiel dieser 17. März 2019. «Wahnsinnig» sei es gewesen, sagt die 23-Jährige, als sie mit ihren Teamkolleginnen ins imposante Wanda Metropolitano einmarschiert sei, die Heimstätte von Atlético Madrid. Der Männer – normalerweise. Doch für einmal, für den Spitzenkampf gegen Barcelona, durften auch die Frauen dort spielen. Sie haben lange darauf gewartet – und nicht nur sie: 60'739 Zuschauer kamen, nie zog ein Frauenclubspiel mehr Besucher an.

Sie spielte vor 48'000 Zuschauern

Auch Calligaris’ Eltern sassen im Stadion, sie selber 90 Minuten auf der Bank. Dennoch strahlt die Nationalspielerin über das ganze Gesicht, wenn sie vom 2:0-Sieg erzählt. Oder vom Match Ende Januar, als sie vor 48'000 Zuschauern im fast gefüllten San Mamés von Bilbao spielen durfte.

«Dass wir das als Frauen dürfen, ist schon krass», sagt sie und drückt damit zwei Dinge aus: Dankbarkeit – und dass ihr der Stellenwert bewusst ist, welchen der Frauenfussball weiterhin hat. Nervös war sie nur anfangs, als sie in der 65. Minute eingewechselt wurde, danach habe sie sich von der Stimmung mitreissen lassen: «Es ist schön, zu sehen, wie auch Rivalen zusammen ­feiern können.»

In der Sache vereint

So ist es momentan im Frauenfussball in Spanien: in den Farben getrennt, in der Sache vereint. Notfalls bis zum Äussersten. Am Wochenende soll der Streik beginnen, aber so klar ist das noch nicht. Ob die Meisterschaft tatsächlich ausgesetzt wird, entscheidet sich in den nächsten Tagen. Rund zwanzig Sitzungen zwischen den Vereinen und der Gewerkschaft endeten bislang ohne Einigung.

Foto: Andrea Zahler

«Wir bekommen immer wieder E-Mails, aber es ist kompliziert, allen Punkten zu folgen», gesteht Calligaris. Natürlich sei es im Team ein Thema, «aber eine klare Meinung zu haben, ist schwierig. Wir bekommen vom Verein Infos und wieder andere von der Gewerkschaft.» Die Fussballerinnen stehen zwischen den Fronten. «Sie diskutieren über uns, doch wir können diesen Gesprächen gar nicht gross folgen», sagt die Obwaldnerin mit italienischen Wurzeln.

Eine grosse Ehre

Belastend sei die Situation dennoch nicht, sagt Calligaris. Ohnehin ist sie glücklich in Spanien, auch nach ihrem Umzug im Sommer. Nach zwei Meistertiteln in zwei Jahren wechselte sie von Madrid zu Valencia. Ein «interessantes Projekt» lockte die frühere YB-Spielerin in den Südosten Spaniens. Dass sie nun noch in Meeresnähe wohnt, ist ein netter Bonus. Vor allem hat sie jetzt aber eine neue Rolle im Team: Bei Atlético war Calligaris meist Ergänzungsspielerin, jetzt gehört sie zum Stamm – von einer Fachjury wurde sie gar zur besten Spielerin der 5. Runde gekürt.

Die Zeit in Madrid behält sie trotz der überschaubaren Spielminuten in guter Erinnerung. Dort lernte sie Spanisch, begann ein Fernstudium in Wirtschaft – vor allem aber fand sie endlich ihren Platz auf dem Fussballfeld. Zu YB-Zeiten fühlte sie sich noch im zentralen Mittelfeld am wohlsten, im Nationalteam spielte sie ausser auf der Goalieposition fast überall. Doch bei Atlético hatten sie andere Pläne.

Die Fähigkeiten ein Trumpf

Sie wurde in den letzten zwei Jahren zur Verteidigerin umfunktioniert. «Jetzt habe ich eine feste Position, auf der ich mich verbessern kann», sagt sie zur neuen Aufgabe. Zuvor war Calligaris zwar wegen ihrer Polyvalenz für ihre Trainer eine dankbare Spielerin, sie hatte aber ihre Mühe damit: «Man spielt zwar auf vielen Positionen, kann sich aber auf keine richtig fixieren.»

Ihr Wechsel hilft auch dem Nationalteam. Eine «spannende Option» ist Calligaris für Assistenztrainerin Marisa Wunderlin in der Innenverteidigung. Besonders gegen tief stehende Gegnerinnen wie die Rumäninnen heute sei der gepflegte Spielaufbau der gelernten Mittelfeldspielerin ein Trumpf.

Zentral soll ihre Rolle in der SFV-Auswahl auch künftig sein, wenn es nach Wunderlin geht. Calligaris setze sich immer intensiver mit dem Spiel und dem Drumherum auseinander. Bei Valencia machte sie das nach wenigen Monaten zur Führungsspielerin. Zwar habe sie im Nationalteam noch nicht die gleiche Aufgabe, aber, wie Wunderlin sagt: «Sie bereitet sich darauf vor.»

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