Schweiz besteht den Stresstest

Die Schweizer Nationalspieler überzeugen gegen Albanien nicht. Vorkämpfer Valon Behrami ist der Chef im Mittelfeld, die Offensivspieler enttäuschen. Und Goalie Yann Sommer hält den knappen 1:0-Sieg im EM-Startspiel fest.

  • loading indicator
Fabian Ruch

Dank des 1:0-Sieges gegen Albanien in Lens ist die Schweizer Ausgangslage an der EM ausgezeichnet. Wegen grosser Abschlussschwäche aber musste die Schweiz gegen den Aussenseiter bis zum Schluss um den Erfolg zittern.

Es ist nur eine kleine Geste, gewiss ist sie auch publikumswirksam, aber sie sagt vieles aus über den ersten Schweizer Auftritt an der Euro 2016. Xherdan Shaqiri läuft also am frühen Samstagabend in der Mixed-Zone, wo sich nach dem Spiel Fussballer und Journalisten treffen, an Yann Sommer vorbei und ruft: «Danke, gut gemacht!»

Sommer schmunzelt, später erzählt er, es sei sein Job, für die Mannschaft da zu sein, wenn es ihn brauche. Der Torhüter war der Matchwinner beim mühsam erarbeiteten 1:0-Sieg der Schweizer gegen Albanien. Vor allem wegen seiner starken Parade in der 88. Minute gegen den eingewechselten Shkelzen Gashi, Super-League-Torschützenkönig 2014 und 2015 mit GC und Basel und heute bei den Colorado Rapids in den USA engagiert. Es sei einfach gewesen, in diesem lauten Stadion nicht die Konzentration zu verlieren, sagt Sommer, der in der zweiten Halbzeit bis zu Gashis Chance kaum einmal hatte eingreifen müssen.

Auch Shaqiri erwähnt die Rahmenbedingungen der Begegnung, es sei «Stress» gewesen für einige Spieler, dieses emotional aufgeladene Duell zwischen Schweizern und Albanern, die teilweise gemeinsame Wurzeln besitzen. Die vielen Pfiffe der albanischen Fans, die deutlich in der Überzahl waren, gegen ihn, Granit Xhaka und Valon Behrami hätten ihn nicht überrascht, sagt Shaqiri. «Das war ja zu erwarten.»

Schweizer Traumstart

Und so freuten sich die Schweizer über ihren Auftaktsieg. «Wichtig ist, dass wir gewonnen haben, egal wie», sagt Admir Mehmedi. Captain Stephan Lichtsteiner betont, wie entscheidend es sei, mit drei Punkten in die Euro gestartet zu sein. «Es war nicht alles perfekt, aber wir haben bewiesen, dem Druck standhalten zu können.»

Shaqiri sagt, man habe die Partie über weite Strecken im Griff gehabt, während Sommer den Fokus in seiner Analyse auf den Umstand legt, dass die Ausgangslage nicht einfach gewesen sei. «Wir haben als Mannschaft gut funktioniert und einander geholfen.»

Naturgemäss sehen die Beteiligten eine Leistung besser und positiver als Aussenstehende, vor allem wenn ein Sieg von ihnen erwartet worden war. Auch Trainer Vladimir Petkovic ist die Erleichterung anzumerken, als er von einem «gelungenen Start» in die EM spricht und davon, den ersten Schritt gemacht zu haben. Die Partie hätte auch 5:2 enden können, und das zeigt, dass die Schweizer mit ihren Gelegenheiten bemerkenswert verschwenderisch umgingen.

Dabei lief es für den Favoriten in Lens vorerst prächtig. Verteidiger Fabian Schär erzielte bereits in der vierten Minute mit einem Kopftor und dank eines Goaliefehlers von Etrit Berisha das 1:0. Noch vor der Pause wurde Albaniens Schlüsselspieler Lorik Cana nach zwei gelben Karten des Feldes verwiesen, die Schweizer hatten fast alles im Griff, Blerim Dzemaili traf mit einem Freistoss den Pfosten. Dennoch benötigte es schon in der ersten Halbzeit eine überragende Aktion von Torhüter Sommer gegen Armando Sadiku von Vaduz, um nicht den Ausgleich zu erhalten.

Die vergebenen Chancen

Die ohnehin ziemlich angespannten Nerven bei den Schweizern jedenfalls wurden am Samstag über Gebühr beansprucht. Das lag auch daran, dass die zwei Problemzonen der Mannschaft ihrem schlechten Ruf gerecht wurden. Die Innenverteidigung offenbarte vor allem im Stellungsspiel Mängel, und im Abschluss fehlte es an Präzision, Haris Seferovic vergab vier tolle Gelegenheiten. «Das muss ich besser machen», sagt der Stürmer, «daran muss ich im Training weiter üben».

Seine Mitspieler kommen ebenfalls immer wieder auf die vergebenen Chancen zu sprechen. «Wenn wir das 2:0 machen, haben wir Ruhe», sagt beispielsweise Lichtsteiner. Sein Trainer Petkovic deutet die Sache positiv und findet: «Es ist ein gutes Zeichen, sind wir zu so vielen Möglichkeiten gekommen.» Mittelfeldspieler Granit Xhaka wiederum hofft, dass sich die Schweiz einige Tore für die nächsten Partien aufgespart habe.

Im gegnerischen Strafraum agierten die Schweizer glücklos, so verloren sie mit Fortdauer der Begegnung ein wenig die Kontrolle übers Geschehen. Sie wussten nicht so recht, was sie von dieser Ausgangslage in personeller Überzahl halten sollten und agierten zu statisch und mit zu wenig Tempo. «Es ist manchmal gar nicht so einfach, wenn man einen Spieler mehr hat», sagt Granit Xhaka, «der Gegner hat dann nichts mehr zu verlieren.» Die tapferen Albaner jedenfalls wehrten sich nach ihrem Fehlstart, sie gaben nie auf und hätten sich am Schluss beinahe noch belohnt.

Xhaka-Duell rückte in den Hintergrund

Weil die Partie in Lens derart viele Geschichten produzierte, rückte das Bruderduell der Xhakas in den Hintergrund. Nach zehn Sekunden bereits bestritten sie den ersten Zweikampf, den der Schweizer Nationalspieler gewann, später standen andere Akteure im Mittelpunkt, Albaniens Taulant Xhaka wurde Mitte der zweiten Halbzeit ausgewechselt. «Wir konnten das während des Spiels ausschalten», sagt Taulant Xhaka, der sich über die defensiven Fehler Albaniens ärgerte. «Das dürfen wir uns an einer EM nicht leisten. Nun müssen wir es gegen Frankreich im nächsten Spiel besser machen.»

Die Schweizer dagegen haben den Stresstest bestanden. Ihnen reicht nun ein Punkt am Mittwoch in Paris gegen Rumänien, um mit allergrösster Wahrscheinlichkeit im Achtelfinal zu stehen. Vladimir Petkovic, der Trainer, aber bleibt seiner Linie treu. Er sagt: «Wir spielen nie auf Unentschieden, wir wollen jede Partie gewinnen.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt