Schällibaum: «Wie ein Kind, das Neuland betritt»

In der Major Soccer League, der Profifussballliga Nordamerikas, ist rund ein Viertel der Meisterschaft gespielt. Im Interview äussert sich Marco Schällibaum über seine bisherigen Erfahrungen als Trainer der Montreal Impact.

Marco Schällibaum: «YB ist für mich eine Herzensangelegenheit.»

Marco Schällibaum: «YB ist für mich eine Herzensangelegenheit.»

(Bild: Keystone)

Sie leben und arbeiten seit Anfang Jahr in Nordamerika. Wie gut haben Sie sich in diesen vier Monaten eingelebt?Marco Schällibaum: Eigentlich ist es noch gar nicht dazu gekommen. Es gibt fast täglich etwas Neues zu entdecken und zu verarbeiten. Klar, der Fussball ist sehr ähnlich wie in Europa, aber das ganze Drumherum ist anders. Die bisherigen Erfahrungen sind gewaltig, und manchmal komme ich mir vor wie ein Kind, das Neuland betritt.

Als Sie erstmals vom Interesse aus Kanada hörten, was ging Ihnen da durch den Kopf? Das war schon eine neue Dimension. Montreal liegt ja nicht gleich um die Ecke, die Leute sind dir unbekannt, und du weisst auch nicht genau, worauf du dich einlässt. Dank meines Fifa-Mandats, das mich zuvor in verschiedene Länder Asiens geführt hatte, hatte ich immerhin die Gewissheit, dass ich mich als Trainer auf Englisch durchsetzen kann.

Mal ehrlich: Wie viel wussten Sie zu diesem Zeitpunkt über Ihren neuen Arbeitgeber und den US-Fussball? Nicht viel. Ich habe lediglich mitbekommen, dass Montreal die Playoffs verpasst hat und wie die Meisterschaft ausgegangen ist. Somit musste ich die Informationen zuerst einholen, um mir ein Bild machen zu können. Das ist natürlich schon speziell.

Ein Schweizer im US-Fussball ist ein Novum. Wie wurden Sie aufgenommen? Eine gewisse Skepsis bei den Trainerkollegen war anfänglich schon spürbar. Damit habe ich aber überhaupt kein Problem, denn das Schweizer Niveau der Trainerausbildung ist gut, und wir brauchen uns nicht zu verstecken. Und was letztlich zählt, ist sowieso der Erfolg. Das ist in Nordamerika nicht anders als anderswo.

Nach acht Spielen liegt Ihr Team an der Spitze der Eastern Conference. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg? Zum einen verfügen wir über einen guten Trainerstaff, der mich kompetent eingeführt hat. So konnte ich mich rasch auf die Arbeit auf dem Platz und mit den Spielern konzentrieren. Zum anderen ist die Mannschaft sowohl spielerisch als auch menschlich gut zusammengesetzt. Es macht richtig Spass, mit dieser Truppe zu arbeiten.

Das Saisonziel des Klubs ist das Erreichen der Playoffs. Was trauen Sie Ihrem Team nach diesem tollen Start zu? Der Weg ist noch lang, und die Liga ist sehr ausgeglichen. Von daher wird die Playoff-Qualifikation sehr schwierig. Aber wir haben uns dieses Ziel zusammen gesetzt, und ich bin zuversichtlich, dass wir das schaffen können. Auch wenn man als kanadisches Team in dieser primär amerikanisch dominierten Liga ein bisschen benachteiligt wird.

Inwiefern? Ein Beispiel ist die Spielansetzung. Innert vier Tagen in zwei Städten mit unterschiedlichen Zeitzonen und grossen Temperaturschwankungen und dann noch zur Mittagszeit zu spielen, ist fragwürdig. Das kann die Meisterschaft verzerren.

Sportlich läuft es top, Ihre Familie hingegen mussten Sie in der Schweiz zurücklassen. Wie kommen Sie mit dieser Situation zurecht? Das ist nicht einfach, und so viel verdiene ich nun auch wieder nicht, als dass ich dies unter Schmerzensgeld abbuchen könnte. Aber der Entscheid musste schnell getroffen werden, und solange ich keinen längerfristigen Vertrag habe, bleibt die Familie in der Schweiz. Immerhin war sie schon mal in Montreal und kommt auch im Sommer wieder.

Vor Ihrem Wechsel haben Sie damit gehadert, dass Sie in Vergessenheit geraten sind. Welche Reaktionen erhalten Sie nun aus der Schweiz? Von meinem unmittelbaren Umfeld bekomme ich regelmässig Feedbacks. Aber sonst hält es sich in Grenzen. Nach dem letzten Jahr, als ich ohne Arbeit war, kann ich damit aber besser umgehen, und heute ist es mir auch nicht mehr so wichtig. Umso mehr, weil ich in Montreal unglaublich ausgefüllt bin und einen tollen Job ausüben kann.

Wie stark verfolgen Sie noch Ihren ehemaligen Verein YB? Dank Internet weiss ich, was auf den Schweizer Fussballplätzen geschieht. Auch schaue ich mir online Zusammenfassungen an oder verfolge hin und wieder sogar ein Spiel. Was derzeit mit YB los ist, kann ich aber zu wenig beurteilen, da bin ich dann doch zu weit weg. Aber weh tut es mir natürlich schon

Bei fast jeder Entlassung wird Ihr Name als möglicher YB-Trainer genannt. Können Sie sich ein erneutes Engagement in Bern überhaupt vorstellen? YB ist für mich eine Herzensangelegenheit. Ich durfte in Bern die vier schönsten und besten Jahre als Trainer verbringen. Das kann mir niemand nehmen, und daran denke ich auch immer gerne zurück. Leider hat es bisher für ein erneutes Engagement nie gepasst.

Wie lange sehen Sie sich denn im US-Fussball? Als Familienmensch möchte ich sobald wie möglich wieder mit meiner Frau und meinen Kindern zusammenleben. Von daher hängt meine Zukunft in Nordamerika auch davon ab, ob ich einen längerfristigen Vertrag bekomme und meine Familie nachholen kann.

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Berner Zeitung

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