Ratschläge eines Auszubildenden

Der Ex-Nationalspieler Raphael Wicky gastiert beim FC Thun als Juniorentrainer.

Der Freund beim FC Thun: Raphael Wicky  unterstützt im Training den U21-Trainer Martin Schmidt (links).

Markus Grunder

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Raphael Wicky betritt guter Laune den Rasen, begrüsst kollegial die Spieler – und packt gleich mit an. Weite Wege geht der 32-Jährige, um ein Feld zu markieren, er verteilt Bälle und geht sie bei Bedarf holen. Wicky tut, was ein Assistenztrainer eben zu machen hat. Dabei ist er stets fröhlich, Scherze zeugen davon, und dann und wann pfeift er zufrieden vor sich hin. Der 75-fache Nationalspieler ist frei von Allüren und mit den U21-Junioren des FC Thun längst per Du. «Man könnte meinen, Spieler mit einer solchen Vergangenheit seien etwas arrogant oder so was – Raphi ist es nicht. Er ist bescheiden, zugänglich und wirkt keineswegs abgehoben», schwärmt Mathias Plüss, ein 20-jähriger Verteidiger.

Wicky, ein Walliser, gastiert bei der U21-Mannschaft des FC Thun und deren Trainer Martin Schmidt, einem Freund. Die beiden kennen sich seit Ewigkeiten; Schmidt reiste regelmässig nach Hamburg, um Wicky dort spielen zu sehen. Und nun bot er ihm an, drei Monate hospitieren zu kommen. «Ich werde im Winter den Kurs zum B-Diplom absolvieren – das Angebot kam gerade recht.» Über Erfahrung als Übungsleiter verfügt Wicky bereits. «Ich trainiere beim FC Steg 10-Jährige.» Das Niveau sei entsprechend tief. «Aber ich finde es interessant, die andere Seite kennen zu lernen – jene des Coachs. Als Fussballer überlegst du dir nicht, welche Übung was fördert, du willst einfach spielen.»

Gewissermassen ist Raphael Wicky ja ein Nachahmer. Mit Andres Gerber, Milaim Rama und Murat Yakin sind bereits drei ehemalige Nationalspieler beim FC Thun tätig. Im Gegensatz zu Wicky sind sie primär dem Fanionteam zugehörig; entsprechend rar sind gemeinsame Aufenthalte auf dem Fussballplatz. «Daneben tausche ich mich aber oft mit ihnen aus. Gerber und Yakin gehen Wege, die ich auch beschreiten möchte.»

Bereits nach dem Rücktritt als Aktiver verkündete Wicky, dem Fussball erhalten bleiben zu wollen. Zuletzt aber tat Wicky Dinge, «die während der Laufbahn als Fussballer vernachlässigt worden sind». Er bereiste Länder («Als Fussballer kriegst du da oft nur wenig zu sehen») und ist Inhaber kleinerer Mandate. So fungiert er beim Schweizer Fernsehen etwa als Experte, wenn der FC Basel in der Europa League beschäftigt ist. «Ich habe zu tun, aber genügend Freizeit – so, wie ich das wollte.»

Wicky hält sich während des Trainings erst zurück, bringt sich aber zunehmend stärker ein. «Er kann uns unheimlich viel beibringen», findet Verteidiger Luca Lavorato, 20. Wicky demonstriert in gewissen Situationen, wie Bälle ungemein präzise geschlagen werden können, was den aufstrebenden Fussballern freilich imponiert.

Der primär defensiv orientierte Stratege debütierte mit 16 in der 1.Mannschaft des FC Sion und tat in der Folge, «wovon ich immer geträumt hatte: Ich durfte auf höchstem Niveau spielen». Deutscher Cupsieger wurde Wicky mit Werder Bremen, er spielte in Spanien, bei Atletico Madrid. Seine letzte Station als Aktiver war CD Chivas, der Stadtrivale von David Beckhams Arbeitgeber Los Angeles Galaxy. Einen Höhepunkt will Wicky nicht definieren: «Ich bin stolz, 15 Jahre Profi gewesen zu sein.» Seine Laufbahn als Ganzes betrachte er als Highlight. Unzufrieden ist er darüber, dass er bereits mit 31 seine Karriere für beendet erklären musste. «Der Körper hatte mir in den Monaten zuvor zu verstehen gegeben, dass er nicht mehr mitmacht.»

2006, als Spieler des HSV, traf er im Uefa-Cup auf den FC Thun – und nun trainiert er dessen Nachwuchs. «Ich bin positiv überrascht von den Strukturen hier. Es geht sehr professionell zu. Nachwuchschef Daniel Maurer und Kollegen verrichten ganze Arbeit.» Besonders die Individualtrainings haben es Wicky angetan. «Ich wünschte, das damals auch gehabt zu haben.»

Nach der Übungseinheit verlässt Raphael Wicky, der Sohn einer Bernerin, das Oberland wieder, um nach Zermatt zurückzukehren. Er reist mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Wie hatte ihn Temporärschützling Plüss treffend beschrieben? Als bescheiden – und zugänglich eben.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 20.11.2009, 12:52 Uhr

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