Opfer einer Gedankenkollision

Die ganze Welt sieht zu, wie Torwart Sven Ulreich gegen Real Madrid die Rückpassregel vergisst. Der Manuel-Neuer-Vertreter trübt damit den Eindruck einer eigentlich guten Saison.

Sven Ulreich. Der Neuer-Ersatz mit einem Riesen-Bock bei einem Rückpass. Benzema kann ins leere Tor einschiessen.(Quelle: Tamedia/SRF).

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Als das Torwartspiel im Fussball revolutioniert wurde, war Sven Ulreich, geboren 1988 in Schorndorf, vier Jahre alt; es dauerte ein weiteres Jahr, bis er sich selbst in ein Tor stellte, für den TSV Lichtenwald. Ulreich gehört also zur ersten Generation der Torhüter, die aufgewachsen sind mit einer Regel, die es verbietet, einen vom Mitspieler mit dem Fuss gespielten Ball mit der Hand aufzunehmen, der sogenannten Rückpassregel, eingeführt 1992.

Ulreich stand im Laufe seiner Karriere im Tor des TSV Schornbach, des VfB Stuttgart sowie des FC Bayern, er spielte für diverse Juniorennationalmannschaften. In all diesen Jahren war es für ihn selbstverständlich, dass er nach einem Pass eines Mitspielers den Ball entweder möglichst weit nach vorne schlägt oder, das wäre die elegantere Variante, dass er mit einem präzisen Zuspiel einen gepflegten Angriff seiner Mannschaft einleitet. Auf die Idee, den Pass eines Mannschaftskollegen mit der Hand aufzunehmen, kam er vermutlich in all den Jahren nie. Bis zum Dienstagabend.

Die zweite Halbzeit im Halbfinal-Rückspiel in der Champions League des FC Bayern bei Real Madrid lief erst seit wenigen Sekunden, an der rechten Aussenlinie hatte Corentin Tolisso den Ball, er passte in den eigenen Strafraum. Der Ball rollte direkt in die Gefahrenzone hinein, Madrids Stürmer Karim Benzema sprintete ihm hinterher, noch stand da aber auch Ulreich. Doch in den zwei, drei Sekunden, die folgten, konnte die ganze Fussball-Welt dem Torwart dabei zusehen, wie er Opfer einer Gedankenkollision wurde.

Er beugte den Oberkörper nach unten, er fuhr die Arme aus, er hatte die Hände fast am Ball. Erst als er beinahe auf dem Rasen kniete, erinnerte er sich an die Rückpassregel. Verzweifelt zog er die Hände zurück, er versuchte den Ball mit dem rechten Fuss wegzuschlagen. Er trat ins Leere. Benzema traf zum 2:1, es war das Tor, das Real den Weg ins Finale ebnete.

Ulreichs Entschuldigung an seine Mannschaftskollegen und die Fans. Quelle: Instagram.

Die Scheindebatte mit der Nationalmannschaft

Der FC Bayern ist in dieser Saison souverän deutscher Meister geworden, die Mannschaft spielt Mitte Mai noch das Pokalfinale. Doch das Tragische an dieser Spielzeit ist, dass sich alles zuspitzt auf diese zwei Halbfinalspiele gegen Real, und diese zwei Partien wiederum spitzen sich zu auf wenige Sekunden in der 46. Minute beim 2:2 in Madrid, auf den unglücklichen Mann im Tor, so ungerecht ist der Fussball manchmal.

Ulreichs Tritt ins Leere steht dafür, dass der FC Bayern auch aufgrund von Slapstick-Einlagen das Finale verpasst hat; beim 1:2 im Hinspiel hatte Aussenverteidiger Rafinha den Endstand orientierungslos für Madrid vorbereitet. Und Ulreichs Verwirrung ist ein Sinnbild dafür, dass der FC Bayern ohne viele Verletzte in Madrid angetreten war; vor dem Rückspiel ging es vor allem um Innenverteidiger Jérôme Boateng und Flügelspieler Arjen Robben. Nun steht da eine weitere Frage: Wäre Manuel Neuer, bis zu seinem Mittelfussbruch im Herbst 2017 der beste Torwart der Welt, das auch passiert?

Ulreich, das ist das Bittere an dieser 46. Minute, hatte Neuer glänzend vertreten. Er hatte in der zweiten Pokalrunde in Leipzig mit seinen Paraden das Elfmeterschiessen gewonnen, auch im Champions-League-Viertelfinale gegen Sevilla rettete er das knappe Weiterkommen mit guten Aktionen. Manche Beobachter diskutierten sogar, ob Ulreich im Sommer mit zur WM nach Russland reisen müsse, wenn auch als Neuers Stellvertreter. Es war zwar nur eine Scheindebatte, weil sie bei der Nationalmannschaft niemand richtig mitdiskutieren wollte, aber es war ein Zeichen von Ulreichs neuem Stellenwert.

Bayern-Trainer Jupp Heynckes hat angekündigt, dass er den nahezu wieder genesenen Neuer noch in dieser Saison einsetzen wird; noch stehen drei Spiele an. Für Ulreich heisst das, dass er nicht viele Gelegenheiten haben wird, um den Eindruck vom Dienstagabend zu korrigieren. Und so werden von einer eigentlich guten Saison ein paar Sekunden der Vergesslichkeit bleiben.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.05.2018, 17:05 Uhr

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