Nicht mehr der kleine Michi

Fussball

Michael Frey ist zweitbester YB-Torschütze. Aber der Stürmer durchlebt eine schwierige Phase, sitzt oft auf der Bank. Der 22-Jährige begegnet dieser Ersatzrolle mit viel Optimismus.

Die gute Laune nicht verloren: Wie Michael Frey seine Situation beurteilt. Video: Fabian Ruch
Fabian Ruch

Der Mann hat sich vorbereitet auf den Pressetermin. Er lässt vom ersten Moment an – fest der Händedruck, sehr aufrecht der Gang, unbeirrt der Augenkontakt – keine Zweifel offen, wie er sich präsentieren will: selbstbewusst, positiv, stark. Er weiss, dass man vielleicht einen geknickten Fussballer erwartet hat, einen Reservisten, der bei YB derzeit keine grosse Rolle spielt, zuletzt beim öden Kick in Lausanne (0:0) nicht mal mehr eingewechselt wurde. Es war wie eine Höchststrafe für Michael Frey, diesen aussergewöhnlichen Energiemenschen.

Der Stürmer also will keine Schwäche zeigen, offenbart im Gespräch aber trotz aller Gute-Laune-Rhetorik nachdenkliche Augenblicke. Wenn er sagt: «Klar gerät man ins Grübeln. Aber ich vertreibe die negativen Gedanken sofort.» Wenn er erklärt: «Keine Sorge, ich kämpfe mich da raus.»

Wenn er meint: «Ich lerne aus solchen Phasen. Das sind wertvolle Erfahrungen. Rückschläge machen mich stärker, das war schon nach meiner schweren Verletzung in Frankreich und der Rückkehr in die Schweiz so.» Und vor allem, wenn er seine sensible Seite zeigt: «Es ist hart, auf der Bank zu sitzen. Ich brauche Wertschätzung. Wer tut das nicht?»

Der Profi

Michael Frey ist erst 22, aber schon lange im Geschäft. Mit 17, 18 tauchte er auf bei YB, freche Berner Schnauze, offen, ehrlich, direkt. Vielleicht manchmal zu offen, zu ehrlich, zu direkt. Er wurde mit seinen saloppen Aussagen zur Marke, und erfrischend ist er weiterhin. Doch Frey ist ruhiger geworden, und er findet das ganz gut so. «Ich bin heute in jeder Beziehung der bessere Spieler als vor drei Jahren.»

Dunkle Gedanken will Frey also nicht zulassen. Geht man bei der Ursachenforschung für seine Reservistenrolle in die Tiefe, sagt er professionell: «Der Trainer spricht viel mit mir, wir haben ein tolles Verhältnis. Und er hat halt derzeit manchmal das Gefühl, andere Stürmer würden dem Team in dieser Situation mehr helfen.» Ihm bleibe nichts anderes übrig, als noch härter zu arbeiten, er liebe den Fussball, gehe jeden Tag gerne ins Training, zerreisse sich für YB, seinen Herzensklub.

Man könnte sich Michael Frey auch vorstellen als überzeugenden Motivator in einem Seminar für Menschen, die Mühe haben, das Leben zu geniessen.

Der Selbstvermarkter

Noch ist der Berner Fussballspieler. Einer, der an seine Qualitäten glaubt. «Ich habe bewiesen, in unterschiedlichen Rollen spielen zu können», sagt er. Er habe funktioniert als kreiselnder Stürmer um Nolan Roux in Lille und Marco Schneuwly in Luzern, er könne das selbstverständlich auch mit Guillaume Hoarau. «Aber ich sehe mich auch als Zentrumsstürmer vor Roger Assalé oder in einem Zwei-Mann-Sturm neben Alexander Gerndt. An meiner Einstellung ändert sich sowieso nichts. Ich gebe immer alles.»

Die aktuelle YB-Baisse schmerzt Frey, zumal die Saison ja gar nicht so übel sei. «Wir überzeugten im Europacup, liegen in der Liga auf Platz 2, einfach das Ausscheiden gegen Winterthur im Cup war unerklärlich.» Natürlich sei der Druck riesig gewesen, doch er habe nach seiner Einwechslung immer daran geglaubt, «noch einen reinzuhauen». Die Chance kam, in der 120. Minute, ein Kopfball aus wenigen Metern, im Training ein sicheres Tor. «Leider hielt der Torhüter den Ball. Das kann man nicht ändern», sagt Frey trocken.

Der Rückkehrer

Ein Last-Minute-Tor gegen Winterthur im Cupviertelfinal hätte sein Standing in der Berner Fangemeinde gewiss massiv verbessert. Eingefleischte Anhänger warfen dem einstigen Publikumsliebling nach seinem plötzlichen Abgang zu Lille im Sommer 2014 Untreue vor. Wie in einer Liebesbeziehung. Dennoch zögerte Frey letztes Jahr nach einer überzeugenden Rückrunde in Luzern nicht, als sich die Gelegenheit ergab, zurückzukehren in die Heimat.

«Ich habe mich verändert, die Fans haben sich verändert, das kommt schon gut», sagt der kräftige Angreifer. Er ist jetzt nicht mehr der kleine Michi, er ist aber auch nicht mehr das Talent, das sich in den Dunstkreis der Nationalmannschaft gespielt, geschossen, gekämpft hat. «Es geht schnell im Fussball, ich weiss das aus eigener Erfahrung.» Und sowieso, erklärt Frey, wieder ganz im Angriffsmodus, er habe bereits elf Pflichtspieltore erzielt, sechs in der Liga, so schlecht sei diese Saison von ihm nicht.

Der Maler und Gitarrist

Michael Frey ist der zweitbeste Torschütze bei YB hinter Hoarau. Ganz wieder angekommen ist er im Stade de Suisse aber noch nicht. Selbst wenn er nicht mehr im Elternhaus in Münsingen wohnt, sondern in Ittigen, nahe dem Stadion. Und wenn er über sein Privatleben spricht, realisiert man, dass dieser zuweilen burschikose Kerl von vielen unterschätzt wird. Er entspricht überhaupt nicht dem Klischee, das man von jungen Fussballern gerne hat.

Frey malt immer noch oft und viel und mit unterschiedlichsten Techniken, mindestens ein Bild pro Woche, spielt gerne und auch im Unterricht auf der Gitarre, geht stundenlang im Wald spazieren. «Ich brauche die Ruhe», sagt Frey, «um meine Gedanken zu ordnen.»

Berner Zeitung

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