«Messi und seine Freunde urinieren auf die Leute»

Kritiken, Respektlosigkeiten und falsche Anschuldigungen: Die Schlammschlacht zwischen Presse und Argentiniens Nationalmannschaft eskaliert.

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Es ist eng, im Medienraum des Estadio del Bicentenario von San Juan. Lionel Messi lächelt verlegen, entschuldigt sich vor den Journalisten: «Der Raum hier ist nicht so gross, deshalb die Unordnung.» Er spricht das Gedränge auf dem Podium an, auf dem der Superstar und seine 25 Teamkollegen geschlossen stehen. Verbal sorgt Messi dann aber doch sofort für Ordnung: «Ab sofort werden wir nicht mehr mit den Medien sprechen.» Eine Überraschung, schliesslich war es ebendieser Messi, der wenige Stunden zuvor Argentinien aus der Krise führte, dank einem 3:0 in der WM-Qualifikation gegen Kolumbien.

«Genug ist genug», sagt Messi jetzt mit ernster Stimme und begründet: «Wir wurden schon mit vielen Kritiken und Anschuldigungen konfrontiert, haben nie etwas gesagt. Was nun aber über ‹Pocho› Lavezzi geschrieben wurde, ist einfach zu viel.»

So kommunizierte Messi den Medien-Boykott. Video: Tamedia/AFP

Was war passiert? Der argentinische Radiomoderator Gabriel Anello warf auf Twitter die Frage auf: «Darf Lavezzi nicht auf der Bank Platz nehmen, weil er Marihuana geraucht hat?» Lavezzi antwortete wenig später mit der Ankündigung, rechtliche Schritte gegen Anello einzuleiten. Und Messi legte bei seiner Boykotterklärung nach: «Wenn wir jetzt nicht reagieren, wann dann? Möglicherweise glauben sonst die Leute, dass diese Geschichte stimmt.»

Die Fehde zwischen Anello und Lavezzi ist der Höhepunkt einer jahrelangen Schlammschlacht – bisher eher einseitig geschlagen. Zahlreiche TV- und Radioprogramme widmen sich der argentinischen Nationalmannschaft, debattieren gerne, lange und vor allem schonungslos. Insbesondere Martin Liberman von Fox Sports Argentina ist bekannt für seine scharfe Zunge.

Nach dem 0:3-Debakel in Brasilien vergangenen Donnerstag riss er die «Albiceleste» verbal in Stücke, forderte: «Hört endlich auf, nur Messis Jünger einzuladen. Unser Team ist eine einzige Party von Freunden, ein absolutes Desaster.» Mittlerweile sei nur noch Bolivien schlechter in Südamerika: «Wir gewinnen gegen niemanden. Zum Glück wurden wir nicht Weltmeister, sonst hätten die Leute noch das Gefühl, wir seien gut!» Zwar warf Liberman dem neuen Trainer Edgardo Bauza eine fehlende Linie vor, machte ihm aber nur indirekt einen Vorwurf. «Bauza wurde von den ‹Messistas› umgedreht», wetterte er und fand sofort die Fehlerquelle: «Alles änderte sich, als Bauza nach Barcelona reiste, um Messi den Hintern zu lecken.» Eine der ersten Amtshandlungen Bauzas war, den kürzlich zurückgetretenen Captain zur Rückkehr in die Nationalmannschaft zu überzeugen – mit Erfolg. Liberman schloss daraus: «Bauza, dir fehlt es an Charakter, um diese Bande endlich aufzulösen.» Zu dieser «Bande» gehören Lavezzi («der Witzbold darf nur als Pausenclown mitreisen»), Sergio Agüero («ist dabei, um Messi den Tee zu servieren») und Javier Mascherano («nur noch Schall und Rauch»).

Schuljunge Messi

Dabei waren es genau diese ständigen Kritiken verhältnislosen Ausmasses, die für den Barça-Star den Ausschlag gaben, zunächst seinen Rücktritt aus dem Nationalteam zu erklären. Als «Pecho frio», also Weichei, wurde er nach jeder seiner vier Finalniederlagen bezeichnet. «Er ist kein Mann für die grossen Spiele.» Seine wichtigen Tore in Champions-League-Finals? Ausgeblendet. Dass er Argentinien nahezu im Alleingang in die Endspiele der WM 2014 und Copa América 2015 und 2016 führte? Irrelevant. Als Messi nach dem verlorenen Penaltyschiessen gegen Chile Ende Juni mit Tränen in den Augen den Rücktritt gab, brandete erstmals eine Welle der Solidarität über ihn. Die Argentinier schämten sich dafür, Messi einen Spanier zu nennen, weil er mit 13 nach Barcelona loszog, um die Fussballwelt zu erobern.

Kein halbes Jahr später sind sie wieder gleich weit. «Messi hat seinen fünften Final verloren», spottete Journalist Daniel Avellaneda nach der Schmach von Brasilien und schob nach: «Er und Mascherano sollten dieses Team führen. Sie sind aber nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe.» Liberman doppelte nach: «Der beste Spieler der Welt ist nie in der Lage, solche Spiele für uns zu gewinnen.» Und TV-Moderator Alejandro Fantino schimpfte: «Messi sah im Mineirao aus wie ein Schuljunge.»

Anello weist Schuld von sich

Während seiner Gala gegen Kolumbien – Messi schoss ein herrliches Freistosstor und bereitete die anderen beiden Tore magistral vor – liess es sich seine Schwester Maria Sol nicht nehmen, einen Seitenhieb in Richtung Liberman zu twittern: «Schau es dir im TV an.» Liberman war übrigens auch derjenige, der Messi im September mal wieder mangelnden Einsatz für Argentinien vorwarf, nachdem er angeschlagen die Partie gegen Venezuela verpasst hatte. Seine Antwort liess nicht lange auf sich warten – und hatte es in sich: «Maria Sol, ich schicke dir einen Kuss. Mit Frauen diskutiere ich nicht, weder über Fussball noch über sonst was.»

Dass die argentinischen Journalisten kein Verständnis für den Medienboykott haben, liegt auf der Hand. Übeltäter Anello beispielsweise wies jede Schuld von sich und sagte in «Radio Mitre»: «Wenn es an meiner Aussage liegt, wieso boykottieren sie dann nicht nur mich? Die können einfach nicht mit Kritiken umgehen und glauben, sie haben alles gewonnen. Das ist eine nächste Peinlichkeit dieser Mannschaft.» Liberman ging sogar noch weiter: «Messi und seine Freunde urinieren gerade auf die Leute und verlangen dann deren Unterstützung.»

Wie lange sich der fünffache Weltfussballer das noch antut? Bis zur Weltmeisterschaft 2018 hat er zugesagt. Auch die grössten Kritiker in Argentinien glauben nicht, dass die Albiceleste dieses Event verpassen wird – auch nicht TV-Moderator Fantino: «Wir sind einfach zu gross.» Aktuell steht Argentinien auf dem fünften Platz, der zur Barrage berechtigt. Der Vorsprung auf das sechstplatzierte Kolumbien, aber auch der Rückstand auf den Dritten Ecuador beträgt nur einen Punkt, bei sechs ausstehenden Spielen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.11.2016, 14:18 Uhr

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