«Mein Sohn ist ein gutes Orakel»

Im Sommer ist der 29-jährige Stürmer von Thun nach Luzern gewechselt, mit den kriselnden Innerschweizern gastiert er am Sonntag bei seinem Ex-Verein YB. Der Freiburger Marco Schneuwly im Interview.

Kaum zu stoppen: Marco Schneuwly (links) ist bei den schwach in die Saison gestarteten Luzernern der Torgarant. In 10 Pflichtspielen hat er 9 Treffer erzielt.

Kaum zu stoppen: Marco Schneuwly (links) ist bei den schwach in die Saison gestarteten Luzernern der Torgarant. In 10 Pflichtspielen hat er 9 Treffer erzielt.

(Bild: Keystone)

Was haben Sie am Montagabend gemacht?Marco Schneuwly: Ich sass vor dem Fernseher, sah mir das Spiel der Schweizer Nationalmannschaft gegen England an. Weshalb fragen Sie?

Nun, die Schweiz verlor 0:2, der Offensivabteilung mangelte es an Kreativität und Effizienz. Dachten Sie nicht: Denen hätte ich helfen können? Nein. Ich sage auch nicht, dass ich diese oder jene Chance verwertet hätte.

Mit Eren Derdiyok und Mario Gavranovic sind zwei potenzielle Nationalspieler verletzt. Hatten Sie mit einem Aufgebot gerechnet? (überlegt) Nicht wirklich. Aber diese Frage wurde mir zuletzt mehrmals gestellt. Es hiess ja auch schon, ich sei zu alt fürs Nationalteam, was meiner Meinung nach kein Kriterium sein darf. Die Leistung zählt – aber als Spieler kann man das Aufgebot bedingt beeinflussen. Viele Faktoren entscheiden, der Trainer weiss schon, was er tut.

Sie kennen Vladimir Petkovic aus gemeinsamen YB-Zeiten... (lacht) ja, aber das garantiert leider nichts. Natürlich würde ich sehr gerne einmal fürs Nationalteam spielen, ich war ja im Nachwuchs lange mit dabei, wurde U-17-Europameister.

Es gibt Leute, die sagen, Marco Schneuwly sei ein Stürmer ohne herausragende Qualitäten. Werden Sie gemeinhin unterschätzt? Das kann sein, ja. Aber ich lese selten, was über mich geschrieben wird. Wenn jemand sagt, ich sei zu wenig gut, versuche ich im nächsten Spiel das Gegenteil zu beweisen. Jedes Tor kommt dann einer Genugtuung gleich. Vielleicht kriege ich zu wenig Anerkennung; aber ich habe es nicht nötig, im Rampenlicht zu stehen.

Seit Sie Vater sind, scheinen Sie lockerer geworden zu sein. Täuscht dieser Eindruck? Seither betrachte ich gewisse Dinge ein wenig differenzierter. Nach einem schlechten Match grüble ich weniger lange als früher, mein Sohn heitert mich auf, egal, was er macht. Er ist übrigens ein ziemlich gutes Orakel.

Inwiefern? Vor einem Spiel hatte ich ihn gefragt, ob mir ein Treffer gelingen würde. Er sagte ja – und behielt recht. Wir wiederholten das einige Male, mit ganz wenigen Ausnahmen lag er stets richtig (lacht).

Und Ihre Grossmutter zahlt Ihnen noch heute einen Fünflieber pro geschossenes Tor? Ja, damit hat sie nie aufgehört. Schade, habe ich für diese Beiträge nie ein Konto eröffnet. Wäre doch interessant zu wissen, was sich über all die Jahre hinweg angesammelt hätte.

Mit Luzern sind Sie schlecht in die Saison gestartet. In zehn Pflichtspielen gewann der Klub nur einmal, gegen die Amateure Konolfingens. Was läuft schief? Unsere Chancenauswertung ist schlecht. Aufwand und Ertrag stehen in keinem Verhältnis. Die Unruhe bei den Fans ist spürbar.

Im beschaulichen Thun war der Druck geringer – haben Sie den Wechsel schon bereut? Nein! In Luzern stimmt das Paket. Thun bot mir einen Zweijahresvertrag an, in Luzern habe ich für drei Saisons unterschrieben. Hier ist alles eine Nummer grösser, die ganze Region steht hinter diesem Verein.

Ihnen läuft es hervorragend, in drei Wettbewerben haben Sie bereits neun Treffer erzielt. Dennoch meinte Sportchef Alex Frei im August, mit einem Marco Streller im Sturm stünde Luzern mit fünf Punkten mehr zu Buche. (überlegt) Ich habe das nicht als Kritik an meiner Person verstanden. Wer möchte Marco Streller denn nicht in seinem Team haben? Ich denke, Alex Frei wollte die Offensivspieler mit seiner Aussage anstacheln.

Hat die Partie vom Sonntag in Bern gegen YB bereits wegweisenden Charakter? Man sollte nicht schon jetzt in Panik verfallen. Wir haben zu wenig Punkte, das ist klar, wir brauchen Siege. Aber an und für sich haben wir in den letzten Wochen gut gespielt – nur die positiven Resultate fehlen, was sehr bitter ist.

Sie hatten bei YB im Nachwuchs gespielt und bestritten weit über 100 Partien für die erste Mannschaft. Pflegen Sie noch Kontakte zum Verein? Nur mit ein paar Spielern. Christoph Spycher ist ja jetzt Experte beim Fernsehen, ihn sehe ich wieder regelmässig. Man sollte sich mit ihm gut stellen, dann drückt er in der Analyse vielleicht ein Auge zu (lacht). Natürlich sind Spiele in Bern für mich noch immer speziell, ich war ja als Kind auch YB-Fan. Spielt YB gut, ist es sehr schwierig, zu punkten.

Nicht wenige sind der Meinung, YB wäre 2010 Meister geworden, hätten Sie sich in der Winterpause nicht verletzt gehabt... ...das soll jetzt nicht überheblich klingen, aber ich kenne viele Leute, die das sagen. Sie hadern mit dieser Verletzung mindestens so sehr wie ich.

Berner Zeitung

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