Mehr als 90 Minuten

Der FC Thun will am Mittwoch in Zürich beim Grasshopper Club (19.45 Uhr, Letzigrund) einen weiteren Schritt in Richtung Europa machen. In den ersten drei Partien zwischen diesen Parteien blieb es spannend.

Spätes Glück: GC bejubelt am 14. März den Ausgleich in der Nachspielzeit, den Thunern bleibt nur der Frust.

Spätes Glück: GC bejubelt am 14. März den Ausgleich in der Nachspielzeit, den Thunern bleibt nur der Frust.

(Bild: Keystone)

Besuchern der heutigen Partie zwischen GC und Thun wird dringend abgeraten, vor Spielende auf die Ausgänge zuzusteuern. Aus zwei Gründen: Mit Problemen bei der Abreise infolge Staus ist angesichts des Zuschaueraufkommens bei den Heimspielen des Rekordmeisters nicht zu rechnen, und, noch wichtiger, Duelle zwischen den beiden Teams garantieren für Spektakel bis zum Abpfiff.

So war es jedenfalls in allen drei bisherigen Begegnungen in dieser Saison: Am 3.Spieltag hatte GC im Letzigrund die Chance zum 3:3-Ausgleich, Munas Dabbur scheiterte aber in der 85.Minute mit einem Penalty an Christian Leite. Anfang Oktober siegten die Thuner zu Hause 3:2, waren aber nach einem Dreitorepolster noch ins Zittern geraten, als Michael Lang in der 90.Minute der Anschlusstreffer gelang. Mitte März war dann die Zürcher Aufholjagd in der Stockhorn-Arena von Erfolg gekrönt, Shani Tarashaj bewerkstelligte in der Nachspielzeit den Ausgleich.

Die Nachspielzeit als Regel

Früher galt im Fussball die Maxime, ein Spiel daure 90 Minuten. Als Erster hatte dann Gary Lineker diese These leicht abgewandelt. Seine Aussage, Fussball sei ein einfaches Spiel, bei dem 22 Personen einem Ball nachjagten und am Schluss immer die Deutschen gewännen, erlangte Kultstatus. Gleich doppelt relativiert wurde sie am 26.Mai 1999, als Manchester United im Meistercupfinal in der Nachspielzeit gegen Bayern München zwei Tore erzielte und so die vielleicht eindrücklichste Wende im Klubfussball schaffte.

Deutsche Teams haben seither oft gewonnen, aber auch wichtige Spiele verloren. Eines hat sich aber nicht mehr verändert: Fussballspiele dauern nur noch ausnahmsweise 90 Minuten. Höchstens, wenn sich im Verlauf der zweiten Halbzeit kein Spieler verletzt und keiner für die Aufnahmeprüfung für die Lee-Strasberg-Schauspielschule geübt und so Zeit geschunden hat, ertönt der dreifache Pfiff zur ursprünglich geplanten Zeit, oft auch nur dann, wenn die Partie bereits entschieden ist.

Verständlich, dass deshalb mehr und mehr entscheidende Tore nicht nur in den letzten Minuten, sondern auch in der Nachspielzeit fallen. Auch die beiden heutigen Kontrahenten erlebten am letzten Wochenende ereignisreiche Schlussphasen: GC glich in der 92.Minute gegen YB aus, und Thun musste sich bei Sions Penalty-Fehlschütze Moussa Konaté bedanken, dass nicht in der 94.Minute der Vollerfolg noch entglitt. Es wäre der dritte «Last-Second-Punktverlust» der Saison gewesen, nach dem erwähnten 2:2 gegen GC und dem 0:1 gegen YB in der Vorrunde, als Guillaume Hoarau den Favoriten ins späte Glück geschossen hatte. Allerdings hatte auf Thuner Seite, ebenfalls in der Vorrunde, Berat Sadik in der 90.Minute in Basel ausgeglichen.

Kein Konzentrationsmangel

Für Thuns Abwehrchef Thomas Reinmann geht die nicht nur auf sein Team bezogene Häufung von finalen Zusatzminuten vor allem auf einen Umstand zurück: «Wenn ein Team mit einem Tor führt, versucht es, den Sieg zu sichern und steht oft unbewusst etwas weiter hinten. Das andere Team wirft dann alles nach vorne, und das zahlt sich manchmal aus.» Dass es an nachlassender Konzentration liege, glaubt der Routinier nicht: «Man ist sich aber vielleicht nicht so bewusst, dass man selber etwas fürs Spiel machen muss und dem Gegner auch vorne nicht zu viel Platz lassen darf. Wenn er von der Mittellinie lange Bälle nach vorne schlagen kann, ist das Risiko grösser, dass er auch einmal nach hinten fällt.»

Grundsätzlich können heute beide Teams zuversichtlich ins letzte Saisonduell steigen. GC hat sich nach drei Niederlagen unter dem neuen Trainer Pierluigi Tami zum Rückrundenstart, welche die Krise aus der Vorrunde noch akzentuierten, stabilisiert. Mit 13 Punkten aus den letzten 8 Partien wurde das Abstiegsgespenst verjagt. Thun hat auf fremdem Terrain einiges gutzumachen. Die Serie von drei Niederlagen und 0:10 Toren soll heute enden. Urs Fischer will sich nicht zu stark mit den Statistiken beschäftigen: «Wir müssen uns treu bleiben und das machen, was wir am besten kommen. Dazu kommen ein, zwei spezifische taktische Vorgaben.» Es braucht kein aussergewöhnliches Vorstellungsvermögen dazu, zu erraten, dass auch das Verhalten in der Schlussphase angesprochen wird.

Berner Zeitung

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