Mehr Fussball geht nicht

YB und Thun bereiten sich wie viele andere europäische Spitzenteams an der Wärme auf die Rückrunde vor. Kein Zufall, dass sie es an der türkischen Riviera tun, diese ist längst zum Wintermekka für Fussballteams avanciert.

  • loading indicator

Ein Teambus, zwei Taxis, kreuz und quer abgestellte Autos und ein Hupkonzert: Der kleine Parkplatz vor dem Cornelia Sports Center in Belek platzt aus allen Nähten. Es ist 17.15 Uhr an diesem Dienstag, und auf einem der Hotelrasenplätze findet bei einbrechender Dunkelheit und mittlerweile mitteleuropäischen Temperaturen im einstelligen Gradbereich das Testspiel zwischen Hertha Berlin und YB statt.

Natürlich hat es viele Hertha-Fans unter den paar Hundert Kiebitzen, aber auch ein Dutzend YB-Supporter sind zu sehen sowie Kappen und Shirts von dem MSV Duisburg, 1.FC Kaiserslautern, St.Pauli oder dem FC Aarau. Sogar dessen Trainer Sven Christ beobachtet die Partie.

Für eingefleischte Fussball-Vielkonsumierer ist die Türkei dieser Tage das Paradies schlechthin. Am gleichen Tag, dem 20.Januar, stehen unter anderem vier weitere Duelle zwischen Schweizer und deutschen Profiklubs auf dem Programm: Aarau gegen Hannover, Thun gegen Greuther Fürth, Winterthur gegen St.Pauli sowie St.Gallen gegen Kaiserslautern. Alles innert vier Stunden und innerhalb einer Luftlinie von drei Kilometern. Mehr Fussball auf geringer Distanz geht nicht.

400 Millionen Euro

Man könnte jeden beliebigen anderen Tag im Januar wählen, am Gesamtbild würde sich kaum etwas ändern. Der Fussball ist in der künstlich geschaffenen Feriensiedlung mit ihren eigentlich 6500 Einwohnern zu dieser Jahreszeit omnipräsent, wie an der gesamten türkischen Riviera, und hilft, das Winterloch zu minimieren für eine Gegend, die im Sommer von Touristen buchstäblich überschwemmt wird.

Allein aus dem deutschsprachigen Raum nutzen 30 Spitzenteams dieses Angebot, dazu kommen alle türkischen Süperligisten, deren Meisterschaft im Januar ebenfalls eine Pause einlegt, sowie viele Teams aus Osteuropa und sogar die Frauennationalteams von Neuseeland und Dänemark. Sie alle trainieren buchstäblich Platz an Platz.

2014 waren im «Bermudadreieck» Lara/Belek/Side insgesamt rund 2500 Fussballteams aller Stufen in Wintertrainingslagern zu Gast, gemäss einer Studie sollen dabei rund 400 Millionen Euro generiert worden sein. Dieses Jahr ist mindestens mit ähnlichen Zahlen zu rechnen, und in den nächsten Jahren sollen vor allem noch mehr Teams aus Asien und Südamerika angelockt werden mit dem Ziel, die weltweite Position als Nummer 3 im «Trainingslagerranking» hinter Spanien und Dubai zu festigen.

Gemäss Eigenwerbung hat die Region «300 Sonnentage im Jahr». Falls sie ihrem Ruf wettermässig einmal nicht gerecht wird, kann unbürokratisch Abhilfe geschaffen werden. So letzte Woche, als Aarau, Winterthur und Vaduz nach tagelangem Dauerregen anreisten und es sich abzeichnete, dass die von vielen Teams benutzten Plätze unter der Belastung leiden müssten.

Roland Leemann, Mitinhaber der Firma TST und seit 15 Jahren erprobter Organisator von Trainingslagern, quartierte diese Teams flugs um, zwei davon residieren nun in Belek, eines ausserhalb. «Es ist unsere Hauptstärke, dass wir bei Problemen rasch reagieren können, weil wir alle Leute kennen und selber vor Ort sind, und dies wenn nötig während 24 Stunden am Tag», so Leemann, der seit Jahren in der Türkei auch für einen reibungslosen Ablauf beim FC Thun sorgt.

137 Rasenplätze

Vieles spricht für Belek und Umgebung. Die Qualität der Testspielgegner, die minimen Distanzen, der Preisvorteil und mehrheitlich auch das Wetter. So wie jetzt: Am Wochenanfang ist das Dauertief einer ebenso dauerhaften Hochdrucklage gewichen, die Teams können bei Temperaturen von fast 20 Grad und Sonnenschein an ihrem Spiel und der Physis feilen, und dies auf perfekten Sportanlagen in der Abgeschiedenheit weitläufiger Hotelluxusanlagen, eine knappe halbe Stunde vom internationalen Flughafen Antalya entfernt. «Zudem muss man hier niemandem etwas punkto Fussball erklären, sie kennen sich alle aus», sagt YB-Sportchef Fredy Bickel.

Der grösste Pluspunkt ist zweifelsfrei die enorme Dichte an hervorragenden Naturrasenplätzen. Gemäss einer Statistik von 2013 hat es in der Region derzeit 137 Felder nach internationalen Normen, praktisch alle von den Hotels in Eigenregie gebaut und die Mehrheit mit modernen Bewässerungssystemen ausgerüstet.

«All inclusive» als Trumpf

Fast alle Hotels locken mit «All inclusive»-Angeboten, und dies nicht nur in Bezug auf das üppige kulinarische Angebot in Form opulenter Buffets zu praktisch jeder Tages- und Nachtzeit. Eingeschlossen sind vor allem auch die Möglichkeiten zur sportlichen Betätigung im eigenen Resort. Der «Kaya Palazzo» verfügt beispielsweise über vier Plätze nach Uefa-Standard, welche die YB-Profis sogar bequem mit dem Fahrrad erreichen. Flutlicht zählt ebenfalls zum Standard wie Umkleidekabinen, Räume für die Schiedsrichter und das Material.

Dazu kommen Fitnessanlagen und ein grosszügiger Spa-Bereich. Und dies alles zu attraktiven Preisen. «In Spanien oder Portugal zum Beispiel muss man jeden Kaffee extra bezahlen, hier fällt das alles weg», sagt Thuns Sportchef Andres Gerber. Leemann geht davon aus, dass ein Trainingslager in der Türkei «rund ein Drittel billiger ausfällt als ein gleichwertiges in Spanien. Auch Amateure können sich dies durchaus leisten, die Angebote variieren laut Leemann pro Person und Woche zwischen 700 und 1100 Franken. Darin eingeschlossen gibts Anschauungsunterricht à discrétion.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...