«Manchmal habe ich das Gefühl, fehl am Platz zu sein»

Marc Janko Ersatz in Lugano, Nationalspieler Österreichs. Der 35-jährige Stürmer, der am Samstag in Bern gastiert, spricht über seine spezielle Rolle. Und sagt, warum er zu YB passen würde. 

In 68 Länderspielen für Österreich hat Marc Janko 28 Tore erzielt. In Lugano wartet er seit über einem halben Jahr auf einen Treffer. Foto:

In 68 Länderspielen für Österreich hat Marc Janko 28 Tore erzielt. In Lugano wartet er seit über einem halben Jahr auf einen Treffer. Foto:

(Bild: Vano Shlamov/Getty Images)

Dominic Wuillemin

Sie haben Urlaubsverbot und freuen sich darüber. Das müssen Sie erklären.
Im Oktober wurde ich erstmals seit einem Jahr in das Nationalteam berufen. Das Aufgebot kam sehr überraschend, ich hatte mit dem Kapitel abgeschlossen. Einerseits sind meine Einsatzzeiten in Lugano überschaubar, andererseits wurde in Österreich der Umbruch eingeleitet. Es wird vermehrt auf junge Spieler gesetzt.

Doch dann wurden Sie als 35-Jähriger plötzlich gebraucht.
Ein Stürmer verletzte sich kurzfristig, Nationaltrainer Franco Foda rief mich an, ich sagte zu. Wir kannten uns vorher nicht. Nachdem er mich während einer Woche erlebt hatte, sagte er mir, er sei sehr angetan von meiner Art. Und gab mir für die Länderspielpause im November ein Urlaubsverbot.

«Ich brauche für mein Ego keine Abschiedszeremonie mit Ansprache und Blumenstrauss.»

Was sagte Ihre Frau dazu? Schliesslich bietet die Länderspielpause für einen Fussballer die seltene Möglichkeit, eine paar Tage am Stück frei zu machen.
Wir haben es gemeinsam entschieden. Ich habe eine sehr spezielle Beziehung zum Nationalteam. Auch in schwierigen Zeiten, etwa, als ich bei Trabzonspor aussen vor war, wurde mir immer die Stange gehalten.

Haben Sie deshalb auch nie den Rücktritt erklärt?
Ich brauche keine Abschiedszeremonie mit Ansprache und Blumenstrauss.

Prompt wurden Sie letzte Woche wegen einer Verletzung eines Konkurrenten erneut nachnominiert, kamen gegen Bosnien zu einem Teileinsatz.
Es ist sehr schön, dies noch einmal erleben zu können. Ich habe erst jetzt wahrgenommen, welche Wertschätzung ich bei Fans, den Leuten im Umfeld, den Medienvertretern und den Mitspielern erhalte. Wenn man alle vier Wochen zum Nationalteam reist, wird das einem nicht bewusst. Als ich im Oktober nach einem Jahr wieder dabei war, bin ich von der Liebe, die mir entgegengebracht wurde, fast erschlagen worden. Das hat mich enorm gerührt.

Wie ist Ihre Rolle?
Ich helfe gerne abseits des Platzes. Aber der Trainer hat gesagt, er brauche keinen Pausenclown, er habe mich meiner sportlichen Qualitäten wegen aufgeboten. Das zu hören, tat gut.

Weil in Lugano das Selbstvertrauen litt?
Die Zeit beim Nationalteam hat mir gezeigt, dass ich bei passendem Spielstil durchaus noch wertvoll sein kann. In Lugano habe ich manchmal das Gefühl, fehl am Platz zu sein.

Inwiefern?
Die Spielanlage in Lugano sieht nicht vor, Flanken zu schlagen. Das ist kein Vorwurf an den Trainer. Wir spielen auf Konter, haben mit Bottani, Carlinhos Junior und Gerndt geeignete Spieler für dieses System. Als Trainer würde ich wohl auch so entscheiden.

«Mir war alles lieber, als in Prag alleine Runden um den Platz zu drehen.»

Das muss entmutigend sein.
Natürlich ist es frustrierend, natürlich möchte ich öfter spielen. Aber ich bin nicht der Typ, der sich hängen lässt. Ich bin Lugano sehr dankbar, wurde mir letzten Winter die Gelegenheit gegeben, aus Prag zu fliehen. Bei Sparta wollte man mich aus finanziellen Gründen loswerden.

Sie waren dementsprechend froh, als das Angebot von Lugano kam.
Ja, obwohl ich ahnte, dass es so kommen könnte. Schliesslich war die Spielanlage in Lugano schon ähnlich. Aber mir war alles lieber, als in Prag alleine Runden um den Platz zu drehen.

Sie sagten vorhin, im Nationalteam sei Ihnen immer die Stange gehalten worden. Auch von Marcel Koller, der nun beim FC Basel ist. Wie bewerten Sie seine Arbeit?
Als er im Sommer übernahm, lief die Meisterschaft schon, er hatte keinen Einfluss auf die Mannschaftsgestaltung, das Team war zudem enorm verunsichert. Er hat ein Gespür für Menschen, ist ein hervorragender Trainer. Ich bin gespannt, wie sich Basel entwickelt, sollte er im Winter Einfluss auf dem Transfermarkt nehmen können.

Startet Basel dann die grosse Aufholjagd?
Man muss ehrlich sein, an YB führt kein Weg vorbei, die Meisterschaft ist fast entschieden.

Sie spielten von 2015 bis 2017 in Basel, als der FCB noch der übermächtige Serienmeister war. Überrascht es Sie, wie rasch und markant sich die Vorzeichen verändert haben?
YB war schon damals ein Titelanwärter, wir waren halt einfach ein klein wenig besser, holten in den wichtigen Partien die Punkte. Basel entschied sich dann zum Philosophiewechsel, in Bern wurde die tolle Arbeit fortgeführt. Man muss Adi Hütter ein Riesenkompliment machen. Er zeigt nun auch in Frankfurt, dass er ein richtig guter Trainer ist.

Sie würden nach Bern passen, hier ist es nicht verpönt, zu flanken.
Als wir gestern in der Videoanalyse Bilder von YB sahen, dachte ich kurz, wie schön es wäre, wenn ständig Flanken in den Strafraum fliegen würden. Und dann noch so präzise. Hoarau ist ein ausgewiesener Klassemann, mit Nsame hat man einen weiteren starken Stürmer.

Sehen Sie sich als Leidtragender des Basler Philosophiewechsels?
Es wurde nicht zu meinen Gunsten entschieden, was schade war. Aber es wurde immer offen kommuniziert, ich hege keinen Groll.

Aber ein wenig Genugtuung, dass es Basel nicht mehr läuft, verspüren Sie schon?
Nein, im Gegenteil, ich habe in letzter Zeit oft mitleiden müssen. Basel ist einer der wenigen Orte, wo wir uns als Familie wirklich zu Hause fühlten. Aber so ist der Fussball, manchmal kommt es anders als man denkt und hofft.

Ihr Vertrag in Lugano läuft im Sommer aus. Was folgt danach?
Ich habe keine konkreten Pläne, vielleicht mache ich woanders weiter. Klar ist, dass ich auch nach der Karriere dem Sport verbunden bleiben will –  in welcher Funktion auch immer. Nur Trainer will ich nicht werden.

Warum nicht?
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich weiss, dass ich privilegiert bin. Aber als Familie haben wir das ständige Leben aus dem Koffer allmählich satt. Wir wollen in meiner Heimatstadt Wien Wurzeln schlagen. Von dort aus werde ich meine zweite Karriere vorantreiben.

Vorerst packen Sie noch die Koffer fürs Nationalteam. Bleibt die Urlaubssperre bestehen?
Der Trainer hat mir gesagt, sie gelte auch fürs kommende Jahr. Ich könnte noch mal wichtig sein, sollte es zu Ausfällen kommen.

Berner Zeitung

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