Lichtsteiners Worte sorgen für hitzige Debatte

Können sich die Schweizer tatsächlich nicht mehr mit ihrer Nationalmannschaft identifizieren? Ehemalige Nationalspieler interpretieren Stephan Lichtsteiners Worte.

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Stephan Lichtsteiner trägt sein Herz nicht selten auf der Zunge. Dass er sich kurz vor dem wichtigen EM-Qualifikationsspiel gegen Estland öffentlich über die Nichtnomination von Tranquillo Barnetta und Pirmin Schwegler beschwert, ist dennoch überraschend. Gegenüber «20 Minuten» sagte der 31-Jährige, er habe «gehofft, dass es Platz im Aufgebot» für die beiden Mittelfeldspieler hat.

«Einsam und isoliert»

Noch polemischer äusserte sich der Starverteidiger von Juventus Turin in der «Basler Zeitung»: «Mir geht es nicht um ‹richtige Schweizer› und die ‹anderen Schweizer›, sondern darum, dass sich das Volk weiterhin mit dem Nationalteam identifizieren kann. Es ist ein heikles Thema, das weiss ich. Es ist aber auch ein Thema, vor dem wir uns nicht verschliessen dürfen.» Eine brisante Aussage, die für eine hitzige Debatte sorgt.

Im «Blick» analysiert der ehemalige Torjäger der Nationalmannschaft, Kubilay Türkyilmaz, die Worte des Aussenverteidigers kritisch: «Ich glaube, dass sich Stephan in der Nati zurzeit einsam und isoliert fühlt.» Es habe sich eine neue starke Gruppe gebildet, die Gruppe der Secondos mit Dzemaili, Shaqiri, Mehmedi, Seferovic, Rodriguez und Behrami. «Das sind alles kleine Leader, Jungs mit starker Persönlichkeit. Lichtsteiner wäre gerne der Leader der Nati, ist es aber nicht, weil es keine starke ‹Schweizer› Gruppe mehr gibt», so der 48-Jährige weiter.

«Personalentscheide unterliegen alleine Petkovic»

Jörg Stiel, ehemaliger Captain und Torhüter der Nationalmannschaft, sagt gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz: «Wie man auch immer die Aussage von Stephan Lichtsteiner interpretieren will: Für mich ist entscheidend, dass die Nationalmannschaft Erfolg hat und sich für die EM in Frankreich qualifiziert.»

Personalentscheide unterlägen alleine Vladimir Petkovic. Natürlich könne man die Meinung vertreten, dass sowohl Schwegler als auch Barnetta in diese Mannschaft gehörten. «Der Fussball tickt da aber wie folgt: Gewinnt die Mannschaft, hat Petkovic alles richtig gemacht. Verliert sie oder spielt sie heute gegen Estland nur unentschieden, werden wir uns sicher wieder mit den Personalien Schwegler und Barnetta beschäftigen dürfen.»

«Dann ist das sehr gefährlich»

Heinz Hermann, mit 117 Länderspielen nach wie vor Rekordnationalspieler und langjähriger Captain der Nationalmannschaft, erklärt gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz: «Ich hoffe nicht, dass Lichtsteiner mit seinen Aussagen Unruhe in die Mannschaft bringt. Die Ambiance in einem Kollektiv ist enorm wichtig. Aber wenn die Atmosphäre gestört ist und sich Grüppchen bilden, ist das sehr gefährlich.»

Heinz Hermann ist davon überzeugt, dass sich die Identifikation der Schweizer Fans mit der Nationalmannschaft nur über den Erfolg definiert. «Es ist doch völlig egal, wie viele Secondos in der Mannschaft stehen. Wenn die Schweiz gewinnt, freuen sich die Fans, wenn sie verliert, ärgern sie sich. So einfach ist das.»

Eine Umfrage von «Blick online» ergab, das sich 58 Prozent der User zurzeit offenbar nicht mehr mit der Nationalmannschaft identifizieren können.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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