Kontrollierter Feuerkopf

Der Unterschätzte: So könnte man ein Porträt über Leonardo Bertone auch betiteln. Der seit kurzem 23-jährige Mittelfeldspieler hat sich auch dank seiner Leidenschaft bei YB durchgesetzt – obwohl er nie als Riesentalent galt.

Der Vorkämpfer: Leonardo Bertone räumt im Mittelfeld konsequent auf. Und er hat sich auch spielerisch stark entwickelt.

Der Vorkämpfer: Leonardo Bertone räumt im Mittelfeld konsequent auf. Und er hat sich auch spielerisch stark entwickelt.

(Bild: Andreas Blatter)

Fabian Ruch

Heute versucht er, eine Mischung seiner Vorbilder zu sein. Spielen wie der kühle Passgigant Toni Kroos, arbeiten wie der feurige Zweikämpfer Arturo Vidal.

Leonardo Bertone lacht, als es um den Vergleich mit den Weltklassefussballern geht. Er lacht ohnehin viel, ist ein aufgeweckter Typ, freundlich und angenehm, auf den ersten Blick ein Traumschwiegersohn.

Dabei ist er ein Feuerkopf, tief drinnen lodert die Leidenschaft, das spürte der Berner mit italienischen Wurzeln bereits als Bub. «Ich konnte nie gut verlieren», sagt er. Heute fliege im Tischtennis schon mal der Schläger umher und an der Playstation der Controller. «Die Kollegen setzen sich vor dem TV nicht mehr neben mich, wenn wir zocken», sagt er. Und schmunzelt.

Ein wenig unter dem Radar

Zu Juniorenzeiten genoss Bertone keinen guten Ruf. Viele Karten, Fouls, Platzverweise prägten seinen Werdegang. «Ich war schwierig zu kontrollieren», sagt er. «Aber als ich bei den Profis trainieren durfte, merkte ich, dass ich nicht weiter machen kann, was ich will. Damals wurde uns Jungen ein Mentaltrainer zur Seite gestellt.»

Heute gelingt es dem Aufbauer ganz gut, sein Temperament zu zügeln. Er ist zwar immer noch der Vorkämpfer, der keinen Zweikampf scheut und dazwischenhaut, wenn es sein muss. Aber der Aggressivleader leistet sich kaum noch wüste Grätschen und blöde Verwarnungen.

Leonardo Bertone hat es weit gebracht. Kaum einer hätte ihm vor ein paar Jahren zugetraut, sich als wertvolle Kraft bei YB zu etablieren. Und er läuft immer noch ein wenig unter dem Radar, weil er keiner ist, der sich bei den Fans anbiedert oder ständig mit den Journalisten redet.

«Ich konzentriere mich auf die Arbeit auf dem Platz», sagt er. Bei den Junioren seien andere viel begabter gewesen. «Ich war nie ein Riesentalent. Und ich kenne auch heute meine Grenzen.»

Er lief einfach immer mit, war nie einer wie Goalie Yvon Mvogo, über den man sich bereits mit 17 Jahren Wunderdinge zuraunte. «Ich bin auch ein komplett anderer Spielertyp als Denis Zakaria, der ein riesiges Potenzial besitzt», sagt Bertone.

Kein Sechser, kein Zehner

Als Bertone in der ersten Mannschaft auftauchte, dachten viele Beobachter, der fleissige, aber spielerisch damals eher limitierte Youngster werde bald in die Challenge League ausgeliehen, zu Winterthur oder Wohlen AG, wie so viele andere Jungs aus der YB-Nachwuchsabteilung.

Doch Bertone, in Wohlen BE und Herrenschwanden aufgewachsen, biss sich fest. Mit Eifer, Zähigkeit, Tatkraft. Er durchlief bis zur U-21 die Schweizer Nachwuchsauswahlen und gilt längst als guter Super-League-Fussballer. In Bertone haben sich viele getäuscht, er wurde oft unterschätzt, was ihn zusätzlich anspornte.

Mitte März wurde Bertone 23. Und heute gilt er als Kandidat für einen Transfer ins Ausland. «Es freut mich, wie sich alles entwickelt hat», sagt Bertone, «ich habe hart dafür gearbeitet.» Er ist nicht mehr nur der rustikale Fighter, er verfügt über strategische Fähigkeiten und einen strammen Schuss, ist ein fähiger Freistossschütze.

Er sei kein Sechser wie Sékou Sanogo, der mit überragender Physis gesegnet sei und vor der Abwehr aufräume, sagt Bertone, aber er sei auch kein Zehner, der die Offensive dirigiere. «Ich bin ein Achter, ein defensiver Mittelfeldspieler, der sich gerne und regelmässig nach vorne einschaltet.»

Statistik verbessern

Die Entwicklung Bertones ist bemerkenswert. Sein Ehrgeiz ist unbändig, mit dem Team, aber auch persönlich. «Ich möchte in jeder Saison bessere Statistiken erreichen», sagt er. In der letzten Super-League-Spielzeit schoss er 5 Tore und ­bereitete 3 Treffer vor, derzeit steht er bei 3 Toren und 1 Assist. «Ich habe also noch viel zu tun.» Bei den Gelben Karten besitzt er derweil Spielraum, derzeit sind 4 Verwarnungen für ihn notiert, letzte Saison waren es 9.

Bertone findet übrigens nicht, dass es für YB in diesem Frühling sportlich um nicht mehr besonders viel gehe. Er klingt nun sehr professionell, wenn er erklärt, jedes Spiel sei wichtig, es gehe auch um die Zuschauer, die Glaubwürdigkeit, den Verein. «Wir wollen Rang zwei überzeugend verteidigen», sagt Bertone, der mit seiner Freundin in Wabern zusammengezogen ist. «Leider haben wir es im Cup versaut.»

Die blamable Heimniederlage im Viertelfinal gegen den Challenge-League-Abstiegskandidaten Winterthur sei unerklärlich. «Wir hatten für ein paar Minuten ein Blackout. Das war meine bitterste Niederlage.» Er glaube aber nicht, dass über YB eine Art Fluch laste. «Dafür bin ich zu realistisch. Wir müssen weitermachen. YB wird bald einen Titel gewinnen.»

Vielleicht nicht mehr mit Leonardo Bertone. Das Ausland ruft. Und eine Sache ist ihm dann schon noch wichtig klarzustellen. Wenn er sich entscheiden müsste, sagt er, würde er lieber spielen wie Vidal und nicht wie Kroos.

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