«Kaum jemand hätte mir so eine Karriere zugetraut»

Am Freitag trifft die Schweiz in Bern auf Island. Nationalspieler Stephan Lichtsteiner schwärmt von den jungen Secondos und spricht selbstbewusst über seine Rolle sowie über seine Erfolge bei Juventus.

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Fabian Ruch

Stephan Lichtsteiner, wer ist der beste Rechtsverteidiger der Welt? Stephan Lichtsteiner: Wenn man mit vier Verteidigern spielt, dann gehört Maicon in den letzten 5 Jahren dazu, er war bei Inter Mailand sehr prägend, zuletzt aber etwas weniger auffällig. Dann gibt es Daniel Alves, Philipp Lahm natürlich, Pablo Zabaleta spielt sehr gut, und ja, auch ich gehöre dazu.

Fühlen Sie sich denn wohler als Rechtsverteidiger wie im Nationalteam oder als Aufbauer im 3-5-2-System bei Juventus, wo sie deutlich offensiver spielen und die Seite rauf- und runterrennen dürfen? Ich spiele dort, wo mich der Trainer aufstellt. Umso besser, wenn ich auf beiden Positionen hervorragende Leistungen zeigen und dem Team möglichst nützlich sein kann.

Wo sind Sie besser? Das ist schwierig zu sagen. Und das sollen andere beurteilen.

Viele Beobachter sagen, Sie würden als Rechtsverteidiger zur Weltklasse gehören. Gibt es für Sie andere Schweizer Nationalspieler in dieser Kategorie? Auf jeden Fall, einige. Sicher Valon Behrami. Er wird in der Schweiz enorm unterschätzt. Behrami läuft und macht und erobert viele Bälle, er arbeitet hart fürs Team. Natürlich spielt Xherdan Shaqiri auf sehr hohem Niveau, er ist bei Bayern, dem besten Team Europas. Es ist beeindruckend, wie Shaqiri mit 21 Jahren auftritt. Und wir haben viele andere sehr gute Fussballer.

Was ist mit diesem Schweizer Nationalteam möglich? Viel, sehr viel. Wie lassen wenig Torchancen zu und haben eine extreme Qualität, aber wir müssen uns weiterentwickeln. Wir haben Deutschland 5:3 geschlagen, Kroatien auswärts 4:2, wir bezwangen Spanien und Brasilien. Das zeigt, was wir können.

Was kann die Schweiz an einer WM erreichen? Ihr Teamkollege Granit Xhaka meinte mal, der Halbfinal liege drin. Es braucht an einer WM auch Losglück, aber wir können die grossen Teams schlagen, das haben wir mehrmals bewiesen. Und wir haben mittlerweile eine gewisse Breite, das war früher anders. Wir sind erfahrener als an der WM 2010, reifer auch. Die Qualität ist insgesamt eine andere als früher.

Sie sind mit 29 Jahren auch ein Verbindungsspieler zwischen der Ära unter dem früheren Captain Alex Frei sowie den Jungen wie Shaqiri oder Xhaka. Wie sehen Sie Ihre Rolle im Nationalteam zwischen diesen Generationen? Die Jungen sind heute so, wie ich es als junger Spieler auch war. Sie haben grosse Lust, Fussball zu spielen, sie geben immer Gas, wollen Spass haben und siegen.

War das vorher nicht so? Sicher, und es war auch eine grosse Qualität da. Aber es war anders, die Schere zwischen den Spielern war grösser. Jetzt ist der älteste im Team erst 30 Jahre alt. Und heute wird viel mehr diskutiert. Früher hiess es einfach, was der Alte sagt, das stimmt. Wenn er meinte, etwas sei weiss, obwohl es braun war, dann war es weiss. Damit tat ich mich schwer. Es ist mir lieber, wenn die Jungen mitdenken. Dann redet man darüber. Deshalb fühle ich mich jetzt sehr wohl im Nationalteam.

Früher nicht? Doch, doch. Aber über mich hiess es früher oft, ich sei ein Besserwisser. Dabei geht es nur darum, dass man immer seine Meinung sagen darf. Nur so können sich Leaderfiguren entwickeln.

Gab es einen bestimmten Moment oder Match, wo Sie dachten: Mit diesen guten und jungen Spielern ist vieles möglich? Ich war von Anfang an überzeugt, dass der personelle Schnitt im Nationalteam gut ist. Wir haben heute mehr Spielqualität. Natürlich gibt es mühsame Partien wie zuletzt gegen Zypern. Aber wenn der Gegner am eigenen Strafraum steht, dann ist es schwierig. Wir müssen uns einfach verbessern und gewisse Bewegungen einstudieren.

Wie meinen Sie das? Ich gebe ein Beispiel: Ich passe auf der rechten Seite oft auf Shaqiri, hinterlaufe ihn und ziehe einen Gegenspieler auf mich, damit Shaqiri dann den Raum hat, etwas zu machen. Darauf kann sich ein Gegner gut einstellen. Dann werden wir lesbar. Also müssen wir andere Lösungen parat haben.

Wie sehr hat sich die Mentalität verändert, weil es zahlreiche Spieler mit einem ausländischen Hintergrund im Team hat? Wir sind ein Multikultiteam, und das ist gut so. Die Jungen und gerade die Secondos überlegen nicht so viel, es interessiert sie nicht, was über sie gesagt oder geschrieben wird. Das gefällt mir. Früher verloren wir zu viel Energie dafür, uns zu rechtfertigen. Es gehört zum Fussball, dass ein Journalist kritisch schreibt. Wie beispielsweise Xhaka mit seiner schwierigen Situation letzte Saison umging, war beeindruckend.

Inwiefern? Er spielte ja selten bei Gladbach, wurde scharf kritisiert, auch dafür, dass er ambitionierte Ziele hatte und dazu stand. Zudem war er als 20-Jähriger wegen seiner hohen Ablösesumme mit grossen Erwartungen konfrontiert. Jetzt hat er sich gefangen und spielt seit Wochen sehr gut.

Verfolgen Sie die Bundesliga in Italien intensiv? Ich habe das mitbekommen, weil ich als Leader des Nationalteams den Jungen helfen möchte, es hat mich interessiert, wie es Xhaka geht. Er ist wichtig für uns, er ist bemerkenswert selbstbewusst, fordert die Bälle, denkt nicht zu viel nach, wenn was schiefgeht, sondern will möglichst schnell eine bessere Aktion zeigen.

Wie gross ist denn die Gefahr, dass ein 20-Jähriger abhebt, wenn er Millionen verdient? Oft hat man ja nur das Gefühl, einer sei abgehoben. Dabei hat er sich bloss zurückgezogen. Es ist nicht einfach, mit Kritik umzugehen, und als 20-Jähriger ist es noch schwieriger. Jeder spricht über einen, man spürt Druck, das kann einen überfordern. Der Abwehrmechanismus hat dann wenig mit Arroganz zu tun, sondern viel mehr mit Unsicherheit.

Man kennt Sie als impulsiven Spieler, der sich oft aufregt und die Hände verwirft... ...das gehört zu meinem Bild. Es ist nicht einfach. Denn wenn man nicht alles gibt, wird man kritisiert, und wenn man emotional ist, wird man auch kritisiert. Ich sehe es so: Wenn man einen Angriffspunkt bei einem Spieler finden will, dann findet man einen.

Wie wichtig ist es Ihnen überhaupt, in der Öffentlichkeit sympathisch zu wirken? Es wird vieles über die Medien beeinflusst. Und früher wurde ich halt oft kritisiert für mein Verhalten. Ich gebe immer alles, das kann unsympathisch wirken, aber ich muss mich für nichts entschuldigen. Wichtig im Fussball sind Siege und Titel. Ich glaube, es gibt wenig Schweizer, die so viele Titel im Ausland gewonnen haben.

Sie sind ein Leader des Nationalteams, haben bald 60 Länderspiele bestritten. Was zeichnet einen Führungsspieler aus? Ich war schon in jüngeren Jahren ein Leader, weil ich nie aufgab und immer präsent war auf dem Platz. Das macht einen Führungsspieler aus. Wenn man immer ruhig ist, kann man auch kein Leader sein.

Waren Sie eigentlich schon immer so selbstbewusst? Ich wusste früh, wohin ich will und was ich erreichen kann. Aber ich wurde lange unterschätzt...

...von Medien, Trainern oder Mitspielern? Ganz allgemein. Es geht mir auch nicht um Wertschätzung oder um Anerkennung. Da gibt es Statistiken, Titel und Verträge, die sagen alles. Das sind Fakten. Es geht einfach darum, dass man mich unterschätzte. Das kann auch gut sein, man hat weniger Druck. Kaum jemand hätte mir so eine Karriere zugetraut.

Hätten Sie es sich denn mit 17 Jahren zugetraut, einmal bei Juventus eine Stammkraft zu sein? Ich wollte immer spielen, gewinnen, Titel holen, weiterkommen. Der Wille ist entscheidend.

Spüren Sie mehr Anerkennung, seit Sie bei Juventus sind? Noch einmal: Das ist mir nicht wichtig. Aber natürlich haben viele Leute registriert, dass ich mich bei Juve durchgesetzt habe.

In Ihrer Karriere ging es immer einen Schritt nach oben: Luzern, GC, Lille, Lazio Rom, Juve. Viele junge Schweizer planen die Laufbahn nicht so gut, gehen zu früh ins Ausland und sitzen auf der Bank. Werden Sie von den Jungen um Ratschläge gefragt? Nein, jeder muss selber wissen, wie er seinen Weg gehen will. Für mich waren das alles logische Schritte: Zuerst zu einem Topverein in der Schweiz zu gehen, dann zu einem in Frankreich und in Italien, schliesslich zu einem Weltverein wie Juventus.

Gibt es noch eine Steigerung? Würde ich darauf eingehen, hätte ich grosse Probleme. Es gibt immer Gerüchte, es heisst, Real, Paris, Arsenal seien interessiert. Ich fühle mich bei Juve sehr wohl, es ist ein Topverein, und ich bin immer noch hier, das sagt alles. Würde ich jedes Gerücht kommentieren, wäre ich 3 Jahre am Reden.

Kann man mit Juventus die Champions League gewinnen? Auf jeden Fall, wir haben wie einige andere Mannschaften sehr viel Qualität. Doch es braucht sicher auch Glück dazu. Ich bin seit 2 Jahren bei Juve, und die Euphorie im Verein ist nach den zwei Meistertiteln zuletzt riesig.

Und welchen Stellenwert geniesst eigentlich der Schweizer Fussball im Ausland? Der Schweizer Fussball geniesst sehr wenig Wertschätzung.

Ist das nicht ein bisschen streng? Nein, ich lebe ja im Ausland...

...und spielen wie andere Schweizer bei einem grossen Klub. Ja, der Einzelspieler wird schon geschätzt, aber der Schweizer Fussball an sich nicht. Wenn es heisst, einer sei Schweizer Meister geworden, dann sagt der Italiener, er habe mal die Serie C gewonnen. Unser Nationalteam dagegen hat an Respekt gewonnen, das merke ich auch an den Reaktionen der Juve-Mitspieler. Doch als Schweizer Fussballer hat man es in Italien nicht einfach.

Wann merken Sie das? Zum Beispiel im Training. Wenn ein Italiener und ein Schweizer in Italien gleich gut sind, spielt immer der Italiener. Immer.

In diesen Tagen wird mal wieder über die gewaltigen Transfersummen diskutiert. Ist es schwierig, auf dem Boden zu bleiben, wenn man Millionen verdient, über 10 Millionen Franken Ablöse gekostet hat und andere Teams 20 Millionen bieten? Zu viele Leute schauen leider darauf, was andere tun. Mein Motto ist: ‹Leben und leben lassen›.

Aber eben: Wie geht man damit um, Millionen wert zu sein? Daran denkt man nicht. Und ich lebe ja auch nicht in Saus und Braus. Doch das geht eigentlich niemanden etwas an. Und ich sage: Wenn einer ein schönes Auto kaufen will und sich das leisten kann, dann soll er das tun. Darüber wird zu viel geredet, viel zu viel.

Was fahren Sie für ein Auto? Ich habe einen Audi und einen Jeep.

Aber wenn ein Spieler wie zuletzt Gareth Bale 100 Millionen Franken Ablöse kostet, hört sich das doch sehr nach Kunstwelt an. Das sind teilweise schon gewaltige Summen. Aber es ist wie auf dem Immobilienmarkt. Wenn einer 5 Millionen Franken für ein Haus verlangt, und jemand bezahlt es, ist das ja ähnlich. Wir Fussballer können das sowieso nicht beeinflussen. Ich überlege mir nie, dass ich Millionen gekostet habe. Ich bin stolz auf Titel, nicht auf Ablösesummen. Und es macht mich stolz, bei einem der grössten Klubs der Welt eine wichtige Rolle spielen zu können.

Berner Zeitung

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