Jung, gut – und nicht mehr ganz so wild

Noch vor fünf Monaten war Mohamed Ali Camara allenfalls Ergänzungskraft bei YB. Jetzt hat er in seinem Spielstil eine Balance zwischen Hochrisiko und Sicherheit gefunden.

Treffsicher gegen Basel: Ali Camara freut sich schon wieder über ein Tor gegen Basel.

Treffsicher gegen Basel: Ali Camara freut sich schon wieder über ein Tor gegen Basel.

(Bild: Keystone)

Es gibt da dieses Video im Internet. Das unerschöpfliche Bewegtbildarchiv im Netz hält gewiss nicht nur die vorteilhaftesten Szenen der Menschheitsgeschichte für die Nachwelt fest, im Falle des Fussballers Mohamed Ali Camara ist das aber so. Von ihm spucken die grossen Plattformen noch immer jenes Video aus dem Jahr 2017 aus.

Es ist eine Zusammenstellung seiner besten Momente aus den 34 Spielen, die er in der damaligen Saison für den israelischen Club Hapoel Ra’anana absolvierte. Der heutige YB-Verteidiger grätscht, köpfelt und trifft in der ihm eigenen Art zwischen Eleganz und Kraft, Sicherheit und Hochrisiko. Untermalt ist das Kunstwerk mit fürchterlicher Musik aus der Abteilung Experimental-Elektronika.

Camara muss lachen, als er darauf angesprochen wird. Das habe sein Agent für ihn zusammengestellt, sagt er. Und es hat sich gelohnt: Ein paar Zeilen darunter erzielt Camara im Video seinen ersten Treffer in der Meisterschaft für YB. Ende September, Camaras Kopfball ist das 3:0, am Ende steht es 7:1. Und noch weiter unten: Anfang Dezember, Camaras Kopfball ist das 1:1 in Basel, am Ende steht es 3:1 für YB.

Sinnieren am Strand

Es sind Stationen eines intensiven ersten Halbjahrs des 21-jährigen Guineers bei YB. Schüchtern wirkte er bei seinen ersten Trainings im Juli, kurz nachdem die Young Boys aus dem Trainingslager im Südtirol zurück waren. «Ich war nervös», sagt er noch heute. In Ra’anana, einem Vorort von Tel Aviv, habe ihn einzig YB-Chefscout Stéphane Chapuisat mal beobachtet. «Ich fühlte mich sofort verpflichtet, meine Qualitäten zu zeigen.»

Behutsam führten ihn die Verantwortlichen an seine Aufgaben heran – zunächst schien es, als müsse sich Camara als Innenverteidiger weit hinten anstellen. Doch mit Saisonbeginn wechselte Kasim Nuhu zu Hoffenheim, es folgten erste Einsätze, später verletzte sich Grégory Wüthrich am Knie. Und ehe er sichs versah, stand Mohamed Ali Camara plötzlich auf der ganz grossen Bühne: das erste Spiel für ihn und für YB überhaupt in der Champions League, zu Hause gegen Manchester. Camara unterliefen beim 0:3 einige Schnitzer, gleichzeitig deutete er seine Fähigkeiten aber wie bei jedem Einsatz unübersehbar an.

Jeden Tag Fussball im Sand

«Wir hören bei YB nie auf, an uns zu arbeiten», sagt Camara. Es ist der Donnerstag vor dem Derby gegen Thun, und der junge Mann sinniert bei einem Teller Pasta darüber, wie das alles gekommen ist mit ihm und den Young Boys. Zum Nachdenken zog er sich während seiner Zeit in Israel an den Strand zurück, «ein paar Runden im Sand erinnerten mich an meine Kindheit», erklärt er. Bis er zehn war, wohnte er mit seiner grossen Familie (drei Brüder, eine Schwester) etwas ausserhalb der guineischen Hauptstadt Conakry. Jeden Tag Fussball im Sand, erst mit 13 der erste Club: der Satellite FC in Conakry. Früh durchsetzten wilde Wechsel und Leihgeschäfte die Karriere des jungen Camara, einmal weilte er in Belgien und Frankreich für Probetrainings – ergeben hat sich nichts.

Auf ihn gesetzt haben dann vor allem die drei Trainer in Ra’anana – und die Young Boys nach seinem Wechsel nach Bern. «Ich bin dankbar für all das Vertrauen, das man mir entgegenbringt», sagt er. «Nebst seinem Potenzial sticht seine Mentalität heraus», sagt sein Trainer Gerardo Seoane über ihn, «er ist enorm lernwillig.»

Mit Assistenztrainer Matteo Vanetta, im YB-Staff für die Defensive zuständig, arbeite er viel: «Von ihm habe ich taktisch enorm profitiert.» In seiner jüngsten Entwicklung scheint er sein wildes, kraftvolles Spiel, das auch im Strafraum oft sehr direkt auf Ball und Mann zielte, erfolgreich kanalisiert zu haben. Beim Rückspiel in Manchester vermochte er zu glänzen, gegen Basel in Abwesenheit des auch am Samstag gegen Thun verletzt fehlenden Captains Steve von Bergen ebenso.

Die Mittagszeit ist vorbei, der Blick geht zu seiner Uhr: Tissot, in schlichtem Schwarz. Als Bekenntnis zur Schweiz ist die Wahl aber nicht zu werten – «die habe ich mir in Tel Aviv gekauft», sagt er lachend. Dann der Abschied, ein Gruss und die Gewissheit: Ins Internet wird es noch die eine oder andere herausragende Szene dieses Spielers schaffen.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt