«Ich übernehme das Jubeln dann schon für sie»

Vor dem heutigen Spiel der Schweizer Fussballnationalmannschaft gegen Albanien in Luzern hebt Stephan Lichtsteiner den Einfluss der Secondos hervor – und fordert von ihnen aber auch Dankbarkeit.

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Es ist der Morgen vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Albanien, oben in Feusisberg. Stephan Lichtsteiner kommt vom Frühstück, bestellt sich einen Cappuccino und sagt: «Ich gehe nachher noch ins Krafttraining.»

Er hat sich vorgenommen, für sich eine halbe Stunde an der Rumpfstabilität und Schnellkraft zu arbeiten. Lichtsteiner, nach je drei Saisons bei OSC Lille und Lazio Rom seit einem Jahr erfolgreich mit dem grossen Juventus, ist mit seinen 28 Jahren und 50 Länderspielen zur Führungskraft im Nationalteam gewachsen. Das lässt der Rechtsverteidiger auch im Gespräch durchblicken. Er hat zu vielen Themen eine klare Meinung.

Haben Sie den Sieg gegen Albanien schon budgetiert?

Seit wir die Gruppengegner kennen, erwarten alle: Wenn die Schweiz nicht mit zehn Punkten Vorsprung Erste wird, ist alles schlecht. Das ist halt im Fussball so: Jeder will mitreden, es sieht alles einfach aus.

Dann sagen wir es anders: Die Schweiz ist Favorit, weil Albanien nur die Nummer 84 der Weltrangliste ist.

Es wird ein schwieriges Spiel.

Das ist die bekannte Floskel.

Aber sie trifft zu. Gegen Albanien gibt es ein Kampfspiel. Es ist einfach so: Die «Kleinen» sind sehr unangenehme Gegner, sie sind sehr gut organisiert, stehen sehr tief. Sie sind bereit, sich die Lunge aus dem Leib zu rennen, und haben immer zwei, drei schnelle Spieler, die ein Tor erzielen können. Wenn wir dann am Ende einen solchen Gegner 1:0 besiegen, ist man trotzdem nicht zufrieden.

Sie erwarten also keinen schönen Sommerabend wie vor vier Wochen in Split gegen Kroatien, sondern eine physische Herausforderung wie zuletzt in Slowenien.

Genau. Wer uns spielen lässt, der hat es relativ schwer. Slowenien liess das nicht zu. Mit Kampfstärke kann man uns in Schwierigkeiten bringen. Deshalb denke ich, dass Albanien ähnlich vorgehen wird. In einem Stadion, in dem alles eng ist und in dem vielleicht mehr Albaner sein werden als Schweizer.

Stört Sie das?

Das gehört halt zur Schweiz.

Was meinen Sie damit?

Dass wir sehr viele verschiedene Kulturen haben. Aber stören? Man hat in einem Heimspiel schon gerne mehr Unterstützung als der Gegner - vor allem, wenn der wie Albanien so sehr von Emotionen lebt.

Wie gross ist die Gefahr, diese Mannschaft zu unterschätzen?

Wir wissen, dass wir sehr viel Qualität besitzen. Wir wollen Gruppenerster werden. Aber Albanien unterschätzen? Das machen wir nicht. Wir wissen sehr gut, dass wir in unserer Gruppe Gegner haben, die uns mit ihrer Kampfstärke das Leben schwer machen können.

Ist es dann nicht ein Widerspruch, wenn Granit Xhaka nach dem Sieg in Slowenien sagt, mit dieser Mannschaft sei an der WM 2014 der Halbfinal möglich?

Eigentlich nicht. Warum?

Jetzt schon von solchen Zielen zu reden, obschon erst ein Qualifikationsspiel bestritten ist, ist ziemlich vermessen.

Es geht doch auch ums Träumen. Granit will damit nur sagen, dass wir an diese WM gehen wollen. Aber dass er jetzt die Aufgaben in der Qualifikation auf die leichte Schulter nimmt, glaube ich nicht. Und wenn es so wäre, würden wir Teamleader ihm schon klarmachen: Du, so einfach wird das nicht. Wenn es dann doch so einfach würde, umso besser. Dann wäre ich auch froh.

So forsch wie Xhaka würden Sie sich aber nie äussern?

Ich sage auch, es ist möglich, an einer WM in den Halbfinal zu kommen. Aber puuuh . . . Es ist brutal schwer, es braucht extrem viel Glück, es muss extrem viel zusammenpassen. Wir haben ja nicht das Kader wie Italien, Deutschland oder Spanien. Meine Aussage zu diesem Thema ist aber: Qualifizieren wir uns zuerst einmal für die WM!

Das tönt nach bodenständigem Schweizer.

Genau (lacht).

Was ist das Spezielle an dieser Mannschaft?

Sie ist geprägt von sehr vielen verschiedenen Mentalitäten. Im Gegensatz zu früher, als wir mehr klassische Schweizer in der Mannschaft hatten, die bodenständig waren und tiefstapelten. Jetzt haben wir viele Junge, die sagen: «WM-Halbfinal ist möglich.» Das gibt mehr Power.

Die Nationalspieler haben ihre Wurzeln in der Elfenbeinküste und der Türkei, in Chile, Albanien, Spanien, Italien. Wie nehmen Sie das wahr?

Nur positiv. Und wenn mir einmal etwas nicht passt, sage ich es direkt. Wir können dann zusammensitzen und auch streiten, aber am nächsten Tag trinken wir zusammen ein Bier. Wir sind ja alles Männer. So ist es. So muss es sein.

Ist es lockerer, gelöster als zu früheren Zeiten?

Vielleicht. Es ist die Unbekümmertheit der Jungen, die alles ein wenig lockerer macht. Auf dem Platz sieht man den Unterschied zwischen den beiden Mannschaften . . .

. . . also jene vor und jene nach dem Umbruch im Juni 2011 . . .

. . . ja. Aber ich will damit nicht sagen, dass es vorher negativ war. Mit der sogenannt alten Mannschaft nahmen wir immerhin an vier grossen Turnieren hintereinander teil. Jetzt ist es einfach anders. In spielerischer Hinsicht sind wir zweifellos einen Schritt vorwärtsgekommen.

Sie sagen: Wir sind alles Männer. Sagen Sie auch: Wir sind alles Schweizer?

Ja, natürlich. Oder sagen wir es so: Wir haben alle den Schweizer Pass. Wir wissen, dass bei uns sehr viele Secondos leben. Ich sage noch einmal: All diese verschiedenen Mentalitäten wirken sich grundsätzlich vorteilhaft aus - auch für mich als Eidgenossen (lacht). Ich habe überhaupt kein Problem mit irgendwelchen Herkünften oder Religionen. Ich lasse die Leute leben, und sie lassen mich leben.

Ist das Multikulturelle vor allem ein mediales Thema?

Nein, in der Schweiz ist das ein generelles Thema, weil die Einwohnerzahl von sieben auf acht Millionen gestiegen ist, weil mittlerweile der Anteil an Ausländern um die 20 Prozent beträgt. Davon kann das Land zum einen stark profitieren, zum anderen birgt das aber auch Gefahren. Wer hier leben will, muss sich anpassen, so wie das besonders unsere Nationalspieler vormachen. Es gilt einfach, gewisse Regeln zu befolgen. Ich kann es mir beispielsweise als Schweizer in Italien auch nicht erlauben, nur Deutsch zu reden und zu glauben, dass mich die Einheimischen verstehen müssen. Wir haben in der Schweiz auch eine Kultur, wir sind offen, und wir passen uns oft an.

Sie sprechen etwas an, das im ganzen Land sehr kontrovers diskutiert wird.

Es ist ein heikles Thema, ja, aber wenn man die Entwicklung der Zuwanderung beobachtet, muss man sagen: Irgendwann ist auch genug. Die Schweiz soll immer noch die Schweiz bleiben.

Ohne die Secondos wäre die Qualität der Nationalmannschaft aber kaum dieselbe.

Sie bringen viel mit, pflegen sicher einen schöneren Fussball. Es sind Spieler, die nicht zu viel überlegen, sondern einfach intuitiv handeln. Das gibt ihnen die Unbekümmertheit. Aber Regeln müssen sie trotz allem beachten. Sonst intervenieren wir Führungsspieler auch hier.

Sind Sie auch Polizist?

(lacht) Nein, ganz bestimmt nicht. Ich habe früher bei den Grasshoppers auch Fehler gemacht.

Sie waren in jungen Jahren ein rechter Irrwisch.

Das bin ich immer noch, einfach etwas kontrollierter (schmunzelt). Früher bekam ich oft zu hören: Du musst dich komplett ändern, sonst wird das nichts mit deiner Karriere. Aber ich wusste: Doch, es ist richtig, was ich mache. Ich bin ein Gerechtigkeitsmensch, der nur ein Ziel hat: zu gewinnen. In der Schweiz war das nicht alltäglich, dass plötzlich einer so forsch seinen Ehrgeiz formulierte. Ich will mir auf dem Platz keine Freunde schaffen, ich will auch dem Schiedsrichter nicht sympathisch sein. Ich spiele Fussball, weil ich den Erfolg anstrebe. Wenn ich als Fussballer in Erinnerung bleiben will, muss ich etwas gewinnen.

Sie sind also ein echter Eidgenosse, aber kein Bünzlischweizer.

Schönes Klischee . . . Ein Bünzli bin ich auf keinen Fall. Wenn die Hecke des Nachbarn zwei Zentimeter zu hoch ist, stört mich das doch nicht.

Allein fünf Spieler in der Schweizer Mannschaft sind albanischstämmig. Wie intensiv ist das vor diesem Match in Luzern intern diskutiert worden?

Es ist ein Thema gewesen. Aber diese fünf Spieler haben sich entschieden, für unsere Nationalmannschaft zu spielen. Sie haben von der Schweiz den Support erhalten, um überhaupt so weit zu kommen. Darum haben auch wir gewisse Anforderungen an sie. Emotional mag die Aufgabe gegen Albanien vielleicht speziell und schwierig sein, aber diese Spieler wissen, dass sie von den Vorzügen in unserem Land profitieren konnten, von Voraussetzungen, wie sie sonst kaum zu finden sind. Also darf man auch Dankbarkeit erwarten.

Erwarten Sie, dass Shaqiri, Xhaka oder Behrami jubeln, wenn ihnen gegen Albanien ein Tor gelingt?

Solange sie die Treffer erzielen, ist es mir egal, ob sie jubeln oder nicht. Ich übernehme das dann schon für sie.

Tages-Anzeiger

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