«Ich sehe keinen Nachteil im Älterwerden»

Diego Benaglio vom VfL Wolfsburg ist einer von fünf Schweizern, die in Brasilien ihre dritte WM bestreiten werden. Der 30-jährige Stammgoalie spricht im Interview über Erinnerungen, Emotionen und Erwartungen.

Überlegt: Diego Benaglio steht vor seinem dritten WM-Turnier in Serie und ist in den letzten Jahren zum Führungsspieler in der Nationalmannschaft gereift.

Überlegt: Diego Benaglio steht vor seinem dritten WM-Turnier in Serie und ist in den letzten Jahren zum Führungsspieler in der Nationalmannschaft gereift.

(Bild: Keystone)

Diego Benaglio, was sind Ihre ersten Erinnerungen an eine WM? Diego Benaglio: Das war bei der WM 1990 in Italien, mit dem Halbfinal Italien - Argentinien, den Italien leider verloren hat. Da habe ich erstmals mitgefiebert vor dem Fernseher.

Mittlerweile stehen Sie vor Ihrer dritten WM als Aktiver. Was ist Ihnen von den beiden ersten Turnieren am meisten geblieben? Bei der letzten WM hätte das sportliche Abschneiden besser sein können. Insgesamt aber sind mir die beiden ersten Turniere nur positiv in Erinnerung geblieben, erstens, weil es eine grosse Herausforderung ist, zweitens einfach das Allergrösste, was ein Fussballer erreichen kann.

Wie haben Sie sich seit Ihrem ersten Turnier 2006 verändert? Ich bin erfahrener geworden, die beiden WM-Turniere haben da sicher auch einen kleinen Teil dazu beigetragen. Generell sieht man mit 30 die Dinge auch etwas aus einem anderen Blickwinkel als vielleicht mit 18, zum Teil auch gelassener. Es ist kein Nachteil, ein paar Jahre mehr auf dem Buckel zu haben.

Sie müssen Bälle halten, daneben wird auch erwartet, dass Sie Impulse geben und ein Führungsspieler sind. Das sind viele Rollen. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut? Ich muss nicht viel anders machen als in den letzten Jahren. In eine solche Rolle wächst man hinein; je länger man dabei ist, desto mehr sollte man Verantwortung übernehmen, aber das habe ich immer sehr gerne gemacht. Ich greife auch gerne dem einen oder anderen Jungen unter die Arme, aber auf dem Platz muss ich natürlich in erster Linie meine Leistung bringen.

Ist das die beste Nationalmannschaft, die Sie erlebt haben? Aus meiner Sicht ist es unheimlich schwierig, die Qualitäten miteinander zu vergleichen. Die Teams vor meiner Zeit konnte ich nur aus der Ferne beobachten, und ich habe keine Ahnung, wie es jeweils mannschaftsintern war. Ich glaube, wir sind auf einem sehr guten Weg, es steckt viel Potenzial im Team. Wir haben einen guten Mix zwischen jungen Spielern und Routiniers, und das macht uns aus, das haben wir auch in der Qualifikation bewiesen. Wir werden nun alles daran setzen, auch den nächsten Schritt zu machen und an die guten Leistungen anzuknüpfen.

Im Vergleich zu vielen anderen im Team sind Sie schon ein alter Hase. Kommen Sie sich hier manchmal auch alt vor? Gerade wenn neue Spieler dazukommen, so im Alter von 18 oder 19 Jahren, merke ich schon, dass ich ein paar Tage älter bin. Aber eben, ich sehe keinen Nachteil im Älterwerden, gerade auf der Goalieposition. Die besten Jahre eines Goalies kommen oft gegen Ende der Karriere. Ich mache mir übers Älterwerden keine Sorgen, geniesse es, dass ich schon viele Sachen habe erleben dürfen. Das hat alles auch zu mehr Erfahrung geführt, und ich möchte auch nicht tauschen. Ich bin glücklich und zufrieden, so, wie es ist.

Ab wann werden Sie das Kribbeln spüren? In Südafrika war es so, dass es begonnen hat, als wir ins Land gekommen sind. So richtig kam das WM-Feeling am Tag des Abschlusstrainings vor dem ersten Spiel auf, als wir das erste Mal in einem WM-Stadion waren. Die Vorfreude ist riesig, das ist sie jetzt auch schon, aber dann weisst du, jetzt geht es wirklich unmittelbar los. Das wird sich jedoch in den nächsten Tagen schon langsam aufbauen, und ich werde nicht bis zum Abschlusstraining völlig entspannt sein und dann merken: «Hallo, jetzt geht es los.»

Vorher schon wird in der Schweiz eine Euphoriewelle das Team bis zum Abflug tragen. Geniessen Sie das so richtig? Gross Zeit, dies zu geniessen, bleibt nicht. Es ist aber schön, wenn man merkt, dass die Leute in der Schweiz sich sehr freuen und im Moment der Nationalmannschaft gegenüber sehr positiv eingestellt sind. Ich hoffe, das gibt uns zusätzlich Rückenwind.

Die Achtelfinalqualifikation gilt als Minimalziel. Auch für Sie? Ich denke, wir fahren ganz gut damit, wenn wir den Achtelfinal als erstes Ziel haben. Unterschätzen dürfen wir die Gruppe wirklich nicht, das wird kein Spaziergang. Wenn wir den Achtelfinal erreichen, wäre es zum einen ein schöner Erfolg, zum anderen noch früh genug, uns andere Ziele zu setzen.

Haben Sie schon davon geträumt, wie es wäre, den WM-Pokal zu stemmen? (lacht) Nein, solche Träume habe ich nicht. Aber natürlich würde jeder lügen, der sagen würde, er würde sich gegen ein solches Szenario sträuben. Ich lebe aber im Jetzt, nicht irgendwo in der Zukunft, und versuche einfach, jeden Tag das Beste zu machen. Ich will am Karriereende in den Spiegel schauen und sagen können: Ich habe alles gemacht, um so erfolgreich wie möglich zu sein.

Sie gelten als Musterprofi. Gab es bei Ihnen je einen solchen Moment, wo Sie in den Spiegel schauen mussten und sagten: Jetzt muss ich etwas substanziell ändern? Nein, ich musste nie in den Spiegel schauen und sagen: Jetzt muss ich mehr machen. Ich habe mich aber immer wieder hinterfragt, um zu optimieren oder meine Ziele noch schneller oder besser zu erreichen. Gott sei Dank habe ich einen gewissen Perfektionismus in mir, und das war immer mein Antrieb, nach noch mehr zu streben, tagtäglich das Optimum aus mir herauszuholen. Für diesen Antrieb bin ich auch dankbar.

Da sind Sie zwangsläufig auf andere mit weniger Perfektionismus gestossen. Sind solche Situationen schwierig für Sie? Es gibt immer mal Situationen, in denen es Reibungspunkte gibt und man sich die Meinung sagt. Das ist aber manchmal innerhalb eines Teams auch wichtig, um ans Ziel zu kommen. Wenn einer die ganze Woche nicht trainiert und nur auf der Massagebank liegt, am Wochenende aber die zwei entscheidenden Tore erzielt, bin ich der Letzte, der etwas dagegen hätte. Jeder muss selber wissen, was er persönlich braucht, um im entscheidenden Moment die Leistung abzurufen.

Wer sind für Sie die WM-Favoriten? Die üblichen Verdächtigen? Ja, schon. Brasilien im eigenen Land, Deutschland, Italien zähle ich auch immer dazu, Spanien ist in den letzten Jahren dazugekommen. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass eine andere südamerikanische oder eine afrikanische Mannschaft zur Überraschung werden könnte, auch wegen der klimatischen Bedingungen. Gerade Chile hat eine starke Entwicklung gemacht.

Die Ausgangslage für die Schweiz scheint vielversprechend. Bereitet Ihnen zum heutigen Zeitpunkt irgendetwas Sorgen? Nein, überhaupt nicht. Ich freue mich, dass wir jetzt dann die komplette Mannschaft zusammenhaben, nachdem der Anfang etwas speziell war mit der kleinen Gruppe in Feusisberg. Dann hoffe ich einfach, dass unser Team verletzungsfrei bleibt und die Gruppe, für die sich der Trainer entschieden hat, so zusammenbleiben kann. Wir werden jedenfalls alles daran setzen, dass wir der Schweiz eine tolle WM liefern können.

Berner Zeitung

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