«Ich hätte die Hosen voll»

Präsident des FC Thun Markus Lüthi fordert ein härteres Vorgehen gegen gewaltbereite Fans. Der 60-Jährige nimmt die Politik in die Pflicht und sagt: «Die Polizisten sind im Grunde ‹armi Cheibe›.»

Auf dem Chefsessel. Aber wie lange noch? Lüthi sagt, er beschäftige sich mit dem Rücktritt.

Auf dem Chefsessel. Aber wie lange noch? Lüthi sagt, er beschäftige sich mit dem Rücktritt.

(Bild: Raphael Moser)

Dominic Wuillemin

Herr Lüthi, Sie haben uns um 6.51 Uhr eine E-Mail zukommen lassen. Wann starten Sie gewöhnlich in den Tag? Ich stehe um 5 oder spätestens um 5.30 Uhr auf. Als Erstes mache ich Zen-Meditation, 30 Minuten lang, mit meiner Frau, konsequent, jeden Morgen, seit über 15 Jahren. Danach verlasse ich irgendwann den privaten Bereich und beginne zu wirken.

Wann nehmen Sie die Arbeit auf? Der Übergang vom Privaten ins Berufliche ist fliessend. Seit ich 2014 meine Firma verkauft habe, bin ich nirgends mehr wirklich operativ tätig. Das möchte ich auch nicht mehr; das habe ich viele Jahre gemacht, ich bin müde davon. Heute bin ich einfach aktiv – als Mensch, als Unternehmer. Ich habe eine Siebentagewoche. Und ich unterscheide kaum zwischen Ferien und Freizeit.

Fällt es leichter, in den Tag zu starten, nun, da es gut läuft beim FC Thun? Als ich begann, leisteten wir Entwicklungs- und Bereinigungsarbeit. Diese nimmt naturgemäss ab. Davon profitieren wir nun. Wenn die Dinge funktionieren, fällt alles leichter. Es ist angenehmer, sich mit Ihnen hier über derlei Dinge zu unterhalten, als wie vor zwei Jahren gefragt zu werden, ob es uns auch in der folgenden Saison geben wird.

War es auch damals jeweils ein Aufwachen? Oder gab es schlaflose Nächte? (Überlegt) Die Sache ging auf die Knochen. Das war eine sehr schwierige Zeit. Sehen Sie, ich bin ein empfindsamer Mensch. Wenn ich zur Arena fahre und Leute treffe, die mit grosser Leidenschaft dabei sind, während ich nicht weiss, ob wir die Lizenz erhalten werden, dann ist das nicht nur hart – es zerrt an einem. Das geht über schlaflose Nächte hinaus.

Rang 3, Cuphalbfinal, die Finanzen sind längst nicht mehr in dieser Intensität Thema: Geht es dem FC Thun so gut wie nie? Wir spielen in der neunten Saison in Folge in der Super League, die fünfzehnte insgesamt. Wir werden höchstwahrscheinlich nicht absteigen, und ich zweifle nicht daran, dass wir die Lizenz kriegen werden – uns geht es sehr gut, ja, das ist ein Höhepunkt in der jüngeren Zeit.

Nicht gut sind die Zuschauerzahlen. Rund 3000 Menschen im Cupviertelfinal – das ist bemerkenswert wenig. Vermutlich müssen wir das Format Cup überdenken, inklusive der Spielansetzungen. So, wie das gerade läuft: Da stimmt etwas nicht.

Erschraken Sie, als Sie die leeren Ränge sahen? Nein. Ich war kein bisschen überrascht. Enttäuscht aber natürlich sehr wohl. 19.30 Uhr, an einem Donnerstag: Familien kommen da nicht. Und die Saisonkarten sind im Cup nicht gültig. Das wirkt sich aus.

Gab es einen Zusammenhang zwischen dem geringen Zuspruch und den Vorkommnissen rund um das GC-Heimspiel wenige Tage davor, als Zuschauer ihren angestammten Platz hatten verlassen müssen? Eine fundierte Antwort kann ich Ihnen nicht liefern. Ein Grund waren die Ereignisse bestimmt.

Die Massnahme mit dem sogenannten Kombiticket war erstmals zur Anwendung gelangt. Die GC-Fans hatten sich nicht daran gehalten und kauften Karten für den neutralen Sektor. In einem Communiqué bezeichneten Sie die Massnahme als gescheitert. Es war klar, dass nach dem letzten Heimspiel gegen GC etwas passieren musste. Die Geschehnisse damals im Dezember – damit hatte die Problematik ein neues Ausmass erreicht. Niemand wusste genau, was nun dabei herauskommen würde. Befriedigend aber ist die Lösung nicht, für niemanden. Ich war fast froh, dass Sorgic nach einer Viertelstunde den Penalty zum 2:0 nicht verwertete. Hätte Dejan getroffen, wäre es brenzlig geworden.

«Ich war fast froh, dass Sorgic gegen GC den Penaltyzum 2:0 nichtverwertete.»

Was lief schief? Es geht nicht darum, jemandem Fehler in die Schuhe zu schieben. Es war wichtig, dass einer den Lead übernimmt. Peter Siegen-thaler als Vorsteher Sicherheit der Stadt Thun tat dies. Wir hätten es nicht besser hingekriegt. Doch die Erfahrung zeigt aus unserer Sicht, dass die Massnahme an sich nichts taugt.

Was wäre Ihre Lösung? Wir verschleudern Unmengen an Steuergeldern, an Polizei- und Justizmitteln, ohne dass jene, welche die Kosten verursachen, gross zur Rechenschaft gezogen würden. Es gibt kaum Identifizierungen, kaum Festnahmen und erst recht keine Verurteilungen. Das ist ein Problem. Was getan wird, hat keine Wirkung.

Sie wünschten sich, dass härter durchgegriffen würde. Natürlich. Die Polizei muss ermitteln, die Leute identifizieren und festnehmen können. Den Auftrag dazu muss die Politik geben. Die Polizisten sind im Grunde ‹armi Cheibe›. Du machst deinen Job – und erfährst dann, dass die Typen, die du festgenommen hast, freigelassen und nicht verurteilt werden.

Wie viele Reklamationen seitens der Saisonkarteninhaber haben Sie erhalten? Sehr, sehr viele. Wir wurden erschlagen von all den Rückmeldungen. Wir haben uns entschuldigt und werden allen Betroffenen ein kleines symbolisches Geschenk ausstellen.

Der harte Kern der Thun-Fans protestierte ebenfalls gegen das Kombiticket. Wie gross ist die Kluft zwischen ihnen und den gemässigten Anhängern? Ich würde es nicht als Kluft bezeichnen – es ist eine positive Mehrschichtigkeit. Die Leuten haben unterschiedliche Inhaltsvorstellungen, unterschiedliche Motivationen. Die Lager können sich durchaus gegenseitig bereichern. Jeder mag eine schöne Kulisse mit Fahnen und tollen Choreos.

Aber? Sobald der Rechtsstaat verlassen wird, sobald es Personen- oder Sachbeschädigungen gibt, sobald es kriminell wird, muss man eingreifen. Da habe ich null Toleranz.

Sind alle Fans, die sich zu der Szene der Ultras zählen, zu einem gewissen Grad gewaltbereit? Das kann ich nicht beurteilen. Aber wenn ich Bilder des Mobs sehe, denke ich mir: Polizist möchte ich da nicht sein. Ich hätte die Hosen voll.

Durch die jüngsten Vorkommnisse fühlen sich all jene bestätigt, die sagen: Spiele besuchen – das tu ich mir nicht länger an. Ich bleib zu Hause. Ich widerspreche nicht – das bedaure ich sehr.

Wie sehr hat sich die Fanszene seit dem Auszug aus dem Lachenstadion verändert? Sie ist grösser geworden. Und jünger. Junge Menschen übertreten eher mal eine Linie. Aber mit ihnen haben wir keine grossen Sorgen. Mindestens nicht an den Heimspielen. Es gab die Sache mit den Buhrufen während des Auftritts der Musiker. Aber darüber haben wir gesprochen.

Teile der Anhänger forderten Ihren Rücktritt. Ich sagte ihnen, dass wir so was hier nicht wollen; dass sie sich einen andern Club suchen müssten, wenn sie sich so verhielten. Ihre Reaktion war: Dann musst du gehen.

Eine einigermassen anmassende Haltung dieser Leute. Das mag sein. Aber, sehen Sie: Diese Menschen ticken anders als ich. Wenn ich mit ihnen spreche, muss ich mich sehr anstrengen, damit ich auch nur 15 Prozent ihres Weltbildes verstehe. Aber mich interessiert, wie sie denken. Ich suche den Dialog, das Konstruktive. Es wäre falsch, sich ihnen zu verweigern.

Sie setzten durch, dass alle Mitglieder des FC Thun einen Kniggekurs besuchen. Wird so was durch die jüngsten Ereignisse nicht absurdum geführt? Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ausschreitungen kann man nicht durch Knigge verhindern. Sie sind auch kein Fussballproblem. Das sind soziale Strömungen.

Wenn es kein Fussballproblem sein soll: Weshalb fühlen sich diese Leute von Fussballclubs angezogen? Da wird dir ein Rhythmus geboten, ein Zuhause. Du findest dich am Wochenende in einer Gruppe wieder. Du reist gemeinsam, du trägst dieselben Farben. Das verbindet.

Es ist offenbar auch ein Ventil. Anscheinend, ja. Als ich Teenager war, fuhren wir in Interlaken mit 500er-Töffli Wettrennen von Bönigen nach Iseltwald. Als der Dorfpolizist kam, warfen wir ihn in den Brunnen. So was wäre heute undenkbar. Der Leistungsdruck ist gestiegen. Den Fussballmatch betrachten einige nun als Ort, an dem man sich austoben kann.

«Als ich Teenager war, fuhren wir mit Töffli Rennen. Als der Polizist kam, warfen wir ihn in den Brunnen.»

Sie haben Knigge- und Social-Media-Kurse initiiert, betreiben Zen-Meditation: Kommen Sie sich im Fussballgeschäft manchmal deplatziert vor? Im Leben hat das Wasser in der Trinkflasche nicht immer die richtige Temperatur. Es gibt Momente, da fragt man sich: «Warum mache ich das eigentlich?» Aber deplatziert komme ich mir nicht vor. Ich betrachte die Tätigkeit als Geschenk.

Bevor Sie sich zur Wiederwahl stellen, suchen Sie jeweils das Gespräch mit Ihrer Frau. Bald steht die Generalversammlung an. Haben Sie das Gespräch geführt? Klar, meine Frau Sybille ist ein enorm wichtiger Teil meines Lebens. Die Frage, ob ich weitermachen soll, stelle ich jeweils auch ganz ernsthaft Ändu, Marc und Joël (Sportchef Gerber, Trainer Schneider, Finanzchef Kissling, Anm. d. Red.).

Wie lautet die Antwort? Dass ich weitermachen soll. Aber hätten Sie mich vor 5 Jahren gefragt, ob ich mich mit dem Rücktritt beschäftige, hätte ich gesagt: «Nein!». Heute sage ich: aus Altersgründen deutlich mehr als auch schon. Das Verrückte und Schöne zugleich beim FC Thun ist, dass wir enorm verbunden sind. Marc wohnt mit seiner Familie in der Nähe, Ändu und Joel auch. Jeder sagt: «Solange du bleibst, bleibe ich auch.» Das macht den Entscheid aufzuhören schwierig.

Machen Sie sich Gedanken über eine Nachfolgelösung? Ich mache mir immer Gedanken, Gedanken sind ein hohes Gut. Die Frage ist, ob ich auch handle. Meine Erfahrung im Fussball ist, dass man Dinge zu früh angehen kann. Solange wir in der Führung wissen, dass keiner auf absehbare Zeit geht, müssen wir ja nicht darüber reden, was irgendwann mal sein wird.

Wird es je den Markus Lüthi geben, der ausschläft und nicht in der Früh Mails beantwortet? Ich reflektiere periodisch: Wie geht es mir körperlich und seelisch? Wie viel Engagement mag ich noch geben? Wie oft möchte ich aus beruflichen Gründen reisen? Aber man kann auch ohne Job gebunden sein: Schauen Sie sich die Rentner in den Schrebergärten an.

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