Premieren auf Prachtsbühne

YB-Thun

In einem Derby mit fast 1001 Geschichten schreiben zwei Fussballer am persönlichen Märchen. Kevin Bigler trifft erstmals, Léo Seydoux debütiert in der Startelf.

Als machten sie sich einen Spass daraus: Diesmal trifft Guillaume Hoarau in der 92. Minute zum YB-Sieg.

Als machten sie sich einen Spass daraus: Diesmal trifft Guillaume Hoarau in der 92. Minute zum YB-Sieg.

(Bild: Raphael Moser)

Fabian Ruch

Bilder lügen selten. Aber sie erstaunen manchmal. Am Ende des aufwühlenden, spektakulären Derbys feiern die YB-Spieler vor der Fankurve ausgelassen, als hätten sie den Vorsprung auf den kleinen Nachbarn Thun nicht einfach von 18 auf 21 Punkte ausgebaut – sondern dank des 3:2-Sieges soeben heroisch Rang 1 erobert.

Es ist indirekt auch ein Kompliment für die wackeren Thuner, die dem souveränen Leader alles abverlangten, 1:0 und 2:1 führten, viele kleine Dinge richtig erledigten und bewiesen, mit Recht weit oben in der Tabelle zu stehen.

Und doch schlichen die Akteure Thuns nach den zwei späten Gegentreffern geknickt in die Kabine. Ihnen war herzlich egal, trugen sie viel zu einer tollen Begegnung mit fast 1001 Geschichten bei.

Eine davon schrieb Kevin Bigler. Als Einwechselspieler gelang ihm Mitte der zweiten Hälfte das 2:1 für die Thuner. «Leider waren wir in der Schlussphase zu hektisch», sagt Bigler enttäuscht, «wir haben den Ball zu schnell wieder verloren.» Seine Analyse ist beeindruckend scharf, als würde er jedes Wochenende im Fokus der Medien stehen.

Dabei erzielte der 26-Jährige sein erstes Super-League-Tor, ausgerechnet im Stade de Suisse, ausgerechnet gegen YB, jenem Verein, bei dem der Berner als Nachwuchskraft zwei Jahre versucht hatte, sich zu etablieren. «Das ist speziell, und irgendwann werde ich stolz darauf sein», sagt Bigler, «aber nun sind wir einfach alle kaputt und traurig, hat es mit dem Sieg oder zumindest einem Punkt nicht geklappt.»

Über 1000 Tage verletzt

Vor ein paar Jahren galt Bigler als Talent, den absoluten Durchbruch aber hat er bisher nicht geschafft. Das liegt vor allem an seinem riesigen Verletzungspech, seit 2012 fehlte er über 1000 Tage wegen diverser Blessuren an Rücken, Schulter, Arm, Kopf, Knie und Achillessehne!

Für ihn ist es am Samstagabend vor über 27'000 Zuschauern bestimmt eine Genugtuung, endlich und mit Verspätung als Torschütze auf höchster nationaler Fussballbühne angekommen zu sein. Es spricht für seinen Ehrgeiz und jenen des FC Thun, überwiegt im Oberländer Lager aber der Ärger über die knappe Niederlage.

Auch bei Vorarbeiter Dennis Hediger. Der Captain steht jedes Wochenende im Fokus der Medien, und er nimmt das Lob für die starke Thuner Leistung zwar an, antwortet aber: «Okay, wir haben ganz ordentlich verteidigt und waren gut. Aber wir haben eben nicht clever genug verteidigt und waren am Ende doch nicht gut genug.»

Man sei taktisch auf der Höhe und flexibel gewesen, habe viele zweite Bälle gewonnen und auch im Kopfballspiel lange überzeugt. «Leider setzte sich Hoarau dann doch noch einmal durch», sagt Hediger. Und: «Man muss akzeptieren, dass YB über richtig viel Qualität verfügt und auch nicht den schlechtesten Tag erwischte. Für uns ist es sehr bitter, aber der YB-Sieg ist nicht unverdient.»

Der Neue hinten rechts

Bei den Rückstände-Aufholen-Experten der Young Boys ist unterdessen die Euphorie nach dem Derbysieg zu spüren. Von einer «starken Willensleistung» spricht Sandro Lauper, der gegen seinen früheren Verein eine formidable Darbietung bot.

Und Miralem Sulejmani lobt, mal wieder, Geduld, Selbstbewusstsein und Vertrauen des Teams. «Wir behielten die Ruhe», sagt der Serbe, «das ist eine Qualität von uns. Und wir wissen, dass wir jederzeit auch ganz spät noch ein Tor erzielen können.»

Das liegt unter anderem an seiner besonderen Klasse bei ruhenden Bällen, wie man im Fussballjargon sagt. Butterweich segelte Sulejmanis Freistoss vor dem 3:2 in der 92. Minute auf den Kopf Guillaume Hoaraus.

Auch bei YB gibt es eine Premiere zu feiern. Léo Seydoux steht wegen der Sperre von Rechtsverteidiger Kevin Mbabu erstmals in der Startformation, es ist sein zweiter Einsatz in der Super League. «Natürlich war ich ein wenig nervös», sagt Seydoux, «aber ich wurde top unterstützt. Wir haben aggressiv und dominant gespielt, der Sieg war sehr emotional.»

Der Freiburger gefiel mit Dynamik und Ballsicherheit, er ist ein Versprechen, über Remaufens, Bulle und Freiburg war er 2013 mit knapp 15 Jahren zu den Young Boys gestossen. Mittlerweile ist er im U-20-Nationalteam angelangt. Und am Samstag gab er seine Visitenkarte in der Super League ab.

Berner Zeitung

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